Gewerbe

Wehmut und Wandel am Untertor

Seit 135 Jahren verkauft Büro Schoch Schreibmaterial an der Ecke Untertor/Bossharden­gässchen. Statt Büroräumen wird es im Obergeschoss bald zwei Wohnungen geben.

Mit der Plastik von Silvio Mattioli, einem Tintenfass mit Schreibfeder, wollte Urs Schoch (Bild) einst die Ladenbesitzer am Untertor motivieren, historische Schilder an ihren Hausfassaden aufzuhängen. Noch älter ist das Hauptgeschäftsbuch, das auf die Anfänge der Papeterie verweist, die heute von seiner Tochter Karin (Bild) geführt wird.

Mit der Plastik von Silvio Mattioli, einem Tintenfass mit Schreibfeder, wollte Urs Schoch (Bild) einst die Ladenbesitzer am Untertor motivieren, historische Schilder an ihren Hausfassaden aufzuhängen. Noch älter ist das Hauptgeschäftsbuch, das auf die Anfänge der Papeterie verweist, die heute von seiner Tochter Karin (Bild) geführt wird. Bild: Johanna Bossart

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Obwohl er schon längst nicht mehr im Tagesgeschäft der Papeterie tätig ist, kommt Urs Schoch fast täglich in das grosse Büro in der zweiten Etage, dass er sich mit Tochter Karin teilt. Hier erledigt er sämtlichen Schreibkram: «Ich gehöre zu denen, die daheim kein Büro haben», sagt der 78-Jährige. Ganz oben im Gestell steht ein riesiges Buch. «W. H. Schoch Geschäftsbücherfabrik und Buchbinderei» steht in kunstvollen Lettern auf dem Einband. Das alte Hauptgeschäftsbuch erinnert an die Anfänge des Unternehmens, genau wie die alten Schreib- und Rechenmaschinen in der Glasvitrine.Heutzutage ist alles viel profaner. In der Papeterie wird vom goldenen Füllfederhalter über Büttenpapier, Geburtstagskarten, Theks und Kalender noch alles verkauft. Doch die Digitalisierung macht sich überall bemerkbar. Einerseits würde vermehrt online eingekauft, andererseits komme Handgeschriebenes im Alltag nur noch selten zum Einsatz, sagt Urs Schoch. Früher seien beispielsweise gravierte Schreibgeräte ein beliebtes Geschenk zu besonderen Anlässen gewesen.

Bürobedarf online

Davon, dass Bürobedarf und Schreibmaterial für den Alltagsbedarf mehrheitlich online bestellt werden, profiert auch die Firma seines Sohnes Thomas. Urs Schoch und seine Frau Nina haben ihre Nachfolge frühzeitig geregelt und den Betrieb in drei eigene AG aufgeteilt, die 2005 von der vierten Generation übernommen wurden. Thomas Schoch führt in Ohringen den Bereich Büro- und Schulmaterialhandel, der im letzten Jahr mit einer Basler Bürofirma fusioniert wurde und jetzt Schoch Vögtli AG heisst. Jan Schoch hat sich mit dem Werkhaus am Katharina-Sulzer-Platz auf Büroeinrichtungen spezialisiert und Karin Schoch führt die Papeterie.

Blick über die Altstadt

In den beiden oberen Stockwerken am Untertor war bis vor ein paar Monaten noch die Adminis­tration der drei Firmen untergebracht. Weil diese vor kurzem nach Ohringen ausgelagert wurde, nutzt die Familie die Gelegenheit, hier zwei Wohnungen einzubauen. Der Winterthurer Architekt Ernst Zollinger betreut den aufwendigen Umbau, bei dem möglichst viel Altes, wie zum Beispiel das Parkett, erhalten bleibt.

Im Juni soll alles bezugsfertig sein. Die obere Wohnung, zu der auch das ausgebaute Dachgeschoss gehört, hat zwei Etagen. Die Terrasse bietet einen sagenhaften Blick über die Altstadt. Glücklich, wer hier einziehen darf.

Das Haus am Untertor heisst «Zum Federkiel», der gross angeschriebene Name wird durch eine Plastik von Silvio Mattioli unterstützt. Das tonnenschwere Tintenfass mit Schreibfeder steht seit 1988 über dem Ladeneingang. Damals wollte der umtriebige Urs Schoch alle Geschäftsinhaber am Untertor dazu bringen, an ihren Läden wieder historische Schilder anzubringen, die den Zweck der Läden veranschaulichen. Leider habe aber kaum jemand mitgemacht. «Ausser uns hat nur noch das Porzellangeschäft Greiner ein kunstvolles Schild anfertigen lassen», sagt Schoch. «Aber der Laden ist ja schon lange verschwunden.»

Etwas Wehmut klingt mit, wenn sich Schoch an früher erinnert. Als Patron alter Schule hat er nie nur an das eigene Unternehmen gedacht. Das Untertor als Ganzes sollte florieren. Als im Jahr 2004 die Metzgerei Bell ihren Standort am Untertor verliess, überzeugte Schoch andere Detaillisten, in den Räumlichkeiten den Untertor-Märt zu eröffnen. Dieser lief auch gut, bis sich die Hausbesitzerin entschloss, umzubauen und mehr Miete zu verlangen. Trotz einer von Urs Schoch initiierten Rettungsaktion bis hinauf zum Stadtpräsidenten wurde dem Bäcker, dem Metzger und dem Käser gekündigt, im März wird die Migros dort ihre zweite Chickeria eröffnen.

Schochs Lieblingsvision ist ein Glasdach über dem gesamten Untertor. «Eine überdachte Passage zum Flanieren wäre doch toll.» Aber auch davon konnte er die anderen Ladenbesitzer nicht wirklich überzeugen: «Es sind ja alles nur noch Filialleiter, die habe kein Interesse an so etwas.» Aber Urs Schoch hat seine Vision noch nicht ganz abgeschrieben: «Vielleicht könnte man wenigstens das Bosshardengässchen überdecken.» (Landbote)

Erstellt: 06.02.2017, 21:14 Uhr

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