Winterthur

Waldzauber mit Hexe und Engeln

Märchenglück mit «Hänsel und Gretel» und ein Wald als Kathedrale – das Theater Winterthur bietet einen Saisonstart, wie er schöner nicht sein könnte.

Für Gretel wird es jetzt heiss, aber alle Welt weiss, wie es kommt.

Für Gretel wird es jetzt heiss, aber alle Welt weiss, wie es kommt. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wann sassen wir je im Theatervor einem solch stimmungsvollen Bühnenwald, raffiniert die Per­spek­tive mit dem Blick zu den Wipfeln, magisch das Dämmerlicht zwischen den dunklen Stämmen? Das Theater Heidelberg präsentiert Engelbert Humperdincks «Märchenspiel» als das, was es ist: eine ausgewachsene Oper – inniges Zusammenspiel der Szenerie mit dem Orchester und seiner Ausdrucksfülle für den Kinderreim, für die guten und ­bösen Mächte des Märchens und für das Heilsversprechen.

Wann sassen wir je im Theater vor einem solch stimmungsvollen Bühnenwald?

Für all dies haben Clara Kalus (Regie), Nanette Zimmermann (Bühne) und Maren Steinebel (Kostüme) klug und fantasievoll einander zugearbeitet. Der erste Akt hat seine Längen. Aber dann ist da die Einsamkeit und unheimliche Stille im dunklen Wald und der von einem magischen Triller des Piccolos angekündigte Auftritt des Sandmanns (mit ­kecker Stimme: Jasmin Özkam). Dieser verscheucht die Düsternis mit Glitter und Glimmer und sorgt dafür, dass der Wald für Abendsegen und Engelsmusik gleichsam zur Kathedrale wird.

Bös und konfus

Und da ist auch die bunte und bizarre Esslandschaft des dritten Aktes mit dem Spektakel der Hexe und ihrem Ritt durch die Luft. Natürlich ist sie die grosse Attraktion: Karolyn Frank gibt ihr die schrille Physiognomie in Stimme und Gestik, und dies mit einem leichten Drall ins Komische, womit ihr als bösem, aber auch konfusem Wesen wohl auch für kleine Zuschauer die Spitze des Schreckens genommen ist.

Schliesslich ist ja ohnehin alles halb so schlimm. Die Hexe in ­dieser Inszenierung ist «nur» die kindliche Albtraumvision von einer im Alltagsstress gehässigen Mutter und wird von derselben Darstellerin verkörpert, dominant im ersten Akt. Angelegt ist dort aber auch schon die Wende. Der Besenbinder hat gute Geschäfte gemacht und kommt fröhlich trällernd und mit Speck und Bohnen im Gepäck nach Hause. James Homan gestaltet ihn mit brummig gutmütigem Bariton, aber auch furios, wenn er von der schrecklichen Knusperhexe singt – auch die Eltern verfallen in ihrer Angst um die Kinder dem Hexenwahn.

Befreite Kuchenkinder

Die Identität von Heim und Hexenwald zeigt sich sehr stimmig darin, dass der karge Tisch im Wald als reich gedeckte Tafel und das Besenbinderheim als Leb­kuchenhaus wieder dastehen. Das Erwachen aus Schlaraffenland und Hexengraus führt nun aber nicht einfach zurück zum Anfang. Das eigentliche Wunder beginnt jetzt erst, und für dieses ist der Kinderchor aus Wiesendangen zuständig.

Die Note­fäger kommen als die befreiten Kuchenkinder aus dem Ofen hervorgekrochen, in welchem die Hexe zuvor verschwand. In berührend zartem Klang bitten sie um Er­lösung, und dann, nach Hänsels Hokuspokus, bricht der Jubel aus. Auch im Wirbel verliert die vierzigköpfige Schar den Klangfaden nicht, und kraftvoll stimmt sie am Ende in den anschwellenden himmlischen Lobpreis ein.

Zum Schwärmen

Hänsel und Gretel, so zeigt der Kinderchor, sind viele, aber es ist dann doch das eine Paar, das mit ausgereiften Opernstimmen musikalisch den ganzen Weg geht. Es sind Elisabeth Auerbach und Hye-Sung Na, die mit hellen, ­klaren Stimmen agieren, nur um wenige Grade gewichtiger der Mezzosopran als der Sopran, sodass beide sehr schön als Kinder durchgehen und sich doch als Knabe und Mädchen unterscheiden, wie es das Stück vorsieht und die Regie sanft ironisiert.

Im Abendsegen sind beide im innigen Terzenklang makellos verbunden, und so natürlich sie den Volksliedton treffen, so profiliert gestalten sie die Spielszenen.

Über die Verbindung von gefundener und erfundener Volksliedmelodik auf der einen, lyrisch inniger und dramatisch packender Sinfonik auf der anderen Seite in Humperdincks Oper kann man nur schwärmen, und dazu Anlass gibt auch das Musikkollegium unter der Leitung von Dietger Holm mit seinem differenzierten und inspirierten Spiel.

Weitere Vorstellungen von «Hänsel und Gretel» finden am 27., 29. und 30. September im Theater Winterthur statt.

(Der Landbote)

Erstellt: 24.09.2017, 17:37 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben