Leitartikel

Weder Fabrik noch Kirche

Dass der reformierte Stadtverband sich von der Fabrikkirche distanziert, ist verständlich. Die Art stösst manchen sauer auf, schreibt Michael Graf.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Letzte Woche verlor die Fabrikkirche auf einen Schlag 30 Prozent ihrer Einnahmen: Die kantonale Synode strich dem reformierten Sozialprojekt den jährlichen Unterstützungsbeitrag von 160'000 Franken. Diese Woche wurde bekannt, dass auch der Vorstand des Stadtverbands aktiv wurde. Der Mietvertrag fürs Restaurant Akazie wurde gekündet, er läuft in der zweiten Jahreshälfte 2020 aus.

Einzige Konstante war Nik Gugger, EVP-Politiker und über alle Jahre unermüdlicher Werber für «seine» Fabrikkirche.

Wer die Diskussion nicht genau verfolgt hat, kann sich fragen: Was genau ist denn die Fabrikkirche? Und wofür erhält sie jährlich fast eine Viertelmillion Franken aus dem Geldtopf des reformierten Stadtverbands? Ein kurzer Rückblick: Die 2003 als «reformierte Jugendkirche» gegründete Fabrikkirche erhielt ihren heutigen Namen 2007, als sie eine alte Fabrikhalle im Sulzer-Areal bezog. Sie führte ein Bistro und andere Arbeitsintegrationsprojekte, Gottesdienste wurden abgelöst durch andere Veranstaltungsformen, der Fokus auf Jugendliche fiel weg. Einzige Konstante war Nik Gugger, EVP-Politiker und über alle Jahre unermüdlicher Werber für «seine» Fabrikkirche.

Spätestens als 2017 die alte Halle abgerissen wurde, war die Fabrikkirche weder Fabrik noch Kirche. Doch wie sollte es weitergehen? Zum verkorksten Neuanfang im Restaurant Akazie gibt es zwei Versionen. Die des alten Fabrikkirchen-Teams geht so: Mit frischen Plänen und einer Million Franken Rücklage aus guten Fabrikkirchen-Jahren wollte man sich hier im Stadtzentrum neu erfinden.

Doch kaum war die Akazie eröffnet, kündigte der Stadtverband, seit kurzem unter neuer Führung, aus blauem Himmel die Leistungsvereinbarung. Dieses Misstrauensvotum zum kritischen Zeitpunkt verwand man nicht, die Zusammenarbeit war belastet. Gugger und langjährige Fabrikkirchen-Vorstände nahmen bald darauf den Hut.

 Den Mietvertrag mit der «Akazie» schloss die Fabrikkirche ohne Rücksprache mit dem Stadtverband ab. Ein Affront. 

Die zweite Version der Geschichte geht so: Als Verena Bula, die neue Präsidentin des Stadtverbands, sich ein Bild über die Geschäfte verschaffte, stellte sie fest, dass die Fabrikkirche sehr grosse Freiheiten genossen hatte. Doch welche konkreten Resultate bekam die Kirche eigentlich für die Viertelmillion, die sie jährlich in Guggers Projekt investierte? Den Mietvertrag mit der «Akazie» schloss die Fabrikkirche ohne Rücksprache mit dem Stadtverband ab. Ein Affront. Also zog Bula die Notbremse: Sie kündete den Leistungsvertrag. Und als er doch wieder Geld sprach, war es geknüpft an mehr Mitsprache.

Pikant war, dass der Vorstand des Stadtverbands zeitgleich ein anderes kirchliches Gastroprojekt vorantrieb, «Friendship in Town». Dessen Personal rekrutierte sich aus Seen, der Kirchgemeinde der neuen Präsident Verena Bula. Vertreter anderer Kirchgemeinden witterten einen Interessenskonflikt; nur knapp erhielt das Projekt den Segen. Seit Juni ist der «Hintere Hecht» offen. Das Altstadtlokal ist geschmackvoll eingerichtet und täglich bis in die Randstunden geöffnet. Das Publikum: jung, hip und mit MacBook; das Kässeli mit gespendeten Kaffees (Caffè Sospeso) ist gut gefüllt. Ein Lokal mit eigenem Charakter – wie die Fabrikkirche am alten Standort.

Gab der Vorstand dem neuen Team eine faire Chance?

Bei der heutigen Fabrikkirche vermisst der kantonale Kirchenrat eine kohärente Strategie – verständlich. Doch die Art, wie auch der Stadtverband dem einstigen Herzensprojekt in Eigenregie erst den Leistungsvertrag und nun das Lokal kündete, dürfte manchen sauer aufstossen. An der Sitzung der Zentralkirchenpflege diesen Montag steht die Frage im Raum: Gab der Vorstand dem neuen Team eine faire Chance?

Dem früheren Mr. Fabrikkirche, Nik Gugger, muss das nicht mehr kümmern. Er ist als Nationalrat und Restaurantbesitzer anderweitig beschäftigt und ist seit anderthalb Jahren nicht mehr mit der Fabrikkirche verbunden. Maliziös könnte man sagen: Er hörte rechtzeitig auf. Die Fabrikkirche als Ganzes verpasste diesen Zeitpunkt. Weil ihr eine Vision fehlt, und weil ihr die Fürsprecher ausgehen, droht ein Ende in Raten.

Erstellt: 06.12.2019, 16:00 Uhr

Michael Graf, Redaktor Stadtressort (Bild: mas)

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!