Zeitreise

Vom Schandbänkli und von der Badetante

Als Charlotte Hug ein Kind war, spielte man nicht auf der Strasse, und es gab keine Spielplätze. Schöne Erinnerungen hat sie aber ans Schwimmen im Geisi, ans Schlitteln im Tösser­tobel und ans Schliiffschüendle auf dem Zelgli. In einer kleinen Serie blicken wir mit der 100-jährigen Winterthurerin zurück.

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Charlotte Hug ist zwar am Obertor 1 aufgewachsen, aber nicht auf der Obertorgasse. «Damals durften wir nicht auf die Strasse, man ging nicht auf die Strasse spielen», erzählt sie, den Ton ihrer ­Eltern zitierend. Ihr Spielplatz war ein Familiengarten, der sich östlich des Vrenelisgärtlis an der Rychenbergstrasse befand.

«Gireiti, Sandhaufen – alles hatten wir Kinder dort. Unser Grossvater besass auch noch Reben und wir halfen jeweils beim Wümmet mit», fährt sie fort, «doch immer mit der Mutter da hinaufzulaufen, das hat uns schwer gestunken. Für uns Kinder war es ja ziemlich weit und ein Auto besassen wir nicht.»

Im Besitz von Sulzer-Ziegler

Kinderspielplätze, wie man sie heute kennt, gab es in den 1920er-Jahren nicht. Auch der Vöge­lipark, auf den man von der Wohnung von Charlotte Hug aus hin­über blickt, kam nicht infrage: Damals waren das Lindengut und sein Park noch ein privates Grundstück im Besitz der Familie Sulzer-Ziegler.

«Ich wollte, wir hätten da drüben einen Blätz Land, damit wir einen Ort zum Spielen haben», habe sie ihren Eltern oft gesagt – doch erst nachdem die Stadt das Grundstück 1946 gekauft hatte, wurden Gebäude und Park der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

«Einen Buben hat er gar übers Knie ­genommen und  mit dem Stecken ­verhauen.»Charlotte Hug

Etwas besser erging es punkto Bewegungs- und Spielmöglichkeiten ihrer vier Jahre jüngeren Schwester Verena: «Die hat sich ihre Freiheiten genommen und mag sich sehr wohl daran erinnern, dass sie im Obertor auf Stelzen herumgelaufen ist», erzählt Charlotte Hug.

Sie selber sei halt zu dieser Zeit bereits ins Gymi gegangen und habe nur die Schule im Kopf gehabt. Mehr oder weniger, wie sie betont: «Ich war kein Schanzknochen», sagt sie, wie man damals die Streber nannte. «Aber ich hatte ein gutes Kurzzeitgedächtnis und lernte oft in der Pause noch schnell ein Gedicht auswendig, damit ich es in der Stunde aufsagen konnte. Wenn man mich aber eine Woche später gefragt hätte . . .»

Auf dem Schandbänkli

Doch zuvor besuchte sie den Kindergarten Inneres Lind an der St.-Georgen-Strasse 59a. Dieser war 1876/77 im Auftrag der Hülfsgesellschaft Winterthur als ­Musterkindergarten nach den fortschrittlichen pädagogischen Ideen von Friedrich Fröbel (1782–1852) erstellt worden, der zu seiner Zeit die Kleinkindererziehung revolutionierte.

Er erfand auch den Begriff Kindergarten: Nach seiner Auffassung sollten die Kinder in solchen Institutionen Zuwendung erfahren, wie Pflanzen gehegt und in ihrer Entwicklung gefördert werden. Für den streng symmetrischen, klassizistischen Bau zeichnete der Winterthurer Architekt Ernst Jung (1841–1912) verantwortlich.

Zu jener Zeit trat man im Alter von vier Jahren in den Kindergarten ein. Im Gegensatz zu ihrer Schwester Verena, die später selber Kindergärtnerin wurde, war Charlotte Hug nicht besonders begeistert vom Kindergarten – und sie hat auch kaum Erinnerungen daran.

Ausser an jene leide Geschichte, als sie über Mittag lieber zu einer Freundin statt nach Hause ging, was ihr von den Eltern sehr übel genommen wurde und im Chindsgi einen Nachmittag auf dem Schandbänkli eintrug.

Schläge mit dem Lineal

War schon der Kindergarten nur ein paar Minuten von ihrem Zuhause am Obertor 1 entfernt, gestaltete sich der Schulweg ins Geiselweid-Schulhaus noch viel kürzer: «Ich konnte zu Hause wegrennen, wenn ich die Glocke läuten hörte – dann reichte es gerade noch!», erinnert sie sich. In der Unterstufe hatte sie mit Herrn Bertschinger zunächst einen jungen, «ganz lieben» Lehrer.

