Winterthur

Wie die Jugendtreffs auf die Radikalisierung reagierten

Was geht in Jugendlichen vor, wenn ein Freund in den Jihad zieht? Was, wenn sie auf ihre Religion reduziert werden? Davon handelt die Jahrespublikation der Offenen Jugendarbeit in Winterthur.

Die Jugendarbeit Winterthur leistet auch bei Radikalisierungstendenzen wertvolle Präventionsarbeit.

Die Jugendarbeit Winterthur leistet auch bei Radikalisierungstendenzen wertvolle Präventionsarbeit.

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Natürlich kann der gestern publizierte Bericht nicht alles erzählen, was in den Jugendtreffs und bei der Mobilen Jugendarbeit Jahr für Jahr abgeht. Aber die vielen Stimmen aus den verschiedenen Standbeinen der OJA geben doch ein Bild, was sich so tut.

Mireille Stauffer, die städtische Kinder- und Jugendbeauftragte, schreibt im Rückblick über das, was damals Ende 2014 und Anfang 2015 los war, als sich gleich mehrere Jugendliche aus Winterthur in den Jihad absetzten. «Der Schock und die Empörung bei Winterthurer Jugendlichen war gross, denn die jungen IS-Anhänger und -Anhängerinnen waren vielen bekannt.»

Deren zunehmende Religiosität war vielen nicht verborgen geblieben, doch niemand habe eine Reise nach Syrien erwartet. Einige Jugendliche machten sich deswegen Vorwürfe, andere waren verunsichert.

Es gab Gesprächsbedarf, umso mehr, als auch die Vorkommnisse in der An’Nur-Moschee in Hegi ans Licht kamen und in Paris und Belgien Anschläge verübt wurden. Die Teams in den Treffs boten «eine Plattform für Gespräche in verschiedenen Settings», so Stauffer. Das töne trivial, doch sei genau dies das Richtige gewesen, weil in der Schule und in vielen Familien kein Platz oder keine Zeit sei für solche Gespräche.

Ängste und Verschwörung

Es gab Jugendliche, die wirklich Angst gehabt hätten, es grassierten Verschwörungstheorien und Weltuntergangsszenarien. In Gesprächen (einzeln und in Gruppen) hätten die Mitarbeitenden Ängste abgebaut und den Jugendlichen die Mechanismen des Internets gezeigt, wo sich die Theorien verbreiteten. Das mache Jugendliche resistenter gegenüber Manipulation, so Stauffer.

«Muslimische Jugendliche schreiben auch 2018 noch viel mehr Bewerbungen als Jugendliche anderer Religionen.»Mireille Stauffer,
Kinder- und Jugendbeauftragte der Stadt

Nicht immer liefen die Gespräche in Minne ab: «In den zum Teil hitzigen Diskussionen war unter den Jugendlichen eine ungute Polarisierung zu spüren.» Muslimische Jugendliche mussten sich plötzlich permanent verteidigen.

In solchen Situationen hätten die Teams moderiert und das Gespräch «in konstruktive Bahnen gelenkt». Manche hätten gelernt, zu argumentieren und sich verbal zu wehren. Werte des Zusammenlebens wurden thematisiert, aber auch Fanatismus, Meinungsfreiheit und deren Grenzen.

Schon im März 2015 besuchten alle Mitarbeitenden der Offenen Jugendarbeit einen Schulungskurs der ZHAW bezüglich Früherkennung und Radikalisierung.

Benachteiligt beim Bewerben

Schwierig war offenbar in jenen Monaten die Situation unzähliger muslimischer Jugendlicher. «Sie waren und sind seither viel öfter mit Misstrauen und Ausgrenzung konfrontiert», stellt Stauffer fest.

In Bewerbungsgesprächen wird Radikalisierung angesprochen, und Jugendliche dieses Glaubens müssten bei gleichen Noten «deutlich mehr Bewerbungen schreiben» und auch Dutzende, ja Hunderte Absagen verdauen. Das sei «in diesem Alter vernichtend für die Motivation und das Selbstbewusstsein».

Ende 2015 habe sich die Situation für die Teams wieder schlagartig geändert. Damals galt es, die Jugendlichen aus den Asylunterkünften Deutweg und Rosenberg abzuholen, was für die unter 15-Jährigen gelang.

Schleppender gingen Integration und Spracherwerb für die Älteren voran, die nicht die Volksschule besuchten. Nach dem Sommer 2016 sei es aber gelungen, auch diese vermehrt anzusprechen. Der ganze Bericht liegt zum Download bereit unter oja-winterthur.ch. (mgm)

Erstellt: 06.09.2018, 11:08 Uhr

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