Doping

Vollgepumpt mit Testosteron

Über einschlägige Online-Angebote kommen Konsumenten sehr einfach zu Anabolika. Trotz bekannter Risiken fehlen aktuelle Studien zum verbotenen Dopingmittel. Ein neuer Film will aufklären.

Nicht nur im Spitzensport wird gespritzt auch Hobby-Bodybuilder nutzen Anabolika.

Nicht nur im Spitzensport wird gespritzt auch Hobby-Bodybuilder nutzen Anabolika. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dicke Post für einen Winterthurer Zahntechniker: Der 23-Jährige hatte versucht, mehrere Tausend Tabletten sogenannter Anabolika in seinem BMW über die Grenze zu schmuggeln. Er hatte sie offenbar in der Schweiz weiterverkaufen wollen. Die Grenzwache in Thayngen stoppte ihn aber, die Staatsanwaltschaft sprach ihn später wegen Förderung von Doping schuldig und brummte ihm eine Geldstrafe von über 10'000 Franken auf.

Anabolika sind Hormonpräparate, die sich vor allem Bodybuilder spritzen, weil damit schnell Muskeln aufgebaut werden können. Mit Ausnahme des Eigengebrauchs sind sie in der Schweiz aber verboten. Denn Anabolika sind gefährlich: Nimmt man die Hormone über längere Zeit, steigt das Risiko für Lebererkrankungen, Schlaganfälle oder Herzinfarkte massiv.

Vor ein paar Jahren schockierte der Fall eines jungen Bodybuilders aus dem Kanton Jura, der mit 23 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Neben seinem leblosen Körper fand die Polizei Anabolika-Präparate.

Statussymbol «guter Body»

Die Zürcher Fachstelle zur Prävention des Suchtmittelmissbrauchs (ZFPS) hat die Risiken des Anabolikakonsums nun zu einem ihrer Schwerpunkte ernannt. Zum Start des neuen Schuljahrs konzipierten sie einen halbstündigen Film, in dem Anabolika-Konsumierende, ein Kardiologe sowie ein Psychiater über die Substanz aufklären. Damit wollen sie Berufs- und Mittelschüler über die Risiken des Mittels informieren und eine Debatte über das heutige Bild vom idealen Körper anstossen.

«Über Medienberichte, persönliche Kontakte und die Zahl der beschlagnahmten Sendungen am Zoll ist uns aufgefallen, dass Anabolikakonsum im Freizeitsport aktuell ist», sagt Projektleiterin Laura Jucker. «Ein guter Body mit definierten Muskeln ist zu einer Art Statussymbol geworden.» Das zeige auch der unter Jugendlichen als Schimpfwort benutzte Ausdruck «Lauch», mit dem ein magerer Mann bezeichnet wird. «Jemand, der früher als durchschnittlich trainiert galt, ist heute ein Lauch.» Und für Frauen gelte «strong is the new skinny».

Aktuelle Zahlen fehlen

Obwohl sich Experten über die Risiken von Anabolika einig sind, ist die Datenlage in der Schweiz zum Thema äusserst dünn. Aktuelle Studien zum Anabolika-Konsum fehlen gänzlich. Eine der wenigen Studien überhaupt stammt aus Deutschland und beruht auf einer landesweiten, anonymen Umfrage in deutschen Fitnessstudios. Sie wurde Ende der Neunziger Jahre durchgeführt. Laut dieser konsumieren 22 Prozent der Männer und 8 Prozent der Frauen leistungssteigernde Mittel. Die Ergebnisse sind mit Vorsicht zu geniessen, trotzdem stützt die Umfrage den Verdacht, dass auch unter Hobbysportlern gerne zur Chemie gegriffen wird.

Die einzigen Zahlen für die Schweiz stammen vom Zoll, der die Anzahl Pakete mit verbotenen Dopingmitteln der Stiftung Antidoping meldet. In den letzten Jahren hat dieser jährlich zwischen 400 und 600 Paketen gemeldet. Die Zollbeamten kontrollierten grundsätzlich stichprobenartig, wie die Zollverwaltung mitteilt. Welcher Zoll bei Schmugglern wie beliebt ist, wird nicht erhoben.

