Winterthur

Wie der Brüttener Tunnel einen ganzen Stadtteil umkrempelt

Damit der Brüttener Tunnel gebaut werden kann, sind auf Winterthurer Seite einschneidende Änderungen nötig. Ein Blick auf die Pläne zeigt erstmals: Es kommt eine Riesenbrücke. Und sie zerstört ein Luftschloss.

Ab durch den Berg: Blick von der Storchenbrücke Richtung Brütten. Rechts im Bild wird die Rampe der Überwerfung Neumühle 12 Meter hoch ansteigen. Der Turm links ist die Tössmühle (Försterhaus). Foto: Nathalie Guinand

Ab durch den Berg: Blick von der Storchenbrücke Richtung Brütten. Rechts im Bild wird die Rampe der Überwerfung Neumühle 12 Meter hoch ansteigen. Der Turm links ist die Tössmühle (Försterhaus). Foto: Nathalie Guinand

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Achthundert Meter lang und rund zwölf Meter hoch soll die Überwerfung in Töss werden. Ihren höchsten Punkt wird die Gleisbrücke auf Höhe der Unterführung Auwiesenstrasse haben.

Die stadtseitige Rampe des Betonbaus wird nahe an den Wohnhäusern der Eichliackerstrasse verlaufen. Wer erahnen will, wie mächtig ein solches Bauwerk daherkommt, kann sich die Überwerfung Hürlistein bei Effretikon anschauen.

Die Tössemer Überwerfung ist ein Puzzlestück in der Planung des Grossprojekts Brüttener Tunnel. Das insgesamt 2,4 Milliarden teure Unterfangen hat letzte Woche eine weitere Hürde genommen: Der Bundesrat empfiehlt den «Bahnausbauschritt 2035», in dem der Brüttener Tunnel vorgesehen ist, zur Annahme. Im kommenden Jahr entscheiden National- und Ständerat.

Die SBB schwiegen

An den Standorten der anderen zwei Tunnelportale in Brüttisellen/Dietlikon und Bassersdorf ist seit längerem eine politische Diskussion im Gange. Gemeinsam kämpfen verschiedene Glattaler Gemeinden gegen die grosse Bahnbrücke auf Dietliker Gebiet (Lampitzäcker), sie fordern eine unterirdische Lösung.

In Winterthur wusste die Bevölkerung dagegen bisher fast überhaupt nichts über die Baupläne. Die Stadt informierte nie und die SBB verkündeten auf Anfrage im Juli, man werde erst informieren, wenn die Finanzierung des Tunnels beschlossene Sache sei. Inzwischen gibt man sich auskunftsfreudiger. Erstmals gewährten die SBB-Projektleiter dem «Landboten» Einblick in die Planungen.

Licht am Ende des Tunnels

Wir fahren in Gedanken den fertigen Tunnel ab, etwas, was nach Schätzung der SBB frühestens 2033 möglich sein wird. Von Zürich her kommend taucht unser Zug nach über acht Kilometern im Brüttener Berg auf Winterthurer Boden wieder ins Tageslicht auf. Und zwar nicht aus einem Loch am Hang, sondern in der Ebene, nahe den bestehenden Gleisen (siehe Karte).

Zufahrt zum Tunnel: die wichtigsten Änderungen

Die Autobahn A 1 haben wir Sekunden zuvor unterquert. Wir steigen weiter. Unsere «Reisehöhe» erreichen wir etwa dort, wo das Flüsschen Kempt in die Töss mündet. Rechts von uns liegen die alten Schienen. Diese zwei Spuren waren jahrzehntelang die einzige Gleisverbindung zwischen Zürich und Winterthur, einer der ärgsten Engpässe im SBB-Netz.

Eine Brücke für die Bummler

Wir queren die Töss auf der neu gebauten, fünfspurigen Brücke. Aus dem rechten Fenster sehen wir die neue Überwerfung. Wir fahren unten durch. Sie wurde nicht für uns gebaut, sondern für Regionalzüge stadtauswärts.

Langsame S-Bahnen wie die S 7 und S 8 können so kreuzungsfrei auf ihr Gleis Richtung Effretikon gelangen. «Würden wir das mit Weichen lösen, wären Gleise, die von Zügen gequert werden, minutenlang blockiert. Anders wäre ein sicherer Betrieb nicht möglich», erklärt Jürg Sollberger, der SBB-Projektleiter für den Bauabschnitt Winterthur.

Das Versprechen der SBB: Um seinen Vorgarten muss niemand fürchten. Fast alles könne auf eigenem Land gebaut werden.

Oder anders gesagt: Dank der Überwerfung können wir im Schnellzug mit Tempo 120 in die Stadt einfahren, während die entgegenkommenden Bummler uns höflich Platz machen und die Rampe benutzen.

Noch bevor wir ins Gleisfeld des Hauptbahnhofs einfahren, teilt sich unser Weg: Fernzüge zu «mittigen» Gleisen (Richtung St. Gallen) tauchen ab in eine kurze Unterquerung, jene zu «äusseren» Gleisen (Romanshorn) fahren geradeaus. Dank diesem Kniff werden gegenseitige Behinderungen zwischen ein- und ausfahrenden Zügen vermieden. Fahrten können enger getaktet werden. Unterquerungen kennt man vom Gleisfeld im Zürcher Hauptbahnhof. In Winterthur, wo alles topfeben war, sind sie ein Novum.

