Winterthur

Glasfasergeschäft läuft für Stadtwerk harzig

Das Glasfasernetz ist in Winterthur inzwischen fast vollständig ausgebaut. Doch noch ist das Geschäft nicht rentabel. Kleine Provider kritisieren zudem, man stelle grösseren Anbietern das Netz zu günstig zur Verfügung.

Glasfaserzentrale beim Hauptbahnhof: Tausende Glasfasern sorgen dafür, dass die Kunden zuhause eine schnelle Internetverbindung haben.

Glasfaserzentrale beim Hauptbahnhof: Tausende Glasfasern sorgen dafür, dass die Kunden zuhause eine schnelle Internetverbindung haben. Bild: Marc Dahinden

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Der Bereich Telekom bei Stadtwerk ist noch nicht selbsttragend. 2016 betrug das Minus 3,9 Millionen Franken, 2017 immer noch 1,9 Millionen Franken.

Stadtrat Stefan Fritschi (FDP) rechnet ab 2021 mit einem positiven Ergebnis, räumt aber ein, dass es wohl bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts dauere, bis die Startfinanzierung zurückgezahlt sei und man schwarze Zahlen schreibe. Bei der Abstimmung 2012 war man davon ausgegangen, dass dies 2024 der Fall sein wird.

Grosse Vorinvestitionen

Fritschi sagt, das Glasfasernetz sei ein Infrastrukturprojekt mit grossen Vorinvestitionen. Die Erträge entwickelten sich aber langsamer, da die Provider die Endkunden zuerst gewinnen müssten. Hinzu komme, dass sich zwischen Swisscom und Stadtwerk eine Konkurrenzzsituation entwickelt habe. «Dies führt zu einer Preiserosion, die sich auf die Einnahmen auswirkt», so Fritschi.

«Die Verträge mit Salt und Sunrise sind stark wettbewerbsverzehrend»Marc Schuler,
Geschäftsleiter Internet Group

Der Stadtrat prüfte deshalb auch einen Einstieg ins Providergeschäft, verwarf die Idee jedoch, auch weil sich positive Entwicklungen abzeichneten. Dazu gehörte, dass die Stadtwerk-Partnerin «Swiss Fibre Net AG» (SFN) Anfang Jahr Verträge mit den grossen Anbietern Sunrise und Salt abschliessen konnte. SFN ist das Gemeinschaftsunternehmen lokaler Energieversorger.

Sunrise und Salt haben sich so genannte langfristige, nicht entziehbare Nutzungsrechte an den Glasfasern der Energieversorger gesichert (IRU). Dies lässt sich vergleichen mit einem Baurechtsvertrag. Die Nutzungsrechte werden jedoch üblicherweise mit einer Einmalzahlung abgegolten. Die übrigen Stadtwerk-Kunden zahlen dagegen monatlich für die bezogenen Stadtwerk-Dienste. Wie viel Sunrise und Salt für diese Rechte bezahlt haben, wollen die Beteiligten alle nicht verraten.

Die kleineren Provider sind über diese Kooperation nicht glücklich. Die Verträge mit Salt und Sunrise seien stark wettbewerbsverzehrend, findet etwa Marc Schuler, Geschäftsleiter der Internet Group: «Wie kann es sein, dass Grosskonzerne einen fixen Betrag bezahlen können und damit eine faktische Handlungsfreiheit ohne variable Kosten zugesprochen bekommen?»

Als Betriebswirtschafter frage er sich, wie solche Entscheidungen durch eine öffentliche Institution überhaupt möglich seien und ob solche Verträge nicht gegen den öffentlichen Auftrag der Abstimmung verstossen würden. Schuler hat deswegen im Frühling bei der Wettbewerbskommission eine Anzeige gegen SFN eingereicht. Das Verfahren ist noch pendent. Die Tatsache, dass Salt derzeit mit einem Kampfangebot im Markt auftritt (siehe unten), stützt die Annahme, dass die beiden einen guten Preis ausgehandelt haben.

Rabatt dank Risiko

Andreas Waber, CEO von SFN sagt dazu, Kunden mit einem IRU-Vertrag hätten auch ein deutlich höheres Risiko zu tragen, da sie den Monatspreis für 20 Jahre im voraus fix bezahlen würden. Diese Risikoübernahme einerseits und der Effekt des Barwert des Geldes ergäben einen Rabatt für IRU-Vertragskunden.

Fredy Künzler ist SP-Gemeinderat sowie Gründer und Geschäftsführer von Init7. Der Vertrag mit Salt und Sunrise ärgert auch ihn. Er schätzt, dass Salt und Sunrise zwischen 8,5 und 16 Millionen für die Nutzungsrechte bezahlt haben.

«Sollte diese Summe zutreffend sein, läge sie nicht in der Finanzkompetenz des Stadtrats, sondern des Grossen Gemeinderats, allenfalls würde eine Volksabstimmung benötigt. Es fragt sich, ob der Stadtrat bei den IRU-Verträgen die Finanzkompetenz überschritten hat.» Es sei anzunehmen, dass die beiden einen sehr guten Preis erhalten hätten. Künzler vermutet gar, dass deswegen eine Sonderabschreibung des Wertes des Glasfasernetzes nötig sein könnte,.

Stefan Fritschi widerspricht. Der Vertrag sei vom Stadtrat «kompetenzengerecht» genehmigt worden. Zudem habe man bisher keine Abschreiber auf dem Glasfasernetz machen müssen und habe dies auch künftig nicht vor.

(Der Landbote)

Erstellt: 05.10.2018, 18:05 Uhr

Marktanteile

So wird das Glasfasernetz genutzt

Das Winterthurer Glasfasernetz ist zu 98 Prozent fertig gebaut. Den Ausbau haben Swisscom und Stadtewrk gemeinsam vorgenommen, wobei der Anteil der Swisscom 60 und jener von Stadtwerk 40 Prozent betrug.

Insgesamt bieten elf Provider Angebote auf dem Winterthurer Glasfasernetz. Zahlen zur Netzauslastung und den Marktanteilen einzelner Anbieter sind aber nur wenige bekannt. Laut Stadtwerk sind aktuell rund 58 000 Wohnungen oder Häuser in der Stadt mit Glasfaser erschlossen.

Weitere Zahlen wollen weder Stadtwerk noch die Anbieter bekannt geben. Eine grobe Hochrechnung aufgrund der belegten Anschlüsse in einer Zentrale zeigt jedoch, dass nur rund die Hälfte der erschlossenen Haushalte tatsächlich ein Glasfaser-Abo hat.

Und nur ein kleiner Teil dieser Kunden nutzt eine Glasfaser von Stadtwerk. Aufgrund der Hochrechnung ist davon auszugehen, dass die Swisscom gemessen an den 58 000 Haushalten den höchsten Marktanteil hat, mit geschätzt 39 Prozent. Swisscom nutzt jedoch nicht alle Fasern selber, sondern vermietet sie auch an andere Provider.

Die übrigen Anbieter nutzen die Stadtwerk-Faser, insgesamt rund 11 Prozent. Sunrise kommt auf etwa 3 Prozent, Init7 und Salt auf je rund 2 Prozent. Rund 4 Prozent teilen sich die sieben kleineren Anbieter.

Die restlichen Haushalte haben kein Internet oder surfen über einen Kabelanschluss.Stadtwerk kommentiert die Zahlen nicht, hält aber fest, die Endkundenentwicklung entspreche den Erwartungen.

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