Astronomie

Was uns der gelandete Adler brachte

Die Mondlandung im Jahr 1969 veränderte den Blick der Menschen auf den eigenen Planeten. Markus Griesser, Mitgründer und Leiter der Winterthurer Sternwarte Eschenberg, schaut zurück auf das Ereignis, das eine Generation prägte.

Ein Bild, das die Wahrnehmung des «Blauen Planeten» neu prägte: Die Apollo-8-Mission fotografierte, wie die Erde über der Mondlandschaft aufgeht.

Ein Bild, das die Wahrnehmung des «Blauen Planeten» neu prägte: Die Apollo-8-Mission fotografierte, wie die Erde über der Mondlandschaft aufgeht. Bild: Keystone/NASA

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Es gibt in unserem Leben nur wenige Tage, die sich detailreich und unauslöschlich in unserer Erinnerung festgegraben haben. Dazu gehört für all jene, die dank ihrer frühen Geburt dieses Jahrhundertereignis bewusst miterleben durften, die Landung von Apollo 11 in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1969 im Mare Tranquillitatis, mitten in der Mondscheibe. Um 3.56 Uhr MEZ betrat Neil Armstrong als erster Mensch den Erdtrabanten und sprach dabei – wohl aufregungsbedingt – seinen legendären Satz merkwürdig abgehackt: «That’s one small step for man… one… giant leap for mankind.»

Die Mondlandung mit dem wohl berühmtesten Satz der Raumfahrt.

Für mich ist jener Juli-Montag aus einem noch anderen Grund unvergesslich, durfte ich doch nach der aufregenden und voll durchwachten Nacht vor dem Schwarz-Weiss-Fernseher für meine Rekrutenschule in die Kaserne Kloten einrücken. Ich war bei weitem nicht der einzige Jungsoldat mit schwerem Kopf.

Aufgereiht wie Hühner vor den TV-Geräten

Die damals noch wild gebrüllten Befehle einzelner Unteroffiziere hallten so besonders schmerzhaft in unseren übermüdeten Köpfen nach. Immerhin hatte unser Kompagnie-Kommandant, der spätere LdU-Nationalrat und HSG-Wirtschaftsprofessor Franz Jaeger, ein Einsehen: An diesem ersten Abend der RS wurden wir in die kaserneneigene Turnhalle kommandiert und auf unbequemen Holzbänken wie die Hühner vor einigen TV-Geräten aufgereiht. So durften wir uns die flimmernde Mondlandung, die weltweit von 600 Millionen Zuschauenden verfolgt worden sein soll, in einer Zusammenfassung des Schweizer Fernsehens nochmals reinziehen.

Einige Monate vor der Landung des «Adlers», der Mondfähre «Eagle» der Apollo-11-Mission, hatte bereits Apollo 8 für riesige Aufmerksamkeit gesorgt. Massgeblich lag es daran, dass diese Kapsel genau am 24. Dezember 1968 in die erste Mondumlaufbahn einschwenkte. Danach umkreiste das Raumschiff den Mond zehnmal.

Unvergessen ist die damalige Lesung aus der Genesis, mit der das Team am frühen Weihnachtsmorgen eine berührende Botschaft zur weit entfernten Heimat Erde funkte. Der Astronaut Bill Anders eröffnete den alttestamentlichen Text mit den Worten: «In the beginning, God created the Heaven and the Earth.» Die beiden anderen Besatzungsmitglieder Jim Lovell und Frank Bormann setzten die Lesung aus der biblischen Schöpfungsgeschichte fort. Bormann schloss dann mit den Worten: «Viel Glück, fröhliche Weihnachten und Gott segne euch alle – euch alle auf der guten Erde!»

Bruno Stanek und die Elektronenrechner

Bei dieser ersten Mond-Mission sassen auch in der Schweiz Tausende stundenlang vor dem Bildschirm und sogen die Ausführungen Bruno Staneks und seines Moderator-Kollegen Charles Raedersdorf am Schweizer Fernsehen regelrecht auf. Der blutjunge ETH-Mathematiker Stanek hatte eine seltene Begabung, komplexe technische Vorgänge in verständliche Sprache herunterzubrechen.

«Trotz Teflonpfannen und Mikrochips steht die Frage mehr denn je im Raum, was uns denn die Raumfahrt an Fortschritten gebracht hat.»

In einer Zeit, in der in den Schulen gerade mal die ersten Taschenrechner zum Einsatz gelangten, erzählte er bereits von Computern – damals oft noch «Elektronenrechner» genannt – ohne dabei wohl selbst zu ahnen, welch riesige Leistungsfähigkeit und gesellschaftliche Akzeptanz diese Maschinen 50 Jahre später sogar im Taschenformat erreichen würden. Trotz seiner betont spröden Art erreichte Stanek die Herzen der Zuschauenden.