Alles neu am Bahnhof Töss

Der Clou: Mit dieser Unterquerung wird gleichzeitig der Bahnhof Töss aufgewertet. Er erhält ein zweites Gleis zum Hauptbahnhof und eine direkte Verbindung in die Mitte des Gleisfelds. Die Bülach-Linie kann künftig also deutlich aufgewertet werden. Zum Beispiel, indem S-Bahn-Linien verknüpft werden, die bisher in Winterthur endeten. Die Verbindung Bülach–Weinland ist ausserdem für den Güterverkehr interessant, sagen die SBB. Und wenn man den Bahnhof Töss schon anfasst, wird er, samt Unterführung, behindertengerecht ausgebaut.

Schöne neue Bahnwelt! Doch was muss in Winterthur passieren, bis es so weit ist? Zunächst einmal sind mehrere Jahre Bauzeit nötig. Töss, das südliche Tor zur Stadt, wird jahrelang zur Grossbaustelle. Das ist aber halb so wild, liegt die Tunnelbaustelle ja in unbewohnten Gebiet, zwischen Autobahn, Feldern und dem Naherholungsgebiet.

Prägnanter wird der Eingriff für einige (bereits bahnlärmgewohnte) Anwohner im Eichli­acker und Auwiesen, die eine wuchtige Betonbrücke als Nachbarin erhalten. Ob und welche Lärmschutzmassnahmen nötig sind, klären die SBB derzeit noch ab. Um seinen Vorgarten fürchten muss allerdings niemand: Laut den Bahnplanern können in Winterthur fast alle Baumassnahmen auf SBB-Land passieren. Auch Pünten sind nicht betroffen. Weichen muss nur der alte Försterhaus-Schopf. Hier entsteht der neue Standort für den Lösch- und Rettungszug, der näher zum Tunnel muss. Dafür wird an seinem heutigen Standort im Spickel vor dem Kantonsspital Raum zum Entwickeln frei.

Försterhaus ist vom Tisch

Das grösste Opfer der Bahnbauten ist ein Phantom: der S-Bahnhof Försterhaus. Seit Jahrzehnten träumen einige Tössemer von einer eigenen Haltestelle an der Zürich-Linie (der Bahnhof Töss liegt bekanntlich an der viel weniger befahrenen Bülach-Linie). Sogar in den kantonalen Richtplan hatte es dieser Traum geschafft. Jetzt ist er ausgeträumt. Denn genau dort, wo er geplant war, steht nun die Überwerfung. «Ja, damit dürfte der Halt vom Tisch sein», sagt Sollberger. Und fügt an: «Entschieden haben das aber nicht die SBB. Wir liefern nur, was die Politik bestellt.» Und diese kam in einer Güterabwägung zum Schluss: Der Brüttener Tunnel geht vor.

Gab es gar keine Alternativen zur Überwerfung im Quartier? Eine Unterquerung wäre an dieser Stelle kaum machbar gewesen, sagt Sollberger. Denn genau an der tiefsten Stelle ist bereits die Autounterführung Auwiesenstrasse. Und die Überwerfung stadtauswärts zu verlegen, wäre ebenfalls nicht ohne Tücken, denn dort läge sie in einer Kurve.

Bewilligt das Parlament in Bern im kommenden Jahr den grossen Bahnkredit, kommt der Brüttener Tunnel also wie beschrieben. Seit etwa einem Jahr arbeiten die Ingenieure am Vorprojekt. Die Tössemer werden sich damit anfreunden müssen.

Bleibt die Frage: Warum erfahren sie erst jetzt, was auf sie zukommt, während die Glattaler schon anderthalb Jahre diskutieren? Oli Dischoe von der SBB-Medienstelle: «Die Tragweite der Veränderungen ist im Glattal ganz eine andere. In Winterthur sind kaum Grundeigentümer betroffen.» Im Glattal würden ganze Bahnhöfe umgebaut und Wohnquartiere seien tangiert. Und weil auch grosse Autobahnumbauten anstanden, hatte der Regierungsrat im Glattal frühzeitig Gemeinden, Bundesämter und SBB für eine Gebietsplanung ins Boot geholt. Nachdem es in Winterthur lange ruhig war, wollen die SBB zusammen mit der Stadt Winterthur nach und nach auch über die Projekte am nördlichen Ende des Tunnels informieren.

Töss wird quasi neu gebaut

Es rollt Grosses auf Töss zu. Das Gesicht des Stadtteils wird sich in den nächsten zwei Jahrzehnten grundlegend verändern. Nicht nur wegen der Bahn. Im heutigen Rieter-Areal entsteht ein ganz neuer Stadtteil. Und mittelfristig steht auch der Ausbau der Autobahn A 1 an. Es wird gemunkelt, die Stadt verhandle mit dem Bundesamt für Strassen über eine teilweise Einhausung. Damit würden die abgeschnittenen Quartiere Dättnau und Steig plötzlich wieder nahe an die Stadt heranrücken.

Unser Zug trifft am Hauptbahnhof ein. Wir bleiben sitzen. Um zu schauen, ob mit dem Brüttener Tunnel auch die politische Forderung der Ostschweiz erfüllt wird: Zürich–St. Gallen in unter einer Stunde.

(Der Landbote)

Erstellt: 08.11.2018, 13:09 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Paid Post

Soforthilfe für Smartphones

Ob Displaybruch, defekte Kamera oder Wasserschaden – Wintek Swiss hat meist eine Lösung.