Winterthur

Wenn die Grenzen zwischen Pflege und Ärzten durchlässig werden

Zwischen den verschiedenen Berufsgruppen in einem Spital bestehen häufig harte Fronten. Das Kantonsspital Winterthur will diese nun aufbrechen, indem es Pflegepersonen für neue Aufgaben einsetzt.

Die Physician Assistants am Kantonsspital Winterthur arbeiten immer im Tandem, mit einem Arzt oder einer Ärztin zusammen.

Die Physician Assistants am Kantonsspital Winterthur arbeiten immer im Tandem, mit einem Arzt oder einer Ärztin zusammen. Bild: pd/ksw

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Sie haben eine pflegerische Ausbildung, sind nun aber dem Ärzteteam zugeordnet. Statt Patienten am Bett zu pflegen und Medikamente zu verteilen, leiten sie Visiten und schreiben Austrittsberichte. Sie schätzen den Heilungsverlauf von Wunden ein und dürfen sogar einige Medikamente verordnen – eine Aufgabe, die bis anhin klar zum ärztlichen Kompetenzbereich gehörte.

Weder Fisch noch Vogel

Seit etwas mehr als einem Jahr arbeiten am Kantonsspital Winterthur (KSW) sogenannte Physician Assistants (PA) – auf Deutsch Ärzteassistenten. Es handelt sich um erfahrene Pflegefachleute, in der Regel mit einem Bachelor- oder Masterabschluss, die nun einen besonderen Status einnehmen. «Wir sind weder Fisch noch Vogel», sagt ­Karin Steel, die zum derzeit etwa zwölfköpfigen Team der PA des KSW gehört. Man verstehe sich als Bindeglied zwischen den beiden Berufsgruppen.

Was im angelsächsischen und skandinavischen Raum schon seit längerem praktiziert wird, steckt in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Doch nun wagt das KSW einen Versuch. Entstanden ist die Idee am Departement Chirurgie. Chefarzt Stefan Brei­tensteins Bestreben war es, seine Assistenzärzte von administrativen Arbeiten zu entlasten, damit sie mehr Zeit im Operationssaal verbringen können und ihre Ausbildung besser wird. So begann Stefan Breitenstein, Pflegenden mehr Aufgaben zu übertragen.

Aus einem Bedürfnis gewachsen

Die PA arbeiten stets im Tandem mit einem Arzt oder einer Ärztin, die nach wie vor die Verantwortung tragen. Welche Arbeiten PA ausführen dürfen, ist in dieser ­Pilotphase noch nicht klar definiert. «Am Anfang gab es viele Unsicherheiten», sagt Daniela Holderegger, die als erste PA im KSW in der Klinik für Viszeral- und Thoraxchirurgie eingesetzt wurde.

«Die Ärzte wussten nicht so recht, was mit mir anfangen, und mir war nicht klar, was ich übernehmen darf.»Daniela Holderegger, Physician Assistant, Kantonsspital Winterthur

«Die Ärzte wussten nicht so recht, was mit mir anfangen, und mir war nicht immer klar, was ich übernehmen darf.» Ausserdem sei ihr bewusst gewesen, dass unter Ärzten eine an­dere Kultur herrscht. «Ich habe die Wohlfühlzone verlassen.» Und ihr Kollege Florian Baur ergänzt: «Wir können unsere Rolle mitgestalten und sind täglich am Lernen. So weiten wir unseren Zuständigkeitsbereich stetig aus.» Das neue Berufsbild ist am KSW aus der Praxis heraus entstanden. «Es wurde nicht am Schreibtisch entworfen, sondern entspricht einem Bedürfnis», betonte Spitaldirektor Rolf Zehnder anlässlich einer Informationsveranstaltung vom vergangenen Freitag.

Die Medizin sei bisher eine der wenigen Branchen, in denen die berufliche Durchlässigkeit noch kaum gegeben ist. Es sei an der Zeit, dass sich Pflegepersonen nicht mehr von vornherein durch ihre Rolle begrenzen lassen, sondern höchstens durch ihre Fähigkeiten. «Sie müssen sich ihrer Limiten bewusst sein, können diese aber erweitern.»

Die besseren Entwicklungsmöglichkeiten würden die Attraktivität von Pflegeberufen steigern, glaubt Zehnder. Natürlich werden auch Fehler passieren, ist er sich bewusst. Aber auch Ärzte würden Fehler machen. Bis anhin seien aber nur Bagatellen vorgefallen, welche die Patienten nicht zu spüren bekamen.

«Wir können unsere Rolle mitgestalten  und sind täglich am Lernen.»Florian Baur,  Physician Assistant,  Kantonsspital Winterthur 

In der ersten Phase hat das KSW zusätzliche Stellen für die PA geschaffen und somit finanziell investiert. Danach konnte die Anzahl Assistenzärzte allmählich leicht heruntergefahren werden. Sie sind weniger auf der Station anzutreffen, wo nun die PA präsent sind und eine grosse Kontinuität gewährleisten. Während PA zu Beginn nur erfahrenen Ärzten zugeteilt wurden, sind sie unterdessen in der Lage, neue Assistenzärzte, die frisch von der Universität kommen, einzuführen.

