House of Winterthur

Wie das «House of Winterthur» eine junge Mutter rauswarf

Als eine Mitarbeiterin der Standortförderung nach dem Mutterschaftsurlaub zurückkehren wollte, wurde ihr gekündigt, weil sie nur zu 60 Prozent arbeiten wollte. Dies obwohl eine Abmachung vorlag, die genau dies festhielt.

Im House of Winterthur häuften sich die Abgänge, freiwillig und unfreiwillig.

Im House of Winterthur häuften sich die Abgänge, freiwillig und unfreiwillig. Bild: Marc Dahinden

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Als Sabine S. (Name geändert) schwanger wurde, war für sie immer klar: «Ich wollte auch als Mutter weiter arbeiten gehen. Zuhause sitzen wäre nichts für mich.» Im dritten Schwangerschaftsmonat informierte sie ihren Arbeitgeber, das House of Winterthur. Sie wünschte sich, nach der Babypause in einem 60-Prozent-Pensum zurückzukehren, statt wie bisher 80 Prozent zu arbeiten.

Der Chef des House of Winterthur, Michael Domeisen, gab sich verständnisvoll, wollte aber nichts versprechen. Ein halbes Jahr verstrich. Dann, kurz vor dem Geburtstermin im Juni 2018, unterschrieben Sabine S. und ihr Chef einen Stellenbeschrieb für die Tätigkeit nach der Mutterschaftspause. Im Dokument, das dem «Landboten» vorliegt, sind die künftigen Tätigkeiten von Sabine S. festgelegt sowie das Arbeitspensum: 60 Prozent. Bis sie im März 2019 an den Arbeitsplatz zurückkehren werde, werde ihre bisherige Praktikantin sie vertreten.

Das Ultimatum: 80 Prozent oder die Kündigung

Sabine S. war zufrieden. Doch vier Monate später wurde sie ins House of Winterthur zitiert. «Man sagte mir, es habe sich gezeigt, dass die Aufgabe ein Pensum von mindestens 80 Prozent verlange», sagte sie. «Das konnte ich mir mit einem Kleinkind aber nicht vorstellen.» Sie verwies auf die im Juni unterzeichnete Vereinbarung. Zwecklos. Im Februar diesen Jahres wurde Sabine S. gekündigt.

«Das ist sehr unschön gelaufen, insbesondere für einen Betrieb, der auch aus Steuergeldern finanziert wird.»Sabine S. 
Ehemalige Mitarbeiterin von House of Winterthur
(Name geändert)

«Wenn ich daran zurückdenke, habe ich immer noch eine Wut im Bauch», sagt Sabine S. «Das ist sehr unschön gelaufen. Insbesondere für einen Betrieb, der auch aus öffentlichen Geldern finanziert wird. Ich hätte erwartet, dass ein Jobsharing oder dergleichen vom Arbeitgeber wenigstens in Betracht gezogen wird.» Nach der Kündigung wandte sie sich an den Vorstand des House of Winterthur, Dieter Gosteli. «Dieser war von Geschäftsleiter Michael Domeisen offensichtlich zu keiner Zeit informiert worden, dass dieser Abgang kein freiwilliger war.»

Michael Künzle (CVP), Stadtpräsident und Vorstand des House of Winterthur, bestreitet, dass die Kündigung im Zusammenhang mit der Schwangerschaft geschah. «Es zeigte sich im Laufe der mutterschaftsbedingten Abwesenheit, dass die Stelle aus betrieblichen Gründen nicht mit einem Pensum von 60 Prozent machbar ist.» Und die Vereinbarung? «Die Vereinbarung einer Rückkehr zu 60 Prozent wurde eingehalten. Allerdings nur für die Dauer von drei Monaten.» Die Zeit nämlich, während der die bereits gekündigte Mutter nochmals antreten musste.

Diese beschloss, die Kündigung nicht anzufechten, weil die Beratung durch eine externe Stelle ihr gezeigt habe, wie viel Energie und Aufrollen negativer Erlebnisse dies bedeuten würde. Stattdessen suchte und fand sie eine neue Stelle. Sie sagt: «Ich habe jungen Personen aus meinem Bekanntenkreis abgeraten, sich beim House of Winterthur zu bewerben. Zumindest dann, wenn sie sich vorstellen könnten, eine Familie zu gründen.»

Auch ihre Nachfolgerin hat gekündigt

Das House of Winterthur war in den letzten Tagen in die Schlagzeilen gekommen, unter anderem wegen der hohen Personalfluktuation. Auch die Nachfolgerin von Sabine S. hat bereits gekündigt, genauso wie ihre deren direkte Vorgesetzte, sowie zwei Kommunikationsleute.

In einem Brief an die Mitglieder und Partner sprechen auch Stadtpräsident Michael Künzle und Geschäftsführer Michael Domeisen von einer «aussergewöhnlich hohen Fluktuation», mit der man konfrontiert sei. Dass «die junge Organisation die optimale Struktur noch nicht gefunden» habe, und interne Prozesse zu verbessern seien, sei dem Vorstand bewusst. Doch «Der Erfolg der Organisation und das Wohlergehen der Mitarbeitenden stehen an erster Stelle.»

Erstellt: 22.10.2019, 17:03 Uhr

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