Beutlers Rücktritt

«Wer nicht weiss, dass jemand gehen will, macht auch kein Jobangebot»

Politexperte Michael Hermann zweifelt an Beutlers Version des unverhofften Angebots zum richtigen Zeitpunkt. Und sagt uns, welche Chancen er der GLP einräumt, den SP-Sitz zu erobern

Yvonne Beutler erklärt ihren überraschenden Rücktritt an der Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch.

Yvonne Beutler erklärt ihren überraschenden Rücktritt an der Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch. Bild: Marc Dahinden

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Wie üblich ist es, dass ein privates Unternehmen eine amtierende Exekutivpolitikerin abwirbt?
Sehr unüblich. Mir jedenfalls ist kein vergleichbarer Fall bekannt.

Was, glauben Sie, waren im Fall von Yvonne Beutler die entscheidenden Treiber?
Zum einen scheinen die Fähigkeiten und Qualitäten von Politikern in der Privatwirtschaft wieder gefragter zu sein: Sie müssen kommunizieren, verhandeln und einstecken können und sich in komplexe Dossiers einarbeiten. Das muffige Image des trägen Sesselklebers scheint abgelegt. Aber natürlich braucht es, wenn man abgeworben wird, auch entsprechende Signale...

...seitens der Kandidatin.
Definitiv. Es braucht Push- und Pull-Faktoren. Wenn man beim Beratungsunternehmen Res Publica, wo Beutler anfängt, nicht gewusst hätte, dass es sie aus ihrem Amt wegzieht, hätte man ihr auch kein Angebot gemacht.

«Das ist kein wirklicher Karriereschritt. Es muss für Beutler im Stadtrat persönlich nicht mehr gestimmt haben.»

Beutler sagt, der «richtige Zeitpunkt» sei gekommen. Mit ihrer Niederlage bei der Wahl ins Stadtpräsidium gegen Michael Künzle habe der Rücktritt nichts zu tun.
Das scheint mir nicht sehr glaubwürdig. Warum tritt sie dann schon ein Jahr nach ihrer Wiederwahl in den Stadtrat zurück? Für ein Jobangebot bei einem Beratungsunternehmen, das auch in drei Jahren noch gültig gewesen wäre? Das ist kein wirklicher Karriereschritt. Es muss für Beutler im Stadtrat persönlich nicht mehr gestimmt haben.

Was, wenn die Disharmonie im Stadtrat zu gross geworden ist, um konstruktiv arbeiten zu können?
Ich glaube nicht, dass dies der Fall war. Man ist als gewähltes Gremium zwar eine Zwangsgemeinschaft, kann sich aber gut aus dem Weg gehen. Jeder hat sein Dossier, und man arrangiert sich miteinander. Und zu viel Harmonie ist nicht nur gut. Eine zu verschworene Truppe droht sich gegen aussen hin abzuschotten und so den Draht zu den Wählern zu verlieren.

Welches Signal sendet Beutler an diejenigen, die sie für weitere vier Jahre gewählt haben?
Ein Rücktritt ein Jahr nach der Wahl ist sicher nicht optimal, aber auch nicht illegitim, selbst als Stadträtin nicht. Die Zeiten sind vorbei, in denen vorausgesetzt wurde, dass man ein politisches Amt so lange wie möglich ausübt, quasi als Lebensaufgabe. Die Grenzen zwischen Wirtschaft und Politik sind fliessender geworden und Biografien nicht mehr so festgefahren, und das ist gut so.

Die SVP und die Grünliberalen machen der SP den Sitz streitig. Wie gut sind ihre Chancen?
Ich denke, die Chancen der GLP sind intakt, auch wenn sie in Winterthur bei Stadtratswahlen mehrfach gescheitert ist. In anderen Städten hat es aber kürzlich geklappt. In St. Gallen wurde Sonja Lüthi gewählt, in Zürich Andreas Hauri. Beide stehen für die zweite Generation der GLP.

Welche zweite Generation?
Ja, Figuren, die nicht als rechthaberische Technokraten gelten, sondern als Brückenbauer. Diese bekommen neu auch Stimmen von links und rechts, das wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen.

Wie sehr könnten die Sitzgewinne der Grünliberalen bei den Kantonsratswahlen helfen?
Insofern, als dass man die GLP inzwischen ernster nimmt und ihr mehr Legitimität zuspricht. Mit über elf Prozent ist sie in Winterthur zudem keine Kleinpartei. Die CVP stellt mit vier Sitzen weniger den Stadtpräsidenten. Ausserdem ist Winterthur nicht ganz so links wie andere Städte. Wie stark die Mitte hier ist, hat sich ja gezeigt, als Beutler die Stichwahl gegen Künzle verlor.

Zudem scheint die SP ein Kandidatenproblem zu haben...
Das kann ich nicht beurteilen. Falls ja, wäre es ein gravierender Nachteil, gesetzt den Fall, die GLP stellt eine starke Kandidatin auf. Bei Personenwahlen sind die Köpfe fast entscheidender als das Parteibüchlein. Erst Recht bei Ersatzwahlen, wenn nicht der gesamte Stadtrat als Gremium wiedergewählt wird.

Erstellt: 04.04.2019, 20:41 Uhr

Michael Hermann ist Politexperte und Leiter der Forschungsstelle Sotomo. Foto: PD

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