Kaffeehandel

Von Börsen und Bohnen

Beim Geschäft mit Kaffeebohnen kommt man um Winterthur nicht herum. Im traditionsreichen Handelshaus Volcafe wird heute fast nur noch digital gearbeitet. Einziges handfestes Ritual: Jeden Morgen degustieren die Trader Kaffee.

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Trinken Sie einen Kaffee, während Sie diesen Artikel lesen? Gut möglich, dass die Bohnen von der Firma Volcafe in die Schweiz importiert wurden. Das Unternehmen ist verschwiegen und unauffällig, doch es ist einer der grössten Player im globalen Kaffeehandel. Zuhause ist Volcafe im Technopark auf dem Sulzerareal, in einer jener anonymen Quaderbauten. Im dritten Stock arbeiten 45 Angestellte aus 15 Nationen, man hört ein bisschen deutsch und viel englisch. Die Arbeitszeiten geben die internationalen Börsen vor: London öffnet um 10, New York schliesst um 19.30 Uhr. Dazwischen handeln die Trader an ihren Bildschirmen mit Kaffee, jeder Sack Bohnen, jeweils genormt auf 60 Kilogramm, wird an der Börse virtuell abgesichert. Gekauft wird in Brasilien, Kolumbien oder Äthiopien, von Kleinbauern, Kooperativen oder Grossplantagen. Verkauft wird an Kaffeeröster wie Starbucks, Lavazza oder Tchibo.

«Wir sind selber keine Kaffeebauern, besitzen keine einzige Pflanze», sagt Peter Moser, Europa- und Afrika-Chef von Volcafe in seinem Büro neben dem Trading-Raum. «Wir bringen die Bohnen von den Bauern am Äquator zu den Röstereien der Welt, wir sind klassische Händler.» Moser ist seit 20 Jahren in der Firma, hat die Übernahme von Volcafe durch den britischen Zuckerriesen ED&F Man 2004 hautnah miterlebt (siehe Artikel unten). Er reist selber immer wieder in die Produktionsländer, an seinen Bürowänden hängen grossformatige Bilder von Fabriken in Uganda und Vietnam. Dort werden die frisch geernteten und noch grünen Kaffeebohnen gereinigt und analysiert und auf Schiffscontainer verladen. Volcafe ist in 15 von 55 Anbauländern mit eigenen Exportfirmen präsent. Vor Ort und auch in Winterthur betreibt die Firma viel Recherche und Marktforschung.

Eine undurchsichtige Branche

Weltweit werden jährlich 100 Millionen Säcke Kaffeebohnen gehandelt, Volcafe setzt davon 10 Millionen Säcke um. Der Umsatz schwankt je nach Weltmarktpreis enorm, er beträgt jeweils zwischen einer und zwei Milliarden US-Dollar. «Das macht uns weltweit zum drittgrössten Kaffeehändler», sagt Moser. Die Branche ist der Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Am meisten grüne Kaffeebohnen handelt die Neumann Kaffee Gruppe aus Hamburg, Platz zwei belegt Ecom Agroindustrial, ein globaler Rohstoffhändler mit Sitz in Lausanne.

«Wir sind klassische Händler.»Peter Moser, Volcafe

Zu den wichtigsten Abnehmern gibt sich Volcafe bedeckt. Klar ist: Der grösste Kaffeebohnenverarbeiter der Welt, Nestlé, ist traditionell auch der grösste Kunde von Volcafe. In der Schweiz beliefert Volcafe mit der Migros die Marktführerin. Weltweit sind aber andere Länder viel wichtiger, der meiste Kaffee wird in den USA, Brasilien, Deutschland und Japan getrunken. China und Indien bleiben trotz Marketingmassnahmen weiterhin klassische Tee-Länder.

Degustation und Spekulation

Bei Volcafe als Trader zu arbeiten hat für Kaffeeliebhaber einen unschlagbaren Vorteil. Jeden Morgen traben die Händler zur Degustation an, zahlreiche bestehende und neue Sorten aus aller Welt werden auf ihren Geschmack hin getestet. Probiert wird mit dem Löffel, lautes Schlürfen ist erwünscht, um die Aromen wahrzunehmen – 250 davon sollen während dem Röstprozess freigesetzt werden. Und wie bei Weinen wird anschliessend ausgespuckt. «Die Händler sollen wissen, womit sie es den ganzen Tag zu tun haben», sagt Moser. Schmeckt der Kaffee voll und leicht säuerlich, ist ein Qualitätsmerkmal erfüllt. Kein gutes Zeichen ist ein chemischer oder erdiger Geschmack, dann muss der Produzent nachbessern.

Nach dem Degustieren ist vor dem Spekulieren: Schon lange beschränkt sich die Arbeit der Trader nicht mehr auf den klassischen Handel eines Sacks Bohnen. Aktuell ist in Winterthur eine Stelle ausgeschrieben für einen Kaffeehändler mit Schwerpunkt Futures und Optionen. Das sind Finanzinstrumente, die für Termingeschäfte im Hochrisikobereich stehen. Diese Spekulation mit Kaffeepreisen sei bloss ein Teil des Geschäfts und diene der Risikoabsicherung, sagt Peter Moser. Zahlen nennt er keine.

Transparenz gibts dafür beim Thema Nachhaltigkeit: Mit der Initiative «Volcafe Way» verspricht die Firma, die Bedingungen der Kaffeebauern nachhaltig zu verbessern: keine Kinderarbeit, Minimallöhne und Trainingsprogramme für Bauern und Angestellte in den Anbauländern.

Mittlerweile sei ein Drittel der Kaffeebohnen von Volcafe nachhaltig gehandelt, sagt Moser. Doch der Ausbau harze. «Seit einigen Jahren stagniert die Nachfrage nach nachhaltig produziertem Kaffee.»

Die generelle Zukunft des Kaffeehandels und -konsums sieht Moser sehr positiv, der weltweite Konsum wachse 1.5 bis 2 Prozent pro Jahr. Sorgen macht der Branche der Klimawandel. «Am Äquator sieht man die Folgen bereits klar, es wird trockener und wärmer, dadurch kommt es zu mehr Befällen der Kaffeepflanzen durch Insekten oder Pilze.»

Der Stadtrat war nie dort

Das praktisch rein digitale Geschäft wirft die Frage auf: Weshalb bleibt Volcafe eigentlich in Winterthur? Die Schweiz habe trotz des starken Frankens viele Vorteile, findet Moser. «Ich denke, wir werden hierbleiben.» Irritierend bleibe einzig, dass Volcafe als Milliardenunternehmen in den ganzen Jahren nie Besuch von der Stadtregierung erhalten habe. «Ich hoffe die wissen, dass wir noch da sind.» (Landbote)

Erstellt: 29.11.2017, 17:11 Uhr

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