Einreisesperre

Vor diesen Menschen fürchtet sich Trump

Milad, Ahmadvand, Winterthur: «Was da vor sich geht, ist rassistisch, faschistisch und unvorstellbar absurd. Dabei können wir Trump noch nicht einmal einen Vorwurf machen, er hält ganz einfach, was er versprochen hat. An den Flughäfen stehen Menschen, die können ihre Familie nicht sehen, es ist grotesk. Wir schütteln den Kopf über die faschistoiden Strukturen im Iran, meiner Heimat, dann geschehen diese Dinge in einer demokratischen Weltmacht. Für uns ist es ja nicht völlig neu, sich als Menschen zweiter Klasse zu fühlen. Das fängt mit der Klassenreise nach London an, zu der man nicht antreten kann, damals lebten wir in Hamburg.

Reisen ist als Iraner wegen der Visa immer kompliziert gewesen. Heute ist alles in Ordnung, was innerhalb des Schengen-Raums liegt. Meine israelischen Freunde aber kann ich nie besuchen, das Land ist tabu. Im Pass nennen sie es das besetzte Palästina. Ich hätte schon gern irgendwann einen Schweizer Pass, aber seien wir ehrlich, es betrifft uns alle. Meine Frau, die Schweizerin ist, meine Tochter, die Schweizerin ist, uns alle. Mit dem Finger auf die USA zu zeigen, das greift zu kurz. Wir haben hier die stabilste rechte Partei überhaupt, sie dient als Vorbild, europaweit. Auch Trump lobte diese. Wir erleben eine traurige Renaissance. Es heisst nun aufstehen, sich äussern, sich einsetzen. Irgendwie.»

Marian Sheikh, Winterthur: «Ich war gerade mitten in der Ausbildung zur Primarlehrerin in Somalia, als der Bürgerkrieg ausbrach. Nun lebe ich seit 19 Jahren in Winterthur und arbeite hier als Dolmetscherin für die Stadtverwaltung und als Pflegeassistentin im Alterszentrum Adlergarten. Ich bin als Flüchtling gekommen, habe mich integriert und vier Kinder in der Schweiz grossgezogen. Zwei sind schon fertig mit der Lehre, eines schliesst im Sommer ab und meine Jüngste ist noch in der Schule.

Ich trage meinen Teil zur Gesellschaft bei und das wäre auch die Aufgabe eines Politikers wie Donald Trump: Er soll dafür sorgen, dass das Zusammenleben funktioniert. Die USA waren schon immer ein Immigrationsland und eine Demokratie. In dieser Konstellation ist es besonders wichtig, dass Minderheiten geschützt werden. Trump macht mit dem Einreisestopp aber genau das Gegenteil: Er teilt die Menschen aufgrund ihrer Herkunft in Gut und Böse ein. So sät er Hass und stärkt mit seiner aggressiven Rhetorik leider die rechte Szene.

Ich fühle mich diskriminiert, weil Trump alle Somalier in einen Topf wirft und sie quasi als Terroristen bezeichnet. Doch von wo kommt denn der Terror? Nicht etwa von Somalia, sondern vor allem aus Ländern, die eng mit den USA zusammenarbeiten. Somalia ist aber arm und für die USA nicht interessant. Deshalb ist es einfach, gegen unsere Bürger einen Einreisestopp zu verhängen.»

Mohammed Al-Thahiri, Winterthur: «Zuerst habe ich gedacht, der Einreisestopp würde meine Familie nicht tangieren. Meine Frau Stefanie ist Schweizerin und arbeitet beim Kanton, ich bin 1999 aus dem Jemen geflüchtet, bin aber inzwischen eingebürgert und arbeite als Pfleger im Alterszentrum Oberi. Auch unser Sohn und unsere Tochter sind Schweizer. Aber weil die Kinder und ich zusätzlich noch jemenitische Staatsbürger sind, dürfen wir nicht in die USA reisen. Das trifft uns momentan nicht schwer, wir hatten keine Reisepläne. Aber andere leiden umso mehr: Ein Freund von uns, ebenfalls schweizerisch-jemenitischer Doppelbürger, arbeitet in den USA und seine Kinder leben in der Schweiz. Darf er nun nicht mehr zurückreisen, wenn er hier seine Kinder besucht? Und dürfen seine Kinder, die ebenfalls Doppelbürger sind, nicht mehr zu ihrem Vater in die USA reisen? Es gibt viele solcher Fälle, in denen ganze Familien auseinandergerissen werden. Diese Politik ist unrecht und diskriminierend. Trump geht es nicht um die Terrorgefahr, sondern darum, den Hass auf die Muslime zu schüren – und diesen dann innenpolitisch auszuschlachten. Leider gibt es diese Tendenz auch in der Schweiz, etwa mit den Burkaplakaten. Trotzdem bin ich dankbar, hier zu leben, wo der Rechtsstaat noch funktioniert. Man muss ständig für seine Rechte einstehen, damit man sie nicht verliert. Deshalb freut mich auch die Reaktion der unzähligen US-Bürger, die gegen Trump protestieren.»

