Religion

Weihnachten ohne Jesus

Der Berliner Lehrer und Bestseller-Autor Philipp Möller erklärt in seinem neuen Buch «Gottlos glücklich», warum wir ohne Religion besser dran wären. Heute tritt er in Winterthur auf. Ein Gespräch über Weihnachten und Raubkopien.

«Allergie gegen Bullshit»: Autor Philipp Möller.

«Allergie gegen Bullshit»: Autor Philipp Möller. Bild: Heike Steinweg

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Herr Möller, Sie sind Atheist. Feiern Sie Weihnachten?
Philipp Möller: Ja. Wir feiern zu keiner Sekunde die Geburt von Jesus Christus, aber wir setzen uns als Familie zusammen, wir essen gut und geniessen die freie Zeit miteinander. Wir stellen tatsächlich auch einen Weihnachtsbaum auf. Meine Frau liebt die weihnachtlich geschmückte Wohnung und die Kinder freuen sich wie Bolle, wie man in Berlin sagt.

«Jesus ist letztlich eine mythologische Raubkopie.»

Trotzdem ist es das Fest, wo Christen die Geburt ihres Heilands feiern. Darf man als Nicht-Christ Weihnachten feiern?
Man müsste eigentlich andersherum fragen: Darf man denn als Christ die Wintersonnenwende feiern? Wenn man sich mit Weihnachten auseinandersetzt, landet man bei Jesus und wenn man sich mit Jesus auseinandersetzt, landet man bei Mithras. Mithras ist der ursprünglich persische Sonnengott, der immer mit einem Schein um den Kopf abgebildet wurde. Er wurde von seinem Vater auf die Erde geschickt um die Menschheit vor dem Bösen zu erretten. Sein wichtigstes Symbol war das Kreuz. Jesus ist letztlich eine mythologische Raubkopie.

Und Weihnachten?
Zur Zeitenwende war von Weihnachten noch gar nicht die Rede. Aber als man erkannte, dass die Heiden immer noch die Wintersonnenwende feiern, hat man sich entschieden zu behaupten, dass dieser abgekupferte Heiland zufällig auch noch in diesem Zeitraum zur Welt gekommen sei. Weihnachten ist, wie Jesus selbst, erstunken und erlogen. Es wäre viel ehrlicher, wir würden Weihnachten als Naturfest feiern: Hurra, es ist saudunkel und ab jetzt wird es wieder heller!

Würden Sie das Ihren Kindern so erklären?
Ehrlich gesagt, haben die bisher gar nie gefragt, was da vor 2000 Jahren genau passierte. Aber sie sehen, dass Weihnachten ganz unterschiedlich gefeiert wird. Bei meinem Vater, der sehr katholisch ist, feiern wir katholisch. Bei meiner Schwiegermutter, die sehr naturverbunden und spirituell ist, aber gar nicht religiös, kommt nicht das Christkind, sondern das «Lichtkind». Was wir immer machen, ist rausgehen und eine Tanne schmücken.

«Man könnte genauso gut fragen: Dürfen Christen die Wintersonnenwende feiern?»

Weihnachten ohne Jesus, das geht also gut?
Sehen Sie, ich bin in Berlin aufgewachsen und hattte fast nur Freunde mit Migrationshintergrund. Die haben sich, als sie alt genug waren, die «Ausländerweihnachten» ausgedacht, weil sie auch ein Fest haben wollten. Alle von ihnen feiern heute auch mit ihren Kindern Weihnachten.

Offensichtlich mögen die Leute ein Fest und Geschenke. Was ist denn gegen das christliche Weihnachtsfest zu sagen?
Nichts. Ich habe nur dann ein Problem, wenn von deren Seite ein Hochmut entsteht. Effektiv wissen die meisten Leute heutzutage gar nicht mehr, warum man Weihnachten feiert. Aber die christliche Version zu feiern heisst nicht, dass man mehr Ahnung hätte. Sondern dass man sich von der christlichen Kirche an der Nase herumführen lässt, so wie sie das seit 2000 Jahren macht.

Das ist das grosse Thema Ihres Buches und Vortrags. Was stört Sie denn an Kirche und Religion?
Wo anfangen? Der Hochmut gefällt mir überhaupt nicht. Zu sagen, wir sind die Guten und haben recht und die anderen sind die Bösen, diese Einstellung war und ist Ursache für Konflikte oder zumindest Brandbeschleuniger.

«Zu behaupten, man habe durch ein Buch die absolute Wahrheit gefunden, ist nicht nur engstirnig, sondern auch einfach blöd.»

Religion bringt die Menschen auseinander?
Die Beobachtung der islamischen Welt macht das deutlich. Es gibt zwölf Länder weltweit, in denen Apostasie (Abfall vom Glauben) und Blasphemie (Gotteslästerung) mit der Todesstrafe belegt werden. Da braucht man nur irgendwann zu erkennen, dass man die Story nicht glaubt, und man wird von der Familie verstossen.

Was nervt Sie persönlich an der Religionsfrage?
Zu behaupten, man habe durch ein Buch die absolute Wahrheit gefunden, das ist nicht nur engstirnig, sondern auch einfach blöd. Ich habe eine ausgesprochene Allergie gegen Bullshit.

Wenn Religion Blödsinn ist, warum glauben so viele dran?
Das ist im Falle des Christentums eine 2000-jährige Geschichte gut inszenierter Lobbyarbeit und Sozialisation. Ich denke, wir werden alle als Atheisten geboren ohne Glauben an einen Gott. Und solange man uns den nicht anerzieht, entwickeln wir den auch nicht.

Aber unsere Kultur fusst doch auf christlichen Werten?
Unsere Demokratie und die Menschenrechte wurden in jahrzehntelangen Kämpfen gegen die Kirche errungen, die sich teils bis heute mit Händen und Füssen gegen die Selbstbestimmungsrechte des Individuums wehrt. In einem modernen Rechtsstaat sollten Religionen generell Privatsache sein.

Können Sie beweisen, dass es keinen Gott gibt?
Ich kann auch nicht beweisen, dass es die Zahnfee oder das fliegende Spaghettimonster nicht gibt. Die Beweislast für eine Behauptung liegt bei demjenigen, der die Behauptung aufstellt.

Gottlos glücklich, 19.00 Uhr, Physikgebäude ZHAW, Technikumstrasse 9. Eintritt frei.

(Der Landbote)

Erstellt: 06.12.2017, 17:03 Uhr

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