Winterthur

«Von den ganz schlimmen Sachen blieb ich verschont»

Dennis Kläy hatte mit zwölf seinen ersten epileptischen Anfall. Heute ist er frei von Krampfanfällen und arbeitet in der Altstadt als Verkäufer.

Dennis Kläy an seinem Arbeitsort «Vom Fass».

Dennis Kläy an seinem Arbeitsort «Vom Fass». Bild: Marc Dahinden

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Die Narben am Kopf sind geblieben. Dennis Kläy hat einige davon. Wenn er im Stehen unvermittelt einen epileptischen Krampfanfall hatte, stürzte er zu Boden und verletzte sich. Einen spezifischen Anlass brauchte es dafür nicht einmal: «Die Anfälle kamen einfach, zum Beispiel, wenn ich zu wenig geschlafen hatte», erzählt der 26-Jährige.

Bei einem epileptischen Krampfanfall entladen sich spontan Nervenzellen im Gehirn, ganze Muskelgruppen werden komplett überspannt, oder wie es Dennis Kläy ausdrückt: «Der Körper spult in drei Minuten das ab, wofür man im Fitnesscenter sonst eine Stunde bräuchte.»

Das Krankheitsbild Epilepsie umfasst eine Vielzahl an Erkrankungen, gemeinsam sind ihnen die epileptischen Anfälle, welche auf eine zeitlich begrenzte Funktionsstörung im Gehirn zurückgehen, eben jene unkontrollierbaren Entladungen. Diese können zu heftigen Krampfanfällen führen aber auch nur zu kurzen, unwillkürlichen Zuckungen oder Aussetzern.

Wochen im KSW

Dennis Kläy hatte die ersten Anfälle mit zwölf: «Ich kann mich jeweils nur an das nachher erinnen, wie ich irgendwo lag und von jemanden wieder geweckt wurde.» Kläy wurde im Kantonsspital Winterthur über Wochen hinweg untersucht. Dabei wurden unter anderem die Hirnströme gemessen.

Er erhielt eine Vielzahl an Medikamenten verschrieben und litt in den folgenden Jahren, während seiner Ausbildung zum Verkäufer und auch als Erwachsener, an durchschnittlich fünf schweren Anfällen pro Jahr. «Von den ganz schlimmen Sachen wurde ich aber verschont», sagt Kläy. Dies habe er bei einem Aufenthalt in der Epi-Klinik im Zürcher Seefeld realisiert: «Da habe ich Leute kennengelernt, die hatten alle zehn Minuten einen Anfall.»

Nur 70 Prozent der Betroffenen lassen sich mit Medikamenten gut behandeln. Wer sich therapieresistent zeigt, kann heute auch operativ behandelt werden. Allerdings ist dies nur möglich, wenn sich der Krankheitsherd im Gehirn in einer klar umrissenen Region befindet.

«Ganz eigene» Epilepsie

Seit zwei Jahren ist Dennis Kläy ganz von den Krampfanfällen befreit. Dabei geholfen haben ihm die Medikamente. Allerdings spürt er teils deutliche Nebenwirkungen wie eine bleierne Müdigkeit. Auch die Epilepsie begleitet ihn immer noch jeden Tag: "Ich habe kleinere Aussetzer und finde nicht immer die richtigen Worte, aber von aussen merkt man das nicht so stark."

Seit bald einem Jahr erhält Kläy eine 50-Prozent-Rente der Invalidenversicherung. Zusammen mit der IV schaffte er letzten Oktober den Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt und verkaufte heute ausgewählte Öle und Essig oder Spirituosen im Laden «Vom Fass» an der Stadthausstrasse. Dort arbeitet auch seine Mutter; eine wichtige Stütze für Kläy.

Er sei dankbar, dass er trotz Krankheit ein solches Leben führen könne, sagt Dennis Kläy. Welche Art von Epilepsie er hat, weiss Kläy übrigens bis heute nicht, in Fachtexten ist jeweils die Rede von Dutzenden Varianten. «Mit der Zeit habe ich gelernt, dass jeder Betroffene seine ganz eigene, individuelle Art von Epilepsie erlebt.»

Erstellt: 26.08.2019, 17:24 Uhr

Filmprojekt

Dennis Kläy ist einer von neun Personen mit einer Behinderung, welche vom Dokumentarfilmer Otto C. Honegger in Kurzfilmen porträtiert wurden. Die Filme entstanden zum 20-Jahr-Jubiläum der Stiftung «Profil - Arbeit und Handicap». Sie werden in den kommenden Tagen auf der Webseite der Stiftung aufgeschaltet.

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