Zeitreise

Vom Wäschekochen und Chabisstampfen

In den 1920er-Jahren war alles viel komplizierter, insbesondere das Haushalten: Waschen und Glätten war«eine Affäre». Doch auch an das «Sonntagsschul-Negerli»und die Suurchruuti des Vaters erinnert sich Charlotte Hug gut.

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Die Aufgabenteilung war bei der Familie Hug klar: Der Vater ging arbeiten, die Mutter war zu Hause, kümmerte sich um die Kinder und kochte. Anders als heute ging ihr bei den Haushaltarbeiten allerdings ein Dienstmädchen zur Hand: «Das hatten die meisten bürgerlichen Familien», erzählt Charlotte Hug. «Oft kamen diese Meitli aus dem Weinland, etwa aus Uhwiesen oder Marthalen, später auch aus Deutschland – und meistens hiessen sie Bertha oder Elisa.» An eine von ihnen, die jedoch nur sehr kurz im Hause war, mag sie sich besonders gut erinnern: «Es war eine Österreicherin namens Anni. Schon an einem der ersten Abende strich sie in einem auffälligen, grasgrünen Mantel am Obertor herum, wohl in der Hoffnung, so Männer aufzugabeln», erzählt sie. «Das Arbeitsverhältnis wurde dann umgehend aufgelöst.»

An der Rüebli-RS vorbeigekommen

Als Mädchen mussten Charlotte und ihre Schwester Verena zu Hause abtrocknen, den Abwasch aber erledigte das Dienstmädchen. Einen obligatorischen Haushaltunterricht wie das Obli (obligatorischer Hauswirtschaftsunterricht, auch Rüebli-RS genannt) gab es seinerzeit nicht: «Da sind wir weggekommen», frohlockt Charlotte Hug mit spitzbübischem Lächeln. «Ich ging auch nicht in die ‹Kochschule›, die es damals an der Trollstrasse noch gab und die auch meine Mutter besucht hatte.» Von ihr besitze sie aber noch das handgeschriebene Kochbuch aus jener Zeit. Später wurde sie dann von ihr im Kochen instruiert. Da hat sie gelernt, Braten, Voressen, Aufläufe zuzubereiten ­– oder Rösti mit Spinat und Spiegelei: «Was man damals halt so kochte und ass.»

Die grosse Wäsche machte man nur alle paar Wochen

Eine richtige Plackerei war die Wäsche: «Es war eine grosse Affäre, aber man machte das nur alle paar Wochen», erinnert sich Charlotte Hug. «Deshalb beschäftigte man eine Waschfrau und eine Glätterin, die einem dabei zur Hand gingen.» Erstere kam bereits am Vorabend, um die Wäsche über Nacht in einem grossen Waschtopf aus Kupfer in der Seifenlauge einzuweichen. Am anderen Morgen musste unter dem Kessel in aller Herrgottsfrühe erst einmal Feuer gemacht werden, dann wurde die Wäsche ausgekocht.

«Der Waschkochtopf und die Mangel, mit der man anschliessend die Wäsche auspresste, sind übrigens in unserem Keller noch immer vorhanden», sagt sie. Im Winter wurde die Wäsche in der Winde (Estrich) getrocknet, im Sommer auf der Zinne. Dieses «nasse Zeugs» hochzuschleppen und aufzuhängen, sei allein schon eine Riesenarbeit gewesen: «Unterleintuch, Oberleintuch . . . all diese Leintücher, bhüet mi der alt Maa!», ruft sie aus. «Damals kannte man Duvets noch ebenso wenig wie die Waschmaschine!»

Wollene Strumpfhosen, Gstältli und Kegelfänger

Auch das Glätten war eine anspruchsvolle Angelegenheit: Die meisten Kleidungsstücke mussten zuvor noch gestärkt werden. Auch der Vater von Charlotte Hug trug – wie damals üblich – steife Hemdenkragen und Hemdbrust: «Man macht sich gar keine Vorstellung, wie aufwendig das war: Heute kann man eine Bluse einfach in die Maschine schmeissen, am Bügel trocknen und ohne Glätten wieder tragen.» Überhaupt hat sich der Kleidungsstil sehr verändert und vieles wurde einfacher: «Grundsätzlich trugen wir damals überknielange Röcke, im Winter mit glismeten Wollstrumpfhosen darunter», erzählt sie. «Im Frühling gab es dann immer einen Kampf, ab wann wir endlich Socken tragen durften!»

