Regierungsratswahl

«Winterthur sollte vom Kanton nicht noch mehr Geld fordern»

Natalie Rickli (SVP) will als Winterthurerin in die Zürcher Regierung. Doch nicht alle Forderungen der Stadt gegenüber dem Kanton findet sie berechtigt.

Natalie Rickli (SVP): «Ich will nun mehr Verantwortung übernehmen und mitgestalten.» Bild: Marc Dahinden

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Winterthur hat oft das Gefühl, in Zürich zu kurz zu kommen. Haben Sie diesen Eindruck auch?
Natalie Rickli: Ich bin wegen meiner Kandidatur für den Regierungsrat nun viel im Kanton unterwegs. Da werde ich eher darauf angesprochen, dass die Stadt Winterthur zu stark profitiert, namentlich was den kantonalen Finanzausgleich betrifft. Mittelgrosse Städte fühlen sich benachteiligt und Gebergemeinden fragen sich, was Winterthur mit dem Geld macht. Ich finde nicht, dass Winterthur eine zu grosse Profiteurin ist. Wir sollten aber mit dem austarierten System, das wir jetzt haben, zufrieden sein.

Dabei ist es ein zentrales Anliegen der Stadt Winterthur, mehr Finanzausgleich zu bekommen.
Man sollte den Bogen nicht überspannen und den solidarischen Gedanken unter den Gemeinden nicht gefährden. Sonst kommen die Gebergemeinden auf die Idee, Winterthur genauer auf die Finger zu schauen. Denn die Stadt hat zum Beispiel im Sozialbereich auch Hausaufgaben zu machen. Winterthur bezahlt Leistungen über die SKOS-Richtlinien hinaus, beispielsweise Mietzuschüsse. Winterthur ist auch bereit, vorläufig Aufgenommenen mehr zu bezahlen, als das kantonale Stimmvolk wollte. Auch das verursacht Kosten. Daher würde ich der Stadtregierung empfehlen, nicht noch mehr Geld vom Kanton zu fordern. Unter dem Strich fährt Winterthur gut.

Was sollte Zürich von Winterthur lernen und umgekehrt? SVP-Regierungsratskandidatin Natalie Rickli stellt sich den Fragen. Video: Jakob Bächtold/far

Beim Finanzausgleich würden Sie die Winterthurer Forderungen im Regierungsrat also nicht unterstützen – wenn Sie denn gewählt werden. Gibt es andere Winterthurer Anliegen, die Sie für berechtigt halten?
Es wäre opportunistisch, wenn ich im Interview mit dem «Landboten» erklärte, ich würde mich in der Kantonsregierung nur für Winterthur einsetzen. Wenn es etwas zu entscheiden gibt und es passt, werde ich selbstverständlich Winterthur berücksichtigen. Ich sehe mich bereits jetzt als positive Botschafterin von Winterthur. Als Präsidentin der Verkehrskommission habe ich beispielsweise eine Sitzung hier durchgeführt und so anderen Parlamentarierinnen und Parlamentariern die Stadt zeigen können. Viele waren begeistert, etwa vom Technorama, das wir besichtigt haben. In Bern setze ich mich immer wieder für Winterthur ein, im Moment etwa für die Erweiterung des Bahnhofs Grüze…

...der bei der Verteilung der Bahnausbaugelder im Agglomerationsprogramm zurückgestuft worden ist.
Genau. Da hat mich Stadtrat Stefan Fritschi von der FDP kontaktiert. Sobald das Geschäft in der Verkehrskommission des Nationalrats traktandiert wird, werde ich den Antrag stellen, dass der Bahnhof Grüze wieder auf die Liste kommt und mit einer Haltestelle an der Linie nach Frauenfeld erweitert wird. Das Projekt überzeugt mich, es ist wichtig für die Stadtentwicklung und für die Verkehrsplanung.

«Naja.»Natalie Rickli auf die Frage,  ob die Winterthurer Lobbyarbeit im Bundeshaus gut funktioniere

Wie gut funktioniert denn die Winterthurer Lobbyarbeit in Bundesbern?
Naja. Der Stadtrat von Winterthur, der Stadtrat von Zürich und der Zürcher Regierungsrat laden die Bundesparlamentarier gemeinsam einmal pro Jahr zu einem Essen ein. Davon bin ich mässig begeistert. Überparteilich haben viele nationalen Parlamentarier dabei eher das Gefühl, man wolle die Forderungen bei uns abladen, als dass man mit uns zusammenarbeiten und unsere Meinung hören will. Da gäbe es Optimierungspotenzial. Das würde ich in die Kantonsregierung einbringen.

