Winterthur

Walter wird weich

Max Frischs Schulklassiker «Homo Faber» funktioniert auch auf der Bühne. Die Hermes Baby gibt die Erzählerin. Eine Premierenkritik mit Spoiler.

Frauen sind wie Efeu. Ausser Sabeth. Technokrat Faber (Stefan Lahr) entwickelt unerwartete Gefühle für die junge Mitpassagierin (Anna Schinz).

Frauen sind wie Efeu. Ausser Sabeth. Technokrat Faber (Stefan Lahr) entwickelt unerwartete Gefühle für die junge Mitpassagierin (Anna Schinz). Bild: Toni Suter

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Als der jüngste «Star Wars»-Teil in die Kinos kam, wurde die Angst vor sogenannten Spoilern regelrecht zelebriert. Wer das Ende ausplauderte, war sich der Ächtung seiner Freunde sicher. Wenn das Theater Kanton Zürich «Homo Faber» auf die Bühne bringt, muss sich der Premierenbesucher keine Sorgen machen. Jeder Gymnasiast kennt die Pointe.* Trotzdem war der Saal voll.

Die Spannung steckte nämlich weniger in der Handlung als in der Frage, wie sich diese Tagebucherzählung voller Rückblenden und innerer Monologe auf der Theaterbühne bewähren kann. Ulrich Woelk hat es gewagt. Der Berliner Autor, ein promovierter Physiker wie die Hauptfigur Walter Faber, hat das Stück für das Theater Kanton Zürich adaptiert (Regie: Rüdiger Burbach).

Was für ein Zufall!

Wenige Minuten darf der Unesco-Ingenieur Faber (Stefan Lahr) seine Lieblingsrolle spielen, den rationalen Mann von Welt. Als über dem Golf von Mexiko die Turbine versagt, blickt er nicht einmal von seiner NZZ auf. «Maschinen fallen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit aus», erklärt er ungerührt seinem panischen Sitznachbarn Herbert Hencke (Andreas Storm), der mit der Grazie eines Truthahns versucht, die Schwimmweste überzuziehen.

Wie von Faber berechnet, erreicht die Maschine das Festland. Punkt für ihn. Dann fällt das zweite Triebwerk aus, die Maschine muss notlanden. Punkt für – nun ja, wen eigentlich? Das Schicksal? Doch das ist nur der Anfang. Denn Hencke entpuppt sich als Bruder von Fabers Jugendfreund Joachim. Der wiederum Fabers Ex-Verlobte Hanna heiratete. «Was sagt Ihre Wahrscheinlichkeitsrechnung dazu?», lacht Hencke.

Die Schreib- als Zeitmaschine

Autor Woelk befördert Fabers unverzichtbare Schreibmaschine in die Erzählerrolle. Per Projektion rattert die Hermes Baby die Eckdaten aufs kahle Bühnenbild: «25. März 1957. Houston, Texas. Am Flughafen.» Das ist etwas penetrant, aber exakt und effizient, zwei Tugenden, die auch Faber hochhält. Innert Sekunden wechseln wir nach Zürich im Jahr 1928, wo der junge Faber seine schwangere Freundin Hanna (Anna Schinz) zur Abtreibung überreden will. Ein weiteres Rattern: Wir sind im Dschungel. Und ratternd springen wir aufs Atlantikschiff, wo Faber auf der Flucht vor seiner abservierten amerikanischen Flamme Ivy (Miriam Wagner) auf die junge Sabeth trifft, der er bald einen Antrag machen wird (ebenfalls gespielt von Anna Schinz, die derzeit auch als Tante Dete im «Heidi»-Film zu sehen ist).

Woelk hat das Stück in den Fünfzigerjahren belassen. Das ist in Ordnung, denn in der Gegenwart ist Fabers Weltbild so omnipräsent, dass es kaum auffiele. Lautes Wiedererkennungslachen erntet aber auch der Zürcher Beamte, als er der Halbjüdin Hanna erklärt, sie müsse nach Nazideutschland zurück. «Die Schweiz ist ein kleines Land, wir können nicht alle aufnehmen.» Hier scheint das Feindbild im Saal klar. Wenn Faber sich aber die Abtreibung seines Kindes als Akt der Vernunft schönredet oder vor der ungebremsten Vermehrung der Araber warnt, wenn sie nicht mehr durch schlechte Hygiene dezimiert würden, ist es stiller im Saal. Man ist ganz froh, dass das Stück nicht in die Gegenwart verlegt wurde.

Fabers Weltsicht, in der Körper und Geist unperfekte Maschinen sind und Beziehungen die lästige Folge einer biologischen Notwendigkeit, kollidiert mit der seiner Frauen, vor allem von Hanna (Katharina von Bock), die ihn genauso wenig versteht wie er sie. Ein Happy End bleibt nur schon darum versperrt. Der Weg führt nach innen: Konfrontiert mit seiner eigenen Sterblichkeit, findet Faber im Schreibprozess eine Möglichkeit, Rechtfertigung abzulegen über das Irrationale in ihm, das er immer negiert hat. Gefühle. Angst. Schuld. Liebe. Walter wird, in eigenen Worten, weich. Und die Hermes Baby protokolliert es minuziös.

* Faber verliebt sich, unwissentlich, in die eigene Tochter. (Landbote)

Erstellt: 22.01.2016, 22:01 Uhr

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