Obwohl ein Grossteil der eingezogenen Mittel Anabolika waren, kann Antidoping keine Zahlen zum Konsum oder Missbrauch von Anabolika liefern. Eine Befragung von Anabolika-Konsumenten, die die nationale Stiftung laut dem Bundesrat 2015 durchgeführt haben soll, ist dem heutigen Direktor nicht bekannt. «Die ZFPS kann sich leider nicht auf eine gesicherte Datenlage stützen», sagt Jucker. Eine Schätzung verschiedener EU-Länder gehe davon aus, dass in Europa jährlich für mehrere Hundert Millionen Euro Anabolika über den Schwarzmarkt bezogen werden. «Wir würden eine aktuelle Studie zum Konsum und zur Verbreitung sehr begrüssen.»

«Ein guter Body mit definierten Muskeln ist zum Statussymbol geworden.»Laura Jucker
Projektleiterin Zürcher Fachstelle
zur Prävention des Suchtmittelmissbrauchs

Trotz fehlender Datenlage befindet das Bundesamt für Gesundheit in einer Stellungnahme, dass «der Körperkult bei Jugendlichen immer wichtiger werde» und die körperliche Leistungssteigerung im Visier des Amts sei. Derzeit gelte es, die Datenlage zu verbessern. Die Stiftung Sucht Schweiz vermeldete bereits 2012 den Trend zur Leistungsoptimierung mit Medikamenten und anderen Mitteln.

Klar ist, dass es sehr einfach ist, an die verbotenen Mittel zu kommen. Das bestätigt auch ein ehemaliger Konsument: «Ich sprach einfach den Typen im Fitness an, der am meisten Muskeln hatte.»

Der Online-Handel mit Präparaten boomt. Ein Sprecher der Zollverwaltung bestätigt, dass die immer grössere Paket-Flut eine Herausforderung für das Personal am Zoll sei. Manchmal müssen die Pakete aber gar nicht über die Grenze: Über die professionell gestaltete Webseite anabol4you.de können ganz einfach verschiedenste Testosteron-Derivate bestellt werden. Diese werden direkt aus einem Depot in der Schweiz versendet, wie der deutsche Anbieter auf der Seite mitteilt. Somit passierten keine Pakete den Zoll und kämen bedenkenlos beim Empfänger an.

Keine griffigen Gesetze

In der Schweiz ist das Doping-Gesetz weniger streng als in den Nachbarländern. In Österreich kann Sportbetrug strafrechtlich verfolgt werden, Deutschland hat seit drei Jahren ein Anti-Doping-Gesetz. Mit dem neuen Sportförderungsgesetz von 2012 wurden die Strafbestimmungen zwar verschärft, aber weil der Eigengebrauch weiterhin erlaubt ist (ausser für lizenzierte Sportler), müssen Käufer in den meisten Fällen nur mit einem verwaltungsrechtlichen Verfahren rechnen. Die Gebühren dürfen höchstens kostendeckend sein. Das erschwert den Kampf gegen Doping in der Schweiz.

Die Politik will diese Praxis ändern. Bereits im März 2018 reichte der FDP-Nationalrat Jacques Bourgeois (Waadt) eine Interpellation ein. Darin fordert er den Bundesrat auf, zu prüfen, welche Möglichkeiten dieser sehe, den Kampf gegen Doping zu verstärken.

Der Bundesrat zeigte wenig Verständnis für sein Anliegen. Er ist der Auffassung, dass das bestehende Recht ausreicht, um Doping in der Schweiz effizient zu bekämpfen. Er findet sogar, dass die schweizerische Gesetzgebung betreffend Doping international Vorbildcharakter habe und eine effiziente Bekämpfung von Doping erlaube.

Erstellt: 16.06.2019, 15:18 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich fühlte mich wie der Allergeilste»

Doping Er spritzte sich Testosteron, bis es in seiner Brust zu hämmern anfing. Ein ehemaliger Anabolika-Konsument erzählt. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!