Mit Jacqueline Fehr (SP) sitzt bereits eine Winterthurerin im Regierungsrat. Ein Winterthurer Duo wäre historisch. Würde dieses Duo harmonieren?
Ich kann mit allen Personen gut zusammenarbeiten, unabhängig von der politischen Einstellung. Unser Politsystem ist darauf ausgelegt, dass Menschen mit unterschiedlichen Ansichten in der Regierung sitzen und man so zu Entscheiden kommt.

Aber die beiden Winterthurerinnen würden in der Kantonsregierung voraussichtlich häufig gegeneinander stimmen.
Jacqueline Fehr und ich kennen uns schon lange. Wir respektieren uns und können auf einer sachlichen Ebene miteinander politisieren.

Mit der Winterthurer Sozialdemokratin Chantal Galladé sind sie befreundet. Gilt diese Freundschaft auch in der Politik?
Chantal Galladé und ich kennen uns schon von Kindheit an, bereits unsere Mütter waren befreundet.

Sie sind daran, Ihr Wahlkomitee zusammenzustellen. Fragen Sie Chantal Galladé dafür an?
Nein, das nicht. Ob Sie mich wählen wird, müssen Sie sie selbst fragen. Im Nationalrat hat sie mich immer wieder unterstützt, etwa bei härteren Strafen für Sexualstraftäter oder bei der Pädophilen-Initiative, auch gegen die Position ihrer Partei. Das rechne ich ihr hoch an.

«Nein.»Natalie Rickli auf die Frage,  ob ihr eine Frauenmehrheit im Regierungsrat wichtig sei

Sicherheit ist ihr Kernthema. Wäre die Justiz, die jetzt von Jacqueline Fehr geführt wird, ihre Wunschdirektion?
Ich kann mir alle Direktionen vorstellen. Finanzen am wenigsten, aber die sind bei meinem Parteikollegen Ernst Stocker ja in guten Händen. Ich denke nicht, dass es eine Rochade gibt. Die beiden neu Gewählten werden voraussichtlich Gesundheit und Bau übernehmen, beides kann ich mir gut vorstellen. Ich finde es spannend, mich in Themen einzuarbeiten, mit denen ich mich bisher nicht an vorderster Front beschäftigt habe.

Oder möchten Sie am liebsten in die Sicherheitsdirektion von Mario Fehr (SP) übernehmen?
Mario Fehr führt seine Direktion gut, namentlich was die Kantonspolizei betrifft. Sicherheit wird auch so ein Kernthema in meinem Wahlprogramm sein, das Thema ist in allen Bereichen entscheidend.

Sicherheit ist also ihr Wahlkampfthema – gleichzeitig sagen sie, dass Mario Fehr die Sicherheitsdirektion gut führt.
Wie gesagt: Für die Bevölkerung ist Sicherheit in allen Bereichen wichtig, nicht nur bei der Polizeipräsenz, sondern auch in der Infrastruktur, in der Energie, im Verkehr, in der Qualitätssicherung im Gesundheitsbereich.

Sie waren immer wieder für Regierungsämter im Gespräch, auch für die Winterthurer Stadtregierung. Warum haben Sie bisher immer abgesagt?
Es ist eine Ehre, wenn man für solche Ämter in Betracht gezogen wird. Bisher habe ich mich für ein Exekutivamt zu jung gefühlt; ich bin ja relativ früh in die Politik eingestiegen. Gleichzeitig habe ich auch immer gearbeitet und war im Nationalrat engagiert.

Was ist jetzt anders?
Nach bald drei Legislaturen im Nationalrat, nach meinem Präsidium in der Verkehrskommission, nachdem ich einige Dossiers abschliessen oder auf Kurs bringen konnte, etwa im Bereich Strafrecht, wo jetzt eine Vorlage des Bundesrates kommt, habe ich gemerkt, dass ich gerne mehr Verantwortung übernehmen und mitgestalten möchte.

