Standortförderung

Winterthurer Kunststreit in Japan

Eine Ausstellung in Japan wirft die Frage auf, wie Kulturaustausch von offizieller Seite organisiert werden kann. Zwei Künstler sind sich darüber nicht einig.

Gruppenbild vor dem Kanaya Art Museum anlässlich der Vernissage in Japan: Michael Doemeisen, Leiter der Standorförderung «House of Winterthur» (ganz links), Künstler Chris Labüsch (kniend in der Mitte) sowie Georges Wenger (dritter von rechts).

Gruppenbild vor dem Kanaya Art Museum anlässlich der Vernissage in Japan: Michael Doemeisen, Leiter der Standorförderung «House of Winterthur» (ganz links), Künstler Chris Labüsch (kniend in der Mitte) sowie Georges Wenger (dritter von rechts). Bild: zvg

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Die Ausstellung trägt den Titel «Growing Images – Dynamic Life Force» und wird im Katalog des Kanaya Art Museums als «Swiss-Japan Cultural Exchange Exhibition» angepriesen. Nur schon diese Bezeichnung ist einem der Beteiligten sauer aufgestossen. «Die Ausstellung ist beliebig zusammengestellt.»

«Ein leichtsinniger Umgang mit grossen Namen der Schweizer Kunstgeschichte»Georges Wenger, 
Künstler aus Winterthur

Es gibt keinen Spannungsbogen zwischen Ost und West», sagt der Winterthurer Künstler Georges Wenger. In diesem Zusammenhang von Kulturaustausch zu sprechen, sei vermessen. «Ein Austausch müsste mehr sein, als nur das gegenseitige Organisieren von Ausstellungen.» Was Wenger weiter stört: Im Kanaya Museum werden neben Werken aktueller Künstler auch noch drei Grafiken von Max Bill und Hans Arp gezeigt, deren Namen sind gross auf dem Ausstellungskatalog abgedruckt.

«Ein leichtsinniger Umgang mit grossen Namen der Schweizer Kunstgeschichte», kommentiert Wenger.

«Viele neue Kontakte»

Ganz anders tönt es hingegen von Chris Labüsch, der die Ausstellung gemeinsam mit dem japanischen Künstler Akihiko Iwanami organisiert hat: «Für uns war die Reise in jeder Hinsicht erfolgreich.» Es hätten sich viele neue Kontakte ergeben. «Der Kulturaustausch findet sehr wohl statt», sagt Labüsch.

 «Für uns war die Reise in jeder Hinsicht erfolgreich.» Chris Labüsch, 
Organisator

Er kenne Iwanami schon seit Jahren. Zudem habe er auch bei der aktuellen Reise nach Japan viele Künstlerinnen und Künstler getroffen, etwa nach der Vernissage in Kanaya. «Bei diesen Anlässen war Georges Wenger leider jeweils nicht dabei.»

Das Auftauchen der Werke von Bill und Arp begründet Labüsch so: «Ursprünglich war geplant, dass aus Winterthur Leihgaben von Max Bill gezeigt werden sollten. Das liess sich aber für dieses Jahr nicht organisieren.» Darum habe Iwanami dann Plakate und Grafiken aus seinem eigenen Besitz mitausgestellt.

Stadtpräsident im Katalog

Die Auseinandersetzung zweier Künstler über eine Ausstellung im fernen Japan könnte Winterthur egal sein, wenn nicht die Standortförderung in das Projekt verstrickt