Mondlandung löst Sternwarten-Boom aus

Allen war klar, dass mit diesen Weltraum-Expeditionen eine neue Ära in den Wissenschaften eingeleitet wurde. Es ist wohl kein Zufall, dass im Nachgang der Mondflüge in der Ostschweiz gleich mehrere Sternwarten eröffnet wurden: 1976 die in Kreuzlingen, 1979 unsere Sternwarte Eschenberg in Winterthur und 1983 jene in Bülach.

In unseren Bettelbriefen für Finanzen durfte der Verweis auf das dank Apollo enorm gewachsene öffentliche Interesse am Himmelsgeschehen nicht fehlen.Und dieses war ja auch klar ausgewiesen, denn in den Publikumsführungen kam schon damals bei Mondbeobachtungen immer wieder der Wunsch, die einzelnen Landeplätze im Teleskop zu erkunden. Am liebsten hätten unsere Gäste die Startplattformen gesehen, von denen aus «Eagle» und Co. den Rückflug zur Apollo-Mutterkapsel gezündet hatten. Doch das war und ist mit keinem Teleskop von der Erde aus möglich.

«Heute gibt es kaum mehr eine Führung in der Sternwarte ohne die zweifelnde Frage, ob denn die Amerikaner wirklich auf dem Mond gewesen seien.»

Nach dem Ende der Apollo-Missionen im Jahre 1972 verflog die aufgeschaukelte Technik-Euphorie wieder erstaunlich rasch. Massgeblich trug dazu wohl die Erdölkrise von 1973 bei, die erstmals und für alle spürbar auf das Problem der knapper werdenden globalen Ressourcen hinwies. Bald nach dem Aufkommen des Internets in den 1990er-Jahren geisterten auch schon die ersten Verschwörungstheorien durch das World Wide Web. Heute gibt es auf den öffentlichen Sternwarten kaum mehr eine Führung ohne die zweifelnde Frage mindestens eines Gastes, ob denn die Amerikaner auch wirklich auf dem Mond gewesen seien.

Viele der «Apollonauten» sind verstummt

Zu diesem gewachsenen Misstrauen trägt wohl massgeblich bei, dass die Generation, die damals die Apollo-Missionen noch persönlich miterlebt hat, tüchtig in die Jahre gekommen ist. Ich gehöre auch dazu. Trotz Teflonpfannen, Mikrochips und vakuumfesten Kugelschreibern steht die Frage mehr denn je im Raum, was uns denn die Raumfahrt an wirklichen Fortschritten gebracht hat. Und da auch viele der damaligen «Apollonauten» inzwischen in die ewigen Jagdgründe abgehoben haben, fehlen zunehmend die direkten Zeitzeugen, welche die heutige Generation mit detailreichen Schilderungen ihrer persönlichen Abenteuer fern unserer Erde begeistern könnten.

Die zerbrechlich wirkende Erde

Was bleibt uns? Sicher der bewegende Blick der Apollo-8-Crew auf die in surrealer Schönheit schwebende blaue Erde über der öden Mondlandschaft. Eine wahrhaft überirdische Szene. Das berühmte Foto des so zerbrechlich wirkenden «Blauen Planeten» soll der Auslöser für die Gründung zahlreicher Umweltbewegungen gewesen sein. Dank Mike Oldfield («The Songs of Distant Earth», 1994) ist die damalige Lesung der Genesis sogar in die Musikgeschichte eingegangen.

Das Album von Mike Oldfield.

Und dann auch das tröstliche Vertrauen in die Intelligenz und die Handlungsfähigkeit unserer modernen Wissenschaften, die sehr wohl zu unterscheiden wissen, was uns in der globalen Gesamtheit zum Vorteil gereicht, oder eben auch nur einer gerade aktuellen nationalistischen oder populistischen Stimmung Auftrieb verleihen soll.

Wir Menschen bleiben als Bewohner unseres Planeten gefordert: Entweder schaffen es die Erdenbürger in ihrer Gesamtheit, ihre kosmische Heimat zu erhalten, die einzige, die wir kennen und aktuell verfügbar haben. Wir müssen den uns eigentlich gewogenen Lebensbedingungen sowie den begrenzten Ressourcen Sorge tragen – und einiges mehr tun, um den Fortbestand des blauen Planeten zu gewähren. Oder wir schaffen es eben nicht. Ich denke, auch diese top-aktuelle, radikale und unmissverständliche Erkenntnis hat ihre Wurzeln massgeblich in den Mondflügen, die vor 50 Jahren den Blick auf unseren Planeten verändert haben.

Erstellt: 11.07.2019, 15:29 Uhr

Der Autor

Gründer, Beobachter und Kolumnist


Markus Griesser ist Mitbegründer und Leiter der Sternwarte Eschenberg. Geboren 1949 befasst er sich seit 1963 mit dem Weltall. Für den «Landboten» schreibt er seit Jahrzehnten die monatliche Kolumne «Sterne über Winterthur». Das Bild zeigt ihn an seinem Lieblings-Astrografen auf der Winterthurer Sternwarte. Foto: Alessandro Della Bella

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