Werden Sie sich im Wahlkampf ins bürgerliche Ticket einbinden lassen? Sie waren für die Selbstbestimmungsinitiative und sind gegen die Steuerreform – im Gegensatz zu ihren Kollegen...
Das wird von den Medien aufgebauscht. Unterschiedliche Meinungen sind völlig normal. Entscheidend ist, dass wir Bürgerlichen eine gute gemeinsame Basis haben. Und das ist namentlich bei wirtschaftspolitischen Themen der Fall.

Sie waren nur ein halbes Jahr Kantonsrätin. Auf Kantonsebene wissen Sie nicht, wie der Hase läuft. Ist das ein Manko?
Im Vergleich zu anderen Kandidierenden mag das ein Manko sein. Gleichzeitig weiss ich umso besser, wie die nationale Politik funktioniert. Und ich bringe auch fünf Jahre Gemeinderatserfahrung aus Winterthur mit.

Im Jahr 2012 erlitten Sie ein Burn-out, Sie haben dies damals auch öffentlich gemacht. Haben Sie auch deshalb mit einem Exekutivamt zugewartet?
Langsam wird es etwas langweilig mit der immer gleichen Frage von Journalisten, schliesslich liegt mein Burn-out, das schlussendlich eine Depression war, schon sechs Jahre zurück. Ich erlaube mir einmal zurück zu fragen: Warum werden nur mir Fragen zur Gesundheit gestellt? Was ist mit den anderen Kandidaten? Ernähren sie sich gesund? Machen sie Sport? Nehmen sie sich Auszeiten, damit sie Kraft haben für ihren Job? Genau dies tue ich nämlich.

Sie bewerben sich für ein öffentliches Amt, das viel Stress mit sich bringt. Da ist die Frage nach dem Burn-out aus meiner Sicht legitim, zumal Sie kein Geheimnis daraus gemacht haben.
Ich habe eine schwierige Zeit durchlebt, bin aber gestärkt daraus hervorgegangen. Die Denkweise, die diesen Fragen zu Grunde liegt, zeigt aber auf, wie schwierig es für manche Menschen sein kann, wenn sie nicht nach ihrem Jetzt beurteilt werden, sondern nach ihrer Vergangenheit. Wenn Arbeitgeber so denken, wird es fast unmöglich für Menschen, die eine schwierige Zeit hatten, wieder einen Job zu finden. Insofern möchte ich hier eine Lanze brechen für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen.

Wenn Sie gewählt werden, sind die Frauen in der Kantonsregierung in der Mehrheit. Ist Ihnen das wichtig?
Nein.

Sie sind gegen Frauenquoten?
Wenn ich gewählt werde, zeigt ja gerade dies, dass wir Frauen alles erreichen können, ohne dass es eine Frauenquote braucht. Ich stehe für eine junge Generation von Frauen, die ihren Weg geht.

In den Medien wurde schon geschrieben, die Wahl sei bereits so gut wie gelaufen. Sehen Sie das auch so?
Eine Wahl ist nie sicher. Ich werde einen engagierten Wahlkampf führen. Ich bin bereits jetzt viel unterwegs, in SVP-Sektionen, an Anlässen. Ich bin motiviert und freue mich auf die Gespräche mit den Menschen im Kanton Zürich. Wie heisst es doch: Erst am Wahltag ist Zahltag. (Landbote)

Erstellt: 28.11.2018, 16:06 Uhr

Zur Person

Natalie Rickli wurde 1976 in Winterthur geboren und wuchs in Riet bei Neftenbach auf. 1996 trat sie in die Junge SVP ein. Von 2002 bis 2007 politiserte sie im Grossen Gemeinderat Winterthur, 2007 ein halbes Jahr im Zürcher Kantonsrat. Seit Dezember 2007 ist sie Nationalrätin. Sie ist Mitglied der Kommission für Rechtsfragen sowie jener für Verkehr und Fernmeldewesen, die sie 2016/2017 präsidierte. (bä)

Winterthurer Wahl



Mit Jacqueline Fehr (SP), Martin Neukom (Grüne) und Natalie Rickli (SVP) sowie Thomas Vogel (FDP) und Rosmarie Quadranti (BDP) treten fünf Kandidierende aus Winterthur und Region zur Regierungsratswahl im März 2019 an. Der «Landbote» stellt alle in einem Interview vor. (bä)

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