E-Mobilität

«Was ist das für eine Karre, Alter?»

Eine Woche lang sind die 90 Fahrzeuge der Wave Rallye in der ganzen Schweiz unterwegs, um die Bevölkerung auf Elektromobilität aufmerksam zu machen. Mit dabei sind Tüftler, Fahrlehrer und Pioniere. Der Startschuss fiel gestern Nachmittag in Winterthur.

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Langsam füllt sich die Halle 53 auf dem Sulzer-Areal. Ein Tesla fährt herein, gefolgt von einem umgebauten elektronischen VW-Bus, einem selbst gebauten E-Bike und dem futuristisch wirkenden Kyburz E-Rod, der einem Gokart ähnelt. Es ist von derselben Schweizer Firma, die auch die neuen Zustellfahrzeuge der Post produziert. Mit ungewöhnlichem Design besticht auch das gelbe Elektromotorrad der Marke Johammer aus Österreich.

Trotz rund 90 elektronischen Fahrzeugen, die sich zum Schluss mitten in Winterthur eingefunden haben, bleibt es ungewöhnlich still in der Halle. Nur ab und zu ist der Motorenlärm des Lastwagens der angrenzenden Baustelle zu hören. Grund der Besammlung: der Start der achten Wave Rallye, der grössten Tour mit elektronischen Fahrzeugen.

«Was ist das für eine Karre, Alter?»

Die Strecke führt die 150 Teilnehmer in einer Woche einmal um die Schweiz (siehe Karte). 1200 Kilometer, vier Alpenpässe, 57 Zwischenhalte. Mit Besuchen in Schulen, Unternehmen und Begrüssungen von Lokalpolitikern soll auf die E-Mobilität aufmerksam gemacht werden. Das geschieht in Winterthur zumindest bei den Vorbeilaufenden. «Was ist das für eine Karre, Alter?», fragt ein Jugend­licher seinen Kollegen.

Pionier, Fahrlehrer, Bastler

Das Umstellen auf Elektrofahrzeuge gewinnt in der Schweiz zwar an Bedeutung, steckt aber noch in den Kinderschuhen. Weniger als 1,2 Prozent der Autos fahren elektrisch. «Es gibt also noch viel zu tun», sagt Wave-Gründer und -Leiter Louis Palmer, der Berühmtheit erlangte, als er 2007/2008 die Welt als erster Mensch mit einem Elektroauto umrundete.

«Es ist wichtig, unsere Autos mit Schweizer Strom aus erneuerbaren Quellen zu laden.»Stefan Tabacznik

Aus Winterthur mit dabei sind Fahrerinnen und Fahrer mit gesponserten Autos von Axa, der ETH (von Studenten umgebaut), Invisia und Myblueplanet. Letztere konnten den ehemaligen «Tagesschau»-Moderator Stefan Tabacznik als Teamchef gewinnen. Der fährt selber seit zwei Jahren mit Strom und hatte sich zu Beginn eigentlich auf eigene Faust angemeldet. Nun fungiert er während der ganzen Schweiz-Tour als Sprecher für die Myblueplanet-Ladekarte. Diese soll die «saubere» Elektromobilität in der Schweiz fördern. «Es ist wichtig, unsere Autos mit Schweizer Strom aus erneuerbaren Quellen zu laden», sagt Tabacznik. Sonst verlagere sich das Problem einfach ins Ausland.

Ein Leben lang gratis

Auf eigene Faust fährt der Andelfinger und Wahlwinterthurer ­Cyrill Landolt, der seinen Tesla X erst vor einem Monat gekauft hat. Er hebt sich nicht nur durch seine limettengrüne Farbe ab («gibt es nur noch zweimal auf der Welt»), sondern auch durch das Paar Extrapedalen, die Landolt einbauen liess. Der 41-Jährige ist Fahrlehrer und bietet neben der Vermietung über die Plattform Sharoo künftig auch Fahrstunden im Tesla an. «Bereits morgen ist die erste Stunde geplant», sagt Landolt. Ein Fahrschüler begleitet ihn einen Tag lang auf der Wave-Tour.

Weniger schnell unterwegs sind Lukas und Rebekka Teichler. Das Ehepaar verbringt die einwöchigen Ferien auf einem elektrischen Tandem inklusive selbst gebastelten Anhängers mit Solarmodulen. Diese können die Reichweite des Velos nochmals um bis zu 150 Kilometer verlängern. Ganz ohne Stromkabel schaffen es die beiden auf der Wave Rallye dann aber doch nicht. «Der Wagen ist aber auch eher fürs Campen mit Ruhetagen ­dazwischen gedacht», erklärt Teichler. So sei das Velo schon bis nach Marokko gekommen, ohne zusätzlichen Strom.

«Ich verstehe nicht, wieso die Leute noch mit Benzin fahren.»Jaromir Vegr

Zum sechsten Mal dabei ist Jaromir Vegr. Der Tscheche ist Supportfahrer, hilft also beim Auf- und Abbau an den Standorten mit. Seit 20 Jahren ist er rein elektrisch unterwegs und hat als Pionier die ersten E-Autos nach Polen importiert. Das erste Auto bastelte er noch selber, mittlerweile besitzt er 30 verschiedene. «Ich verstehe nicht, wieso die Leute noch mit Benzin fahren», sagt Vegr. Es stinke und koste viel Geld. «Mit diesem Auto fahre ich mein Leben lang gratis, da ich selber Strom produziere.»

Stadträtin Barbara Günthard-Maier, die kurz vor Start eine Rede hielt, wusste zwar nicht, ob die Busse in Winterthur mit Ökostrom fahren, gab dafür aber eine Neuigkeit bekannt. Ab nächstem Monat können für den Aufbau von Ladeinfrastrukturen, ob öffentlich zugänglich oder in Mehrfamilienhäusern, Fördergelder beantragt werden. Dann tritt das neue Förderprogramm Energie Winterthur in Kraft.

(Der Landbote)

Erstellt: 09.06.2018, 11:17 Uhr

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