Architektur

«Wie die Spitzen am Unterrocksaum meiner Grossmutter»

Das Ornament steht in der Architektur wieder hoch im Kurs. Seine Applikation ist aber nicht ohne Risiko. Zwei neue Wohnüberbauungen in Seen demonstrieren die Gefahren.

Der dreigeschossige Neubau am Hofwiesenweg in Seen mit grauen Kacheln.

Der dreigeschossige Neubau am Hofwiesenweg in Seen mit grauen Kacheln. Bild: Johanna Bossart

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Das Ornament in der Architektur, vom 1933 verstorbenen Avantgardisten Adolf Loos als Verbrechen gebrandmarkt, ist nicht nur rehabilitiert, sondern wird gar zelebriert. Das zeigt sich prominent an der hell gesprenkelten grauen Backsteinfassade der grossen Wohnüberbauung Werk 3 an der Zürcherstrasse. Selbst in den Aussenquartieren manifestieren sich neuerdings die ornamentalen Tendenzen, etwa in Seen: Verspielt in den drei dreigeschossigen Zeilen am Hofwiesenweg, beinahe als Karikatur ihrer selbst in der holzverkleideten Überbauung Grünmatt an der gleichnamigen Strasse. Doch die dekorativen Anstrengungen bergen Risiken. So ist die löbliche Absicht, das Quartier auch optisch aufzuwerten, nicht gegen Spott gefeit. Das kratzt die Architekten kaum, schon eher, wenn wichtigere Qualitäten nicht beachtet werden. Freilich verhält es sich mit dem auffälligen Ornament wie bei einem raffinierten Dekolleté, das den (männlichen) Blick einseitig bannt: Andere Qualitäten fallen der (triebgesteuerten) Wahrnehmung eben zum Opfer.

Bordüren und Vogelkäfig

Doch nun zur Wohnüberbauung am Hofwiesenweg. Früher standen an ihrer Stelle eine Scheune und ein Einfamilienhaus. Die ländliche Insel wurde mit 24 Wohnungen stark verdichtet. Architekt Felix Rutishauser vom Atelier Strut charakterisiert die Architektur als «unaufgeregt» und «leise». Sie suche keine besonderen Aufmerksamkeiten. Wirklich? An drei Seiten sind die Fassaden mit rhombenförmigen Eternitschindeln aus Schiefer eingekleidet. Dabei wurde die stehenden Fenster genau auf das Muster ausgerichtet, so dass die gezackten Schindeln am oberen Fensterabschluss wie eine neckische Bordüre aussehen.

«Wie die Spitzen am Unterrocksaum meiner Grossmutter», meinte ein Spötter. Und an den zur Strasse hin orientierten Stirnfassaden fallen auf der Attikahöhe die vergitterten Erker auf. Eine Velofahrerin kommentierte die Minibalkone spontan: «Der Käfig ist leer, der Papagei ist schon ausgeflogen». Naiv ist, wer also glaubt, solche visuellen Extravaganzen blieben unbeachtet. Und wer beteuert, die Architektur suche keine besondere Aufmerksamkeit und dann einen so kräftig modellierten Balkonturm aus Beton als eine Art Brücke an die Westfassade andockt, scheint entweder ein Sprach- oder ein Wahrnehmungsproblem zu haben.

Die Überbauung Grünmatt in Seen. Bild: Johanna Bossart

Schenken die diskreten Grautöne der verschiedenen Materialien dem Ensemble farblich unbestritten einen zurückhaltenden ganzheitlichen Auftritt, so erlebt man die unterschiedlichen Formen und Ausdrücke dagegen als eine Collage: das Zackenornament über den Fenstern bleibt letztlich ein isoliertes Zierphänomen, insbesondere neben der robusten Balkonkonstruktion oder den quartierfremden, Privatheit signalisierenden Gartenhofmauern im Erdgeschoss.

Kies statt Grün

Im Vorgartenbereich zwischen Baulinie und Strasse wird auf Kapriolen verzichtet. Da hat der Landschaftsarchitekt Toni Raimann zusammen mit dem Atelier Strut eine innovative Alternative zum Elend von Verlegenheitsgrün und Einzelgarageneinfahrten der 1960er Jahre entwickelt. Ein hell bekiester Streifen versteht sich als halböffentlicher Platz, der die Höhenunterschiede im Terrain sanft ausgleicht. Er ist mit Sitzbänken und einem Pingpongtisch sparsam möbliert. Vorerst spenden die kleinen Heimbuchen noch wenig Schatten. Nicht nur räumlich und gestalterisch, auch von der Nutzung her ist dieses Konzept ein offenes und vielversprechendes Experiment. Gegen den Widerstand von Stadtgrün musste dieses Parkfragment erkämpft werden.

Grünmatt: hölzig und behäbig

Noch fehlt der Überbauung Grünmatt das Parkgrün. Ab September 2017 soll ein Teil der 26 Mietwohnungen bezugsbereit sein. Von den drei Solitären tritt am markantesten der lange, mit dunkelbraun eingefärbten Brettern eingekleidete Riegel entlang der Strasse in Erscheinung. Die Materialwahl ist nicht nur als Erinnerung und Würdigung der alten Mühle, der Scheunen und Gewerbebauten, die weichen mussten, gedacht: «Wichtig war mir die Reduktion auf zwei Materialien: Holz und Beton, beim Sockel», erklärt der verantwortliche Architekt Knüt Lüscher. Ins Auge aber gehen die drei ornamentalen Friese, die jedes Stockwerk abschliessen und das lange Volumen gürten. Das auffällige Relief ergibt sich aus der Überlagerung von drei Holzbrettschichten. Im systematischen Spiel mit den Brettlängen entstand ein abstraktes Sägemuster. Das Schmuckelement ist indes nicht ironisch gemeint oder gar als Parodie auf den bäuerlichen Stil oder das Dekor der Reformarchitektur gedacht.

Hölzerne Behäbigkeit

Gemäss Lüscher gehört die Ornamentik neben dem archaisch wirkenden Holz zum Bemühen, trotz Kostendruck «eine edle, teuer aussehende Fassade» zu gewinnen. Schmuck als Architekturveredler? Der Architekturkritiker, geschult an der minimalistischen Vorarlberger Holzarchitektur, hat in diesem Fall seine Zweifel. Statt «edel» wirkt das Fassadenkleid rustikal, roh und robust. So stellt man sich eher ein Ferienheim im Schwarzwald oder Berner Oberland vor. Einzig der Geranienschmuck fehlt (noch). Nicht ganz überraschend kommt nach Aussagen des Architekten die hölzerne Behäbigkeit in der Nachbarschaft bereits gut an. Loos hätte wohl anders geurteilt. Aber vielleicht hätte der Minimalist aus Wien in den tiefen Wohnungen Gefallen an den raffinierten Leuchten des Architekten gefunden. (Landbote)

Erstellt: 07.08.2017, 16:43 Uhr

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