Lohnmässig werden PA irgendwo zwischen Ärzten und Pflegepersonal eingestuft – wobei auch hier noch keine festen Kategorien bestehen. PA haben, wie Ärzte, relativ fixe Arbeits­zeiten und arbeiten nicht im Schichtbetrieb. Ihr Pensum beträgt aber keine 50 Stunden pro Woche, wie es Ärzte leisten müssen. Am Anfang habe sie oft bis in den Abend hinein gearbeitet, sagt Karin Steel. «Wir können Unerledigtes nicht einfach dem Spätdienst abgeben, wie es das Pflegeteam macht», ist ihr bewusst ­geworden. Unterdessen habe sie das Zeitmanagement besser in den Griff gekriegt.

Wichtig ist eine zuverlässige Betreuung

Kann es also vorkommen, dass Patienten während eines Spitalaufenthalts gar keinen Arzt mehr zu Gesicht bekommen? Wenn ­alles problemlos und routinemässig abläuft, sei das durchaus möglich, sagt Karin Steel. Zwar kommt nach einer Operation stets noch ein Arzt zum Patienten; doch manchmal seien die frisch Operierten dann noch etwas beduselt von der Narkose und können sich nicht mehr daran erinnern.

Später schätzen die PA den Gesundheitszustand ein und bereiten die Entlassung vor. Die meisten Patienten störe es kaum, dass sie nun vorwiegend mit jemandem zu tun haben, der kein «Dr. med.» vor dem Namen trägt, sagt Steel. Viel wichtiger sei, dass sich überhaupt jemand zuverlässig um sie kümmert. Doch wenn es jemand wünscht, ruft sie selbstverständlich den Arzt. (Landbote)

Erstellt: 29.03.2016, 16:26 Uhr

Ärzte jubeln, Pflege-Berufsverband ist skeptisch

Das Kantonsspital Winterthur bekam an der Informationsveranstaltung viel Lob für seinen Mut, die verfestigten Strukturen aufzubrechen. «Im Feld zwischen Ärzten und Pflege werden immer noch fast religiöse Kriege geführt», verdeutlichte Gesundheitspolitiker Ignazio Cassis am anschliessenden Podiumsgespräch. Der Tessiner FDP-Nationalrat, der selber Arzt ist, sieht in dem Konzept einen Ansatz, um den Ärztemangel zu entschärfen. Dazu könnten auch die Apotheker beitragen, die kürzlich mehr Kompetenzen erhalten haben, glaubt Cassis. «Die Politiker haben stets Angst vor steigenden Kosten. Doch nun ist es an den Spitälern, ihre Freiheiten zu nutzen und zu experimentieren.»

FMH-Präsident Jürg Schlup wies darauf hin, dass es auch im Bereich Hausärzte bereits entsprechende Pilotprojekte gebe. So startet zum Beispiel das Ärztenetzwerk Wintimed demnächst einen Pilotversuch in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Das Problem sei, dass nichtärztliche Berufsgruppen mit erweiterten Kompetenzen noch nicht direkt über das Tarmed-System abrechnen können, führte Schlup aus.

Hier sieht auch Stefan Breitenstein vom KSW eine Hürde, die es zu nehmen gilt: «Das Projekt steht und fällt mit einer speziellen Ausbildung und der Aufnahme ins Tarifsystem.» Um eine Ausbildung auf die Beine zu stellen, ist man nun an die ZHAW gelangt. Ab diesem Herbst will das Departement Gesundheit eine Weiterbildung in Form eines CAS (Certificate of Advanced Studies) anbieten; es kann auch von Ergo- und Physiotherapeuten sowie Hebammen besucht werden. Vonseiten des Kantonsspitals kann man sich vorstellen, dass zu einem späteren Zeitpunkt eine grundlegende, eigenständige Ausbildung geschaffen wird, die sich nicht nur an Pflegepersonen wendet. Sie könnte zum Beispiel auch medizinischen Praxisassistentinnen neue Karrieremöglichkeiten öffnen.

Kritische Meinungen wurden am Informationsanlass offiziell nicht laut. Nur am anschliessenden Apéro waren vereinzelt skeptische Stimmen zu hören. Zum Beispiel, dass das Pflegepersonal mit diesem Ansatz einmal mehr zu Handlangern der Ärzteschaft werde. An diesem Punkt stört sich auch Hansruedi Stoll vom Schweizerischen Berufsverband der Pflegefachfrauen und -männer. Im Vordergrund stehe nicht die Patientenversorgung, sondern die Entlastung der Ärzte, stellt der Pflege­experte fest.

«So wird das Pflegefachpersonal einmal mehr instrumentalisiert.» Er bemängelt, dass das Projekt nicht wissenschaftlich begleitet wird, um die Folgen für die Patientenversorgung zu erfassen. Dass die Physician Assistants fachlich ­genügend qualifiziert sind, um den Gesundheitszustand der Patienten einzuschätzen, bezweifelt Stoll. Denn in der Regel verfügen diese über keinen Masterabschluss wie die sogenannten Advanced Practice Nurses (APN), die im Ausland mit erweiterten Kompetenzen ausgestattet werden. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass auch bei erfahrenen Pflegepersonen ein Mangel besteht und die neue Berufsausrichtung diesen noch verschärfen könnte.

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