Winterthur

Wahlkampf à la Hollywood

Wahlkampf ist, wenn einer vor laufender Kamera eine rohe Zwiebel isst: Wie sich lokale Kandidierende für den Nationalrat im Netz präsentieren.

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In den Wochen vor den nationalen Wahlen ist der Kampf um Aufmerksamkeit noch härter als sonst. Wer auffallen will, muss sich etwas einfallen lassen. Eine persönliche Website und Profile auf Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram und Youtube sind zumindest auf den oberen Listenplätzen fast schon Pflicht.

Auch Wahlvideos sind nicht mehr neu. So gab es bereits 2015 einige Kandidierende, die auf oftmals selbst produzierte und (unfreiwillig) komische Videos setzten. Jetzt, vier Jahre später, sind die Spots mindestens so unterhaltsam, aber oft auch auffällig aufwendig produziert.

Die Bauern zeigen Zähne

Die Filmchen der vom Zürcher Bauernverband geführten Kampagne «3 Martins nach Bern» liefern bestes Anschauungsmaterial. Diese zeigen etwa wie Martin Hübscher (SVP) aus Bertschikon bei Wiesendangen passend zu seinem Slogan «echt, knackig und zackig» herzhaft in einen (wurmfreien) Apfel beisst, an der Stange turnt, Sack hüpft und einen Stein hochhebt.

Martin Farner (FDP), der auf dem sechsten Listenplatz startet, beisst sogar in eine rohe Zwiebel, um gewählt zu werden. Diese hat er davor – so suggeriert es das Video – von Hand aus seinem Feld gezogen hat. Dabei preist er die Vorzüge der Zwiebel an, wobei der Zusammenhang zum Nationalratsmandat offen bleibt.

Dass Farner danach hustet und mit einem Glas Rotwein nachspült, lässt die Zuschauerin ratlos zurück. Allenfalls zur Klärung beitragen können die wöchentlich drei neuen Videos des Bauerntrios, zu dem auch noch der bisherige SVP-Nationalrat Martin Heeb aus Mettmenstetten gehört.

Neben Farner treten vier weitere Kandidierende aus Winterthur und dem Weinland für die FDP an. In Erinnerung bleibt trotz fehlendem Video vor allem der Auftritt von Urs Hofer, der auf dem neunten Listenplatz antritt. Dies dürfte an seinen Requisiten liegen: Fürs Plakat posierte er mit Badehose und Neoprentop auf einem Surfboard und spreizt den kleinen Finger und Daumen zum Surfergruss Shaka, was so viel wie «gute Welle» heisst.

Ein anderes Bild zeigt ihn im Anzug, dafür zusätzlich mit Racket, Volleyball und geschulterten Skiern, was Nochstadträtin Yvonne Beutler (SP) wie folgt kommentiert: «Willst Du an die Olympiade oder ins Bundeshaus??» Allerdings ist auch bei den Sozialdemokraten nicht ganz klar, ob sie ins Bundeshaus oder doch eher nach Hollywood wollen.

Viel Action, dünne Handlung

Denn «Day of Decision» mutet an wie der Trailer zum neusten Politthriller. Nur mit hörbarem Schweizer Akzent und einer noch höheren Klischeedichte: Es gibt alte, weisse Anzugträger, die sich im Wolkenkratzer verschwören. Man sieht das Weisse Haus und Einspieler aus der Tagesschau. Flugzeugträger. Kampfjet. Luftaufnahme in schwarz-weisser Kriegsästhetik. Fadenkreuz. Explosion.

Irgendwann schmeisst Mattea Meyer ein paar Akten auf den Tisch und stürmt mit den Worten «was für ein krankes System» aus dem Raum. An der Seite von anderen prominenten Nationalräten leistet die Winterthurerin, die vor vier Jahren in den Nationalrat einzog, im Film Widerstand. Und startet nun auf dem bequemen vierten Listenplatz in den Wahlkampf.

Noch dicker trägt die SVP auf, zumindest in Bezug auf die Spieldauer: Am 5. September veröffentlichte die Partei die erste Episode des insgesamt 45-minütigen Streifens «Wahlkampf der Film». Martin Hübscher und Franco Albanese aus Bertschikon und Winterthur stehen zwar nicht auf der Liste der Darsteller, dafür auf jener der Zürcher SVP – auf Platz 12 und 18.

Ein Medium für alle

Nik Gugger, der im November 2017 in den Nationalrat nachrutschte und auf ersten Platz der EVP-Liste antritt, wählte eine interaktivere Form als den Wahlkampfspot: die Stilumfrage. Auf Facebook liess er darüber abstimmen, welches Foto aufs Plakat soll.

Auf der Website von Michael Zeugin, der auf dem sechsten Platz für die GLP kandidiert, finden sich ebenfalls keine Videos. Dies fällt allerdings kaum auf bei den vielen grossformatigen Bildern auf seiner Website, die ihn im Wald, beim Lesen, im Garten, am Fluss, beim Sägen oder im Tesla zeigen.

Dass aber auch Kleinstparteien auf Videos setzen, um ihre Botschaften zu verbreiten, zeigt das Beispiel von Susanne Baumann. Sie kandidiert auf dem ersten Platz für die 2011 gegründete Partei Integrale Politik. Auf ihrem Youtube-Kanal erklärt die Kyburgerin, warum die Zeit reif sei für «einen Bewusstseinswandel in der Politik, welcher Verstand, Herz, Körper und Seele gleichermassen berücksichtigt.»

Erstellt: 06.09.2019, 18:57 Uhr

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