«Vom Beckenrand aus hielt sie uns an einem Stecken, an dem wir  in einem Gstältli im  Wasser baumelten.»Charlotte Hug

Übler traf es sie danach beim alten Herrn Staub, dessen Unterrichtsmethoden sie bis in die 5. Klasse erlebte: Da habe es noch häufig Taapen oder Tätzli gegeben, also Schläge mit dem Lineal auf die Finger. «Einmal fragte er uns, was der ‹Stein zu Baden› sei. Als wir es nicht wussten, erhielt jede von uns einen Taape», schildert sie die Verhältnisse. «Einen der Buben hat er gar übers Knie genommen und mit dem Stecken verhauen – ich sehe es noch deutlich vor mir.» Charlotte Hug ist heute noch darüber entrüstet.

Die sechste Primarschulklasse absolvierte sie dann in der Freischule. Diese lag an der Museumstrasse, neben der damaligen Seifenfabrik Sträuli – heute das Areal des Stadttheaters. «Es war schon ziemlich anders dort», erzählt sie, «wir beteten jeden Morgen und es gab keine Tätzli mehr.»

Schwimmen an der Angel

Während sie sich an die Spiele auf dem Pausenplatz nicht mehr im Detail erinnert, ist ihr noch sehr präsent, dass man im Winter aufs Natureis des Zelgli Schlittschuh laufen oder im Tössertobel schlitteln ging: «Von links oben gings den steilen Hügel hinab, und am Schluss ist man womöglich im Bach gelandet», sagt sie lachend.

Zum Schulunterricht gehörte damals auch, dass man im Sommer im erst 1911 eröffneten Geisi bei der «Badetante» obligatorischen Schwimmunterricht erhielt: «Ich erinnere mich noch gut an ihre monströse Badekappe aus orangefarbenem Gummi mit Fältchen», sagt Charlotte Hug. «Vom Beckenrand aus hielt sie uns an einem Stecken, an dem wir in einem Gstältli im Wasser baumelten», erzählt sie. «So habe ich schwimmen gelernt!» Ihre Mutter hingegen habe noch im Becken der Badewannenmoschee (Ecke Neustadt-/Badgasse) Schwimmunterricht genossen.

Hochmoderne Haartracht

Auch eine Schulreise mit der Primarschulklasse Geisi ist ihr in Erinnerung geblieben: «Wir wanderten zur Kyburg, sassen da auf einem Bänkli und durften die Füsse baden», erzählt sie. «Alle Mädchen trugen Unterröcke, ich jedoch nicht – und so sass ich dann in den Unterhosen da.» Grundsätzlich habe sie wie alle Mädchen während der ganzen Schulzeit immer Röcke getragen, erzählt sie. «Damals sagte ich noch, ich würde niemals in Hosen die Marktgasse hinunterlaufen.»

Auch war es ganz normal, dass die Mädchen in der Primarschule immer eine Schooss, also eine Schürze, trugen. Eine Tante, bei der sie die Ferien verbrachte, nannte sie deshalb nur das Schoosse-Chind. Fortschrittlicher – wenn nicht sogar hochmodern – war hingegen die Haartracht von Charlotte Hug: «Als Kind hatte ich immer einen Pagenschnitt, während die anderen Mädchen alle lange Haare trugen, meist zum Zopf geflochten.» Oft habe sie als kleineres Mädchen auch einen riesigen Lätsch, eine Stoffmasche, im Haar getragen, wie es damals Mode war. Irgendwo im Estrich soll es sogar noch ein Porträtbild in Öl von ihr damit geben.

(Der Landbote)

Erstellt: 16.08.2017, 18:20 Uhr

Obertor Geschichten - Folge 1/4

Kindheit, Jugend, Schulzeit

Charlotte Hug (Bild) hat am 21. Juni 2017 ihren 100. Geburtstag gefeiert. Die letzten 97 Jahre lebte sie am Obertor.

Für den «Landboten» hat Alex Hoster ausführliche Gespräche mit Charlotte Hug geführt.

In einer kleinen Serie blickt er gemeinsam mit ihr zurück auf ihr Leben und den Wandel der Altstadt - eine exemplarische Zeitreise in vier Folgen.

Sie lesen heute den Auftakt über Kindheit, Jugend und Schulzeit.

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