Bei uns zu Hause hat ganz klar Mutter den Karren gezogen.»Charlotte Hug

Auch Buben trugen kurze Hosen und darunter wollene Strumpfhosen – oder Strümpfe, die an einem Gstältli mit Strumpfhaltervorrichtung eingehängt wurden. Ältere Knaben, etwa die Klassenkameraden im Gymnasium, wechselten dann zu Knickerbockern, im Volksmund auch Chegelfänger genannt.

«Ich habe nie erlebt,dass Vater zornig wurde»

«Bei uns zu Hause hat ganz klar Mutter den Karren gezogen», erzählt Charlotte Hug. «Auch das Schimpfen hat sie erledigt, mein Vater war ruhig und lieb. Ich habe nie erlebt, dass er zornig wurde.» Am Morgen ging er ins Büro des Kolonialwarenhandels en gros, den er gemeinsam mit seinem Bruder betrieb und der sich an der St.-Galler-Strasse (heute Centro Sociale Italiano San Francesco) befand. Schräg vis-à-vis befand sich eine Kaffeerösterei, die ebenfalls zum Betrieb gehörte; der Bau bestehe heute noch. «Um 12 Uhr kehrte Vater zum Mittagessen zurück und am Nachmittag fuhr er mit dem Tram oft nach Töss, denn imBütziackerquartier hatte er eine Suur­chruuti, wo Sauerkraut, Essig und Kunsthonig hergestellt wurden», erzählt sie. «Einmal durfte ich mitgehen und zuschauen, wie Frauen in Gummistiefeln den Chabis stampften.»

Uneinigkeitbei der Zeitungslektüre

Was der Vater geschäftlich genau getrieben habe, davon hätten sie als Kinder keine Ahnung gehabt. «Mein Vater hat nicht geredet – er war sehr schweigsam.» Doch im Krieg sei es ein grosses Glück gewesen, dass er eine Kolonialwarenhandlung besass: «So hatten wir Zugang zu rationierten Gütern.» Lustige Beobachtungen hat sie zum Medienkonsum ihrer Eltern gemacht (und gemeint sind dabei ausschliesslich Zeitungen, denn der Rundfunk eta­blierte sich erst ab Mitte der 1920er-Jahre langsam): «Mein Vater las am liebsten das ‹Winterthurer Tagblatt›, das war freisinnig ausgerichtet. Meine Mutter hingegen las liberal, das heisst den ‹Landboten›. Vermittelnd stand dazwischen die NZZ, die sie ebenfalls abonniert hatten.»

Das Sonntagsschul-Negerli nickte dankend

Als kleineres Kind ging Charlotte Hug im Kindergarten Inneres Lind in die Sonntagsschule. Ihre einzige Erinnerung daran ist, dass es dort das obligate «Sonntagsschul-Negerli» gab, das dankend nickte, wenn man einen Batzen einwarf. In der Primarschule hatte man «Biblische Geschichte und Sittenlehre» und später im Gymnasium Religionsunterricht bis zur Konfirmation. «Mit der Konfirmandengruppe machten wir abschliessend ein Reisli nach Rapperswil und zur Insel Ufenau», erzählt sie.

«Mein Vater las am liebsten das ‹Winterthurer Tagblatt›, das war freisinnig. Meine Mutter hingegen las liberal, das heisst den ‹Landboten›.»Charlotte Hug

Ihre Familie sei aber nicht sehr fleissig in die Kirche gegangen, am ehesten noch an den Feiertagen. Diese wurden immer zu Hause gefeiert. «An Weihnachten hatten wir jeweils einen grossen Christbaum und natürlich waren auch die Grossmütter dabei; die Grossväter waren leider schon früh gestorben», erzählt sie. «Es war immer grosses Geköch und es gab massenhaft Wienachtsguetsli wie Mailänderli, Zimtsterne, Totenbeinli, Makrönli, die wir alle selbst gebacken hatten.» Am Nachmittag vor der Bescherung durfte sie mit ihrer Schwester jeweils aufs Iisi im Zegli – das damals noch eine Natureisbahn war. (Landbote)

Erstellt: 22.08.2017, 16:40 Uhr

Obertor-Geschichten – Folge 2/4

Familie, Haushalt und Geschäft des Vaters

Charlotte Hug (Bild) hat am 21. Juni 2017 ihren 100. Geburtstag gefeiert. Die letzten 97 Jahre lebte sie am Obertor.

Für den «Landboten» hat Alex Hoster ausführliche Gespräche mit Charlotte Hug geführt. In einer kleinen Serie blickt er gemeinsam mit ihr zurück auf ihr Leben und den Wandel der Altstadt – eine exemplarische Zeitreise in vier Folgen. (red)

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