Ursula Meili, Elsau (Name und Wohnort wurden von der Redaktion geändert.): «Auch wenn mein iranischer Pass nicht der einzige ist, den ich besitze, es ist doch mein Pass. Mich dafür entschuldigen und rechtfertigen zu müssen, ist hässlich. Dieser Trump, ich kann es noch immer nicht glauben, dass er die nächsten vier Jahre walten können wird. Provokation und Lügen sind die Grundlagen seines politischen Kurses. Selbst wenn ich morgen wieder könnte, ich hätte keine Lust auf dieses Land. Was würde ich da wollen? Familien werden voneinander getrennt, Schicksale aufs Ungerechteste geprägt. Diese Einreisesperre ist doch eine unfassbare Heuchelei. Diese Vorverurteilung von ganzen Nationen, die gezielte Diskriminierung, es ist unerträglich. Unter dem Deckmantel des Terrorismus wird hier hässlichstem Rassismus freien Lauf gegeben. Diese Denkmuster, der Hass, die Ignoranz: Das alles macht mir wirklich Angst. Die Entwicklungen sind sehr gefährlich. Was Trump propagiert, das geht ja in Richtung Säuberung. Mein Mann ist Iraner, ich bin Dreifachbürgerin, Schweizerin, Deutsche. Wenn ich mit meinem richtigen Namen in der Zeitung auftauchen würde, dann bekäme ich deshalb Probleme, mehrfache Bürgerschaften gefallen den Deutschen immer weniger. Als wäre das alles so einfach. Auch in Europa weht gerade ein scharfer Rechtswind.»

Yossef Baker, Wiesendangen: «Ich kann nicht verstehen, wieso Donald Trump einen solchen Entscheid gefällt hat. Er hat offensichtlich eine Fehlüberlegung gemacht, denn Terroristen stammen ja nicht nur aus den sieben Ländern, für die der Einreisestopp gilt. Wenn man sich zum Beispiel die Terrorgruppe IS anschaut, dann sieht man, dass viele Kämpfer aus Europa gekommen sind: Sie haben etwa belgische oder französische Pässe. Trump sagt, es gehe ihm um Terrorismusprävention, aber er trifft damit vor allem unbescholtene Bürger – Studenten oder Geschäftsleute. Und am schlimmsten ist es natürlich für die vielen Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak, die genau vor dem Terror flüchten, den Trump bekämpfen will. Diese Menschen haben ein Recht auf Asyl.

Ich selber bin 2009 aus Syrien in die Schweiz geflohen, also noch vor dem Arabischen Frühling. Als Kurde wurde ich in Nordsyrien vom Regime unterdrückt, galt dort als Staatenloser. Ich bin sehr dankbar, dass ich in der Schweiz als Flüchtling aufgenommen wurde. Heute lebe ich mit meiner Frau und meiner Tochter in Wiesendangen, wo sie die Primarschule besucht. Zurzeit arbeite ich als Hauswart bei der christlichen Privatschule SalZH in Winterthur.»

Reza Sharifi, Effretikon: «Seit 18 Jahren lebe ich nun hier. Ich bin Musiker, spiele traditionelle persische Instrumente, versuche aber, mit der Klarinette Brücken zur Tradition hier in der Schweiz herzustellen. Beide Welten gehören zu mir. Ich habe einen Schweizer Pass wie meine Frau und meine beiden Kinder, und ich habe einen iranischen Pass. Stellen Sie sich vor, ich könnte nicht mehr in die Schweiz zu meiner Familie reisen. Dass wir uns nun in dieser unmenschlichen, ungerechten Situation befinden, das gibt mir sehr zu denken.

Es ist doch schrecklich traurig. Die Politiker entscheiden Dinge, unter denen die Menschen zu leiden haben. Diese Stimmungsmache, die Trumps Stil ist, sie ist schrecklich. Es gibt auch Europäer, die dem Islamischen Staat beigetreten sind. Ein europäisches Land wird deshalb aber nicht vorverurteilt.

America first. Amerika und die amerikanische Wirtschaft zuerst. Die Menschen haben das Nach­sehen. Aber das ist alles nicht so neu. Obama hat zwar diplomatische Bemühungen gezeigt, die Menschen und ihre Rechte bei uns im Iran waren ihm aber auch egal. Und Clinton auch. Wie sonst wären die Waffenlieferungen in die arabischen Länder zu erklären? Das Öl, die strategisch wichtige Lage. Und dann bezeichnet man ebendiese Länder als Gefahrenzone und verhängt ein Einreiseverbot. Keine freie Presse, keine Informationen, die den Leuten eine Chance gäben, sich zu befreien. Das ist denen allen egal. Trump ist zudem nicht authentisch. Niemand hat eine Ahnung, was da noch alles kommt.»

Erstellt: 01.02.2017, 08:36 Uhr

Trumps Grenzblockade

Trumps Einreisesperre trifft Menschen in aller Welt, auch in der Region Winterthur

Menschen aus sieben Nationalitäten dürfen weiterhin nicht in die Vereinigten Staaten einreisen, was gemäss Donald Trump sein Wahlversprechen erfüllt: dem Terrorismus vorzubeugen. Betroffen sind Personen aus der ganzen Welt, Verun­sicherung und Wut machen sich breit. Auch in und um Winterthur leben Leute mit entsprechenden Wurzeln. Sie erzählen von ihrem Hintergrund und berichten, wie sie zum Einreiseverbot stehen, selbst wenn sie keine USA-Reise planen.

Das Einreiseverbot betrifft auch Doppelbürger: Schweizer, die neben der Schweizer Staatsangehörigkeit auch diejenige des Irak, des Iran, Syriens, Libyens, des Sudan, Somalias oder des Jemen besitzen, können zwar seit gestern Abend wieder in die USA reisen, allerdings nur, wenn sie ein gültiges Visum im Schweizer Pass haben, wie es beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) heisst. Die US-Behörden der Schweiz hätten dies nach mehreren Gesprächen zwischen dem EDA und der US-Botschaft in Bern mitgeteilt. Schweizer Doppelbürger mit einer weiteren Staatsangehörigkeit der genannten Staaten können gemäss US-Behörden aber nach wie vor nicht in die USA einreisen, wenn sie über kein gültiges Visum verfügen, da sie derzeit kein Visum bei der zuständigen US-Vertretung beantragen können. (maf/mek)

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