Winterthur

«Wachstum macht süchtig»

Es gibt keinen Grund, warum Winterthur kein Start-up-Mekka werden kann, findet der Serien-Gründer Ertan Wittwer. Der 33-jährige will mit seiner Zahnspangenfirma Best Smile bis Ende Jahr 50 Mitarbeiter haben.

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Das Altstadtbüro mit Blick aufs Kunstmuseum ist nach drei Monaten schon viel zu eng geworden. Fünf Mitarbeiter drängen sich im wohnzimmergrossen Eingangsbereich um den grossen Tisch, drei weitere teilen sich einen kleineren. «Vor kurzem stand hier noch der Empfang, den haben wir weggeräumt», sagt Firmengründer Ertan Wittwer.

In einem rückwärtigen Raum surren 13 leuchtorange 3D-Drucker vor sich hin und fünf junge Männer und Frauen in Laborkitteln schleifen, spülen und verpacken kleine Kunststoffschalen: Die transparenten Zahnspangen, mit denen Best Smile den Dentalmarkt aufmischen will - oder «disrupten», wie es im Unternehmer-Jargon heisst.

Rasantes Wachstum

Die Wachstumskurve ist steil. Sieben Monate nach der Gründung hast Best Smile 35 Mitarbeiter, Ende Jahr sollen es doppelt so viele sein. Im Mai bezieht Best Smile die neuen Räume in Altstadtnähe – sie werden doppelt so gross sein.

Ertan Wittwer, 33 Jahre jung, gestreiftes Hemd, volles Haar und ansteckendes Lachen, hat grosse Pläne. Wieder einmal. Der gelernte Eisenwarenverkäufer aus dem Thurgau lernte sein Handwerk bei Suche.ch in Wil SG, wo er KMU davon überzeugte, dass die Kunden der Zukunft sie im Internet suchen würden.

«Winterthur ist perfekt. Büros kosten die Hälfte wie in Zürich, die Wohnungen für die Mitarbeiter auch.»

Dann baute er in Zürich für den Gutschein-Service Groupon ein Drei-Personen-Team zum Hundertmannbetrieb auf, worauf die Amerikaner den Mittzwanziger nach Berlin versetzten und zum Zentraleuropa-Chef eines Geschäftsbereichs machten.

Dann packte Wittwer das Gründerfieber. Mit der Parkplatzvermietungs-App ParkU war er in Zürich 2012 Stadtgespräch. Ein Jahr später baute er die Terminbuchungs-Lösung «Shore» mit auf, die nach rasantem Wachstum 2017 an die Swisscom-Tochter Localsearch verkauft wurde.

Wittwer hielt ein Jahr durch. «Ich merkte, ein Konzern ist nichts für mich», sagt er. Mit einer Mischung aus Entsetzen und Belustigung erzählt er, wie beanstandet wurde, er nehme zu wenig Urlaub. Mehr als zwei Wochen hatte sich der Vater zweier Söhne in der Anfangsphase nie gegönnt. «Der Chef muss in den ersten Jahren einer Firma immer da sein. Anders geht es nicht.»

Der Nachtarbeiter

Wenn Frau und Kinder im Bett sind, macht sich Wittwer einen doppelten Espresso, klappt den Laptop auf und schreibt E-mails und Präsentation. «Tagsüber bleibt mein Laptop meist zu, dann habe ich zu viele Termine», sagt er. Mit seinen Mitgründern schreibt er auch um Mitternacht. «Das macht man nicht wegen des Geldes», sagt er. «Es ist das Wachstum, das süchtig macht.»

In seiner Zeit in Berlin erlebte er, wie Arbeitskollegen beiläufig erzählten, sie seien nächste Woche weg und machten etwas eigenes auf. «Man redet lockerer übers Gründen - es hat etwas Selbstverständliches. In der Schweiz ist man übervorsichtig», findet er. Und noch etwas habe er in Berlin schätzen gelernt: «Die Leute sind gnadenlos ehrlich. Wenn sie eine Idee blöd finden, sagen sie Dir das ins Gesicht.»

Über 20 Geschäftsideen hat Wittwer durchgerechnet und verworfen, bevor er seine Best Smile gründete. Im September 2018 eröffnete der erste Standort in Zürich - und wurde fast überrannt. Es folgten St. Gallen und, diesen Montag, Basel.

«Halb so teuer wie Zürich»

Das Hauptquartier, mit Verwaltung und Produktion, hat Wittwer dieses Mal in Winterthur angesiedelt, wo er seit fünf Jahren wohnt. «Für diese vier Zimmer, wo derzeit 16 Leute arbeiten, zahle ich gleich viel wie für den einen Raum in Zürich, wo sich unser Industriedesigner und Architekt für Sitzungen treffen.»

Wittwer ist überzeugt: Winterthur hat das Zeug, das Start-up-Zentrum des Kantons zu werden. «Zürich ist es nämlich eher nicht», sagt er. «Die erfolgreichen Start-ups ziehen weiter, etwa nach Berlin, weil Zürich schlicht zu teuer ist.» In Winterthur könne er Abgänger der Zürcher Universitäten rekrutieren, der Hochschule St. Gallen, der ZHAW. «Und diese können es sich auch leisten, an den Arbeitsort zu ziehen.»

«Was in Winterthur fehlt, sind bisher vor allem die Erfolgsgeschichten im Start-up-Bereich», findet Wittwer. Das möchte Best Smile ändern. Bis Ende Jahr will Wittwer in Winterthur 40 bis 50 Mitarbeitende beschäftigen. Und vielleicht die Produktion vom Büroteil trennen. «Am liebsten wäre mir eine alte Industriehalle, etwas mit Charme.» Das Label «Made in Switzerland» sei den Kunden wichtig. Im Ausland erst recht. Der erste Shop in Süddeutschland ist bereits im Aufbau.

Erstellt: 20.03.2019, 17:05 Uhr

So funktioniert die «unsichtbare Zahnspange»

Mit einer transparenten Kunststoffschiene, dem sogenannten Aligner, werden schiefe Vorderzähne
Schritt für Schritt auf Linie gebracht: Dieses Prinzip ist nicht neu, die kalifornische Firma Invisalign vertreibt ein solches System seit über 20 Jahren. Weil die Patente abgelaufen sind, öffnet
sich der Markt für neue Anbieter.

Das Schweizer Start-up Best Smile will vor allem mit tiefem Preis punkten. Statt 5000 bis 10 000 Franken kostet die Behandlung nur 2000 bis 3000 Franken. In den Filialen wird von ausgebildeten Zahnärzten ein Behandlungsplan erstellt.

Die Zähne werden mit 3D-Scanner ausgemessen, eine Software errechnet den Zielzustand und die Zwischenzustände dahin, meist etwa acht bis zwölf. Im 3D-Drucker in Winterthur werden diese Zahnstellungen ausgedruckt; sie dienen als Schablonen für Herstellung der Kunststoffschienen.

Die Kunden tragen diese 22 Stunden am Tag, zum Essen und Zähneputzen lassen sie sich leicht herausnehmen. Den Kieferorthopäden werde diese Technik aber nicht arbeitslos machen, sagt Best Smile-Gründer Ertan Wittwer.

«Die Aligner eignen sich vor allem für kleinere Eingriffe an den vorderen Zähnen.» Für Backenzähne braucht es grössere Eingriffe. Auch Kinder und Jugendliche, die grösste Zahnspangen-Zielgruppe, scheiden aus. «Wir behandeln ausschliesslich
Erwachsene.»

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