Bier

Wie viel Winterthur steckt noch in Haldengut?

Wenn man von Winterthurer Bier spricht, denkt kaum jemand noch an Haldengut. Das stört Heineken. Der «Landbote» war zu Besuch an der Brauerstrasse und hat überprüft, wie viel das Bier noch mit der Stadt gemein hat.

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Die Zeiten, als Angestellte im eigenen Personalschwimmbad badeten und in Haldengut-Chalets am Wolfensberg wohnten, liegen eine Weile zurück. Vor 50 Jahren noch betrieben rund 300 Mitarbeiter auf dem Areal hinter dem Spital die Maischpfannen, Läuterbottiche und Gärtanks. Als 1994 der niederländische Bierriese Heineken den Konzern übernahm, ging es nicht lange, bis der Abbau in Winterthur begann. Seit 2002 wird in Chur bei Calanda gebraut.

Als Haldengut vor Kurzem im grossen Stil sein 175-Jahre-Jubiläum feierte, stellte sich die Frage: Wie viel Winterthur steckt noch in Haldengut? Und: Wie wichtig ist Winterthur für Heineken? Zwei Fragen, die uns Urs Frei, Kommunikationsleiter Heineken Switzerland, beantworten wollte.

«Wir haben 70 Mitarbeiter in Winterthur, mehr als jede andere Brauerei hier», sagt Frei. Verantwortlich seien diese für das Kundenservicecenter, die Draft-Beer-Organisation und das Eventmobiliar-Lager. Mobile Zapfhähne oder gekühlte Biertransporter werden hier gelagert und kommen am Albani- oder Zürifest zum Einsatz. Da wir uns selbst ein Bild machen möchten, fragen wir Frei nach einem Rundgang im Areal an der Brauerstrasse.

Lift «ausser Betrieb»

Urs Widmer, Hauswart und seit 33 Jahren bei Haldengut, führt uns als erstes ins Personalrestaurant. Auf den zwei Liften im Erdgeschoss klebt je ein Schild mit der Aufschrift «Ausser Betrieb». Vor einem Jahr hätte Heineken die Lifte stillgelegt, sagt Widmer. Der Konzern hätte neue Sicherheitsvorkehrungen treffen müssen, damit sie in Betrieb bleiben dürfen. Fotografieren dürfen wir die Schilder nicht. Dann also ohne Foto und mit dem Warenlift in den sechsten Stock.

Das Personalrestaurant ist schon länger stillgelegt. «Es war nicht kosteneffizient für die Anzahl Mitarbeiter», sagt Frei. «Und wir möchten die Gastrounternehmen in der Umgebung nicht konkurrenzieren.» Die 70 Mitarbeiter verpflegen sich meistens im Spital nebenan. Genutzt wird das Restaurant heute für interne Anlässe wie Schulungen oder Sitzungen. Auch der sogenannte «Frühlingsschoppen», ein traditioneller Netzwerkanlass für Winterthurers Elite, fand hier statt. In diesem Jahr wurde der Event mit dem Jubiläumsfest im September zusammengelegt, «um den Anlass einer breiteren Bevölkerung zu öffnen», sagt Frei. Wie es mit dem Event weitergehen soll, werde derzeit evaluiert.

Im Foyer des Restaurants hängen Fotografien der Haldengut-Brauerei, teils über 100 Jahre alt, zu Zeiten, als das Areal noch die heutige Überbauung auf der anderen Seite der Rychenbergstrasse umfasste. Über einem der Bilder ist eine klebrige Flüssigkeit eingetrocknet. Im Restaurant ist es dunkel, die Storen sind heruntergelassen. Es riecht etwas muffig. Nachdem Widmer die Storen hochgezogen und die Türe zur Terrasse geöffnet hat, offenbart sich ein weitläufiger Blick über die Stadt. Mehrmals sei Heineken für Mitarbeiter-Parties hier im Restaurant und auf der Terrasse angefragt worden. Kein Problem, wäre nicht das Sicherheitsrisiko: Die Brüstung ist zu tief, darum ist der grösste Teil der Terrasse mit Gittern abgesperrt. «Die Raucher dürfen aber noch raus», sagt Widmer.

Von milchigem Plastik bedeckt

Bis jetzt haben wir kaum jemanden auf dem Areal angetroffen, bis zum Ende des Rundgangs wird sich das nicht ändern. Frühmorgens oder am späterten Nachmittag, wenn die Mitarbeiter von der Disposition ausfahren resp. zurückkehren, sei mehr los. Eine Ausnahme ist das Kundenservicecenter. Im hellen Raum arbeitet die Hälfte der Mitarbeiter, sie nehmen Reklamationen und Bestellungen aus der ganzen Schweiz entgegen oder tätigen Werbeanrufe.

Auf dem Weg zu einer der Lagerhallen erzählt Widmer, sonst ruhig und zurückhaltend, offen von den alten Zeiten: Als in der Eisfabrik noch Stangeneis zur Kühlung des Biers gefertigt wurde. «Das Eis holten sie ganz früher noch im Klöntalersee.» Oder dass im heutigen Servicecenter früher die Küfer noch Holzfässer bauten.

Auf dem grossen Platz hinter dem Hauptgebäude stehen die Lastwagenanhänger fürs Züri- oder Albani-Fest. Seit ein Teil des Gebäudes, in dem früher das Flaschengeschäft war, abgebrochen wurde, ist die gesamte Fassade zum Platz hin nackt bis auf die Backsteine. Sie sind behelfsmässig mit milchigem Plastik bedeckt. Das sei schon eine Weile so, sagt Widmer. Genauer möchte er nicht werden.

In der ehemaligen Lastwageneinstellhalle, von der aus die frisch abgefüllten Biere in die Beizen transportiert wurden, lagern heute Planen, Paletten und Kühlschränke. Auf den meisten prangt das grüne Heineken-Logo. Zwei Drittel des ganzen Heineken-Eventmobiliars lagert der Konzern hier. Dafür sind rund 20 Mitarbeiter zuständig.

Insgesamt macht das Areal einen etwas verlassenen und mitgenommenen Eindruck. Kommt es bald zum Lichterlöschen in Winterthur? Nein, meint Widmer. «Alles hier wird noch genutzt, ist einfach anders gelagert.»

Getränke neu aus Zürich

Eine dieser Verlagerungen hatte auch Auswirkungen aufs Albanifest: «Im Zuge einer Logistik-Optimierung haben wir die Anzahl Produkte im Getränkelager in Winterthur verkleinert, deshalb kamen dieses Jahr vermehrt Lastwagen aus dem Verteilzentrum Fahrweid bei Zürich», bestätigt Frei. Das habe auch zu den Engpässen beim Festwein beigetragen. «Zudem haben wir den Alkoholkonsum bei gutem Wetter unterschätzt», sagt Verkaufsleiter Danilo Plüss.

Auch wenn vermehrt von Zürich aus beliefert werde, sei Winterthur weiterhin wichtig, betont Frei. «Haldengut ist eine von vier strategischen Marken von Heineken.» Plüss ergänzt: «Wir beliefern eine grosse Zahl der Restaurants in der Stadt.» Genauere Zahlen geben sie nicht an.

Heineken kann das Areal im Baurecht bis 2029 nutzen, der Kanton hat sich die Gebäude als Raumreserve fürs Kantonsspital gesichert. «Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass wir bis zu diesem Zeitpunkt bleiben. Elf Jahre sind ein zu langer Horizont, um eine präzise Aussage zu machen», sagt Frei. «Stand heute ist aber nicht geplant, etwas zu ändern.»

Zum Abschied schenkt uns Widmer eine Chronik der Geschichte Haldenguts. Sie reicht von 1843 bis 1993, das Jahr, bevor Haldengut von Heineken aufgekauft wurde.

Erstellt: 25.10.2018, 17:00 Uhr

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