Winterthur

Wie grün isst Winterthur?

Smart City, Energiestadt Gold, 2000 Watt: Die Stadt verkauft sich beim Thema Nachhaltigkeit oft als Pionierin. Beim Essen ist sie es definitiv noch nicht. Dafür ist eine private Initiative erfolgreich gestartet.

Wenn man statt Wegwerfbesteck und -geschirr auch am Arbeitsplatz Wiederverwendbares verwendet, tut man auch unserer Umwelt etwas zuliebe.

Wenn man statt Wegwerfbesteck und -geschirr auch am Arbeitsplatz Wiederverwendbares verwendet, tut man auch unserer Umwelt etwas zuliebe. Bild: pd

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Am Mittag stapelt es sich an sonnigen Tagen sperrig in den Abfalleimern und die Saucenreste tropfen auf den Boden: das Wegwerfgeschirr aus Plastik, aus dem man gerade noch seinen Salat oder die Penne gestochert hat. Um diese täglichen Abfallberge zu verhindern, hat der Verein Recircle schweizweit das Konzept der Rebox lanciert. Gegen ein Depot von zehn Franken bieten Restaurants ihren Kunden Take-away-Menüs in zweifächrigen Tupperware-Boxen an (siehe Bild). Nach dem Essen kann man sie zum Abwaschen wieder zurückbringen oder gleich behalten. Die Reboxen lassen sich rund 100-mal benutzen, der CO2-Verbrauch ist dann im Vergleich zu PET-Geschirr rund 20-mal tiefer.

«Mehrweg» kein Fremdwort

Stadtwerk Winterthur hat das Projekt mit 50 000 Franken aus dem Klimafonds unterstützt, damit ein eigener Rebox-Promoter bis im Herbst die lokale Gastroszene für das Projekt gewinnen kann – offenbar recht erfolgreich.

Als erstes Bistro ist die Alte Kaserne aufgesprungen, drei Monate später haben sich bereits 14 weitere Restaurants und Mensen angeschlossen, darunter das Restaurant Akazie, der Tandoor Shop, das Tibits, die ZHAW-Mensa im Technikum und das Tofulino. «Die Winterthurer Gastroszene und ihre Kunden sind sehr aufgeschlossen», bilanziert die Recircle-Geschäftsleiterin Jeanette Morath. Was «Mehrweg» bedeute, müsse man hier keinem mehr erklären.

Bis zu 30 Restaurants möglich

Inzwischen sind laut Morath in den 174 Partner-Take-aways schweizweit gegen 70 000 Reboxen verteilt und davon etwa die Hälfte bereits im Umlauf. Die Gastronomen zahlen Recircle einen Partnerbeitrag, sparen sich aber die Kosten fürs Wegwerfgeschirr, unter dem Strich ein finanzielles Nullsummenspiel, aber gut fürs Klima.

Auf 30 Restaurants und Takeaways schätzt Recircle das Potenzial in Winterthur. In den nächsten Wochen kommt ein grosser Kunde dazu: das Restaurant Pionier, die Mensa fürs Personal der Axa und der Stadtverwaltung.

Greenpeace zeigt auf Städte

Welchen ökologischen Fussabdruck man beim Essen zurücklässt, misst sich nicht nurdaran, woraus man isst, sondern vor allem was man isst. Beim Treibhausgasausstoss, derdurch Nahrungsmittel erzeugt wird, gehen schätzungsweise 60 Prozent auf tierische Erzeugnisse zurück, wie Fleisch und Milchprodukte. Laut einer von der Umweltorganisation Greenpeace in Auftrag gegebenen Studie müsste die inländische Milchproduktion um ein Drittel, die Fleischproduktion gar um zwei Drittel gesenkt werden, will die Schweiz ihre Klimaziele erreichen.

Greenpeace sieht auch die Städte in der Pflicht und hat die Ernährungsrichtlinien der zehn grössten Schweizer Metropolen verglichen. Welche Standards gelten an Schulen und in der Verwaltung? Haben die Städte beim Konsum von Milch- und Fleischprodukten irgendwelche Ziele definiert?

Die Bilanz für Winterthur fällt mittelmässig aus. Die Stadt reiht sich auf Platz 6 ein, hinter Genf und vor St. Gallen. Gesamturteil «Nachholbedarf», in roten Lettern geschrieben. Doch insbesondere an den Schulen würden die Nachhaltigkeitskriterien laut Greenpeace zunehmend berücksichtigt. Diese orientieren sich am Label «Fourchette verte» (franz. grüne Gabel), das vor allem für ausgewogene Ernährung wirbt. An zwei Tagen pro Woche wird in den Winterthurer Schulen rein vegetarisch gegessen. Greenpeace lobt hier die fortschrittliche städtische Richtlinie, die hier gilt, dennoch sei der Effort insgesamt noch «bescheiden». Nachholbedarf gebe es bei der Verwaltung. Für das Stadtpersonal, das sich auch in der Axa-Kantine verpflegt, gelten keine Vorgaben und Ziele, und in der Kampagne «Wir leben 2000 Watt» werde das Thema Ernährung lediglich gestreift.

Vorreiterin aus Züri-West

Als Pionierin lobt Greenpeace die Stadt Bern. Dort wird in städtischen Schulen nur ein- bis zweimal Fleisch oder Fisch aufgetischt, meist regional und saisonal und wenn möglich bio. PR-mässig sind die Berner wie die Winterthurer aber ebenfalls eher träge unterwegs. Und generell gilt laut Greenpeace: Beim Thema Ernährung kocht jede Stadt nach wie vor ihr eigenes Süppchen.

Bezüglich der Essensrichtlinien an Schulen ist die Stadt Bern gemäss Greenpeace besonders vorbildlich. (Der Landbote)

Erstellt: 23.05.2018, 15:13 Uhr

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