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Vor dem Uhu einen Knicks machen

Jeden Mittwoch streifen sich gestandene Männer Ritterkleider über. Zu ihrem Ritual gehören: ein eigener Wortschatz, ein Gesetz das einen in den Kerker bringen kann und lautstarke «Lulu»-Rufe.

An den wöchentlichen Treffen des Männerbundes Schlaraffia Vitodurum geht es um die Pflege von Freundschaft, Kunst und Humor.
An den wöchentlichen Treffen des Männerbundes Schlaraffia Vitodurum geht es um die Pflege von Freundschaft, Kunst und Humor.
Madeleine Schoder

Ein freistehendes Häuschen im Hinterhof eines Wohnquartiers bei der Peter-und-Paul-Kirche öffnet den Weg in den Untergrund. Auf der Laterne beim Eingang wacht ein schwarzer Uhu. Ein dünner Gang führt hinunter, dicker Tabaknebel erschwert die Sicht. Unten in der kellerartigen Burg angekommen zur Rechten wieder der gleiche Vogel, dieses mal ausgestopft. Die Ritter – Durchschnittsalter 70 – treten ein, verbeugen sich vor dem Tier und streifen dann rot-graue Gewänder über. Ritter Uldarich hängt sich mit bunte, metallene Orden um den Hals. «Es ist wichtig, dass es klimpert», sagt er. Es gibt Wein und Schwedentorte. Punkt acht Uhr schlägt der Zeremonienmeister mit seinem Stab auf den Boden. Ein Ritter bläst schrille Trompetenklänge, dann rufen alle «Lulu», was so viel wie «spielet das Spiel» bedeutet, und das 978. Treffen der Schlaraffia Vitudurum kann beginnen.

Quell und Burgschreck

Zwei Wochen zuvor in einem Café der Winterthurer Altstadt: Um Schlaraffia verstehen zu können, brauche es ein Vorgespräch, sagt Hansjörg Brunner. Er – 70, Oberschlaraffe mit dem Namen Logo-viel, er liebt das Spiel mit den Worten – und Markus Schiess – 57, genannt Röno weil im Autogewerbe tätig – trinken Kaffee Baileys. Dass sie am Mittwochabend jeweils dem Rittertum frönen, erkennt man nur an einer Perle, die auf einer Nadel in ihrem Kittel steckt. Der süsse Geschmack des Likörs liegt in der Luft, als sie zu erzählen beginnen. 12 000 Schlaraffen gäbe es auf der ganzen Welt verteilt, 800 in der Schweiz, davon gut 30 in Winterthur. Die Künstlervereinigung, die sich der Pflege von Kunst, Freundschaft und Humor widmet, ist 1859 am deutschen Staatstheater in Prag entstanden. Die Treffen laufen auf der ganzen Welt nach dem gleichen Gesetz ab. Egal ob in Südamerika oder Bayern, es wird immer Deutsch gesprochen. Kein normales Deutsch. Aus Bier wird Quell, aus Schwiegermutter Burgschreck. «Wenn ich in Paris einreite und eine Autopanne habe, rufe ich einen französischen Schlaraffen an» sagt Röno. «Ich kann so abschalten, auch wenn ich zuhause noch müde bin, sobald ich in der Burg ankomme, fällt alles ab», sagt Ritter Logo-viel.

Nur die Köchin ist eine Frau

Um Schlaraffe zu werden braucht man einen Götti, der bereits Mitglied ist. Zuerst wird man Knappe, dann Junker und schlussendlich Ritter. Vom Handwerker bis zum Juristen sind alle dabei. Doch der Nachwuchs ist knapp. «Wir wären gerne noch mehr Leute. Gewisse Posten wie der des Fanfarenmeisters sind vakant», sagt Logo-viel. Ihre Frauen dürfen die Schlaraffen nur einmal im Jahr mitbringen. An Weihnachten, bei der sogenannten Uhubaumfeier, seien die Burgfrauen zugelassen. «Sonst könnte ich ja gleich in den gemischten Chor», sagt Röno. Die einzige Frau, die immer da ist, ist die Köchin.

Ist es schwierig nach einem solchen Abend wieder ins normale Leben zurückzukehren? Röno: «Nein. Spätestens wenn sich meine Frau im Bett umdreht und mich fragt, welchen ulkigen Orden ich heute erworben habe, ist es dann vorbei».

Bewusst spinnen

Am Mittwochabend singen die Schlaraffen das Abendlied: «Füllet auf unseren Ruhm, die Gläser bis zum Rande.» Es tönt wie ein Männerchor gespickt mit einigen Fussballfans. Dann werden die Gäste begrüsst. An diesem Abend ist hoher Besuch da: Der höchste Schlaraffe der Schweiz, sowie Freunde aus Berlin, Palma de Mallorca und Weimar. Ein Handy läutet. Etwas verächtlich wird das nachmittelalterliche Gerät beäugt. Der Besitzer muss deswegen aber nicht in den Kerker. Kerker? Ja, es gibt einen. Einen kleinen schwarzen Raum hinter Gittern, der bei Bedarf auch von einem Ritter mit Hellebarden bewacht wird.

Es folgen Darbietungen der Anwesenden. Ein Ritter zeigt ein Kunstwerk, das er ins Schmierbuch des Vereins gekritzelt hat. In einer Ecke bildet sich eine kleine Band: Schlagzeug, Trommel, Saxofon. Als sie fertig gespielt haben, gehen die Musikanten vor den Thron und erhalten einen weiteren Metallorden für ihre Sammlung. Da erzählt jemand eine Anekdote in der Brüste und Malzbier vorkommen, dort spielt ein Ritter Trompete. Weil sie verstimmt klingt, sagt ein Zuhörer: «Das muss Jazz sein.» Die Vorführungen enden meist in alkoholischem Lachen, «Lulu-Rufen» und Beifall durch Tisch-klopfen. Ritter Uldarich: «Handballer, Fussballer und Schachspieler sind doch auch Spinner. Der Unterschied ist: Wir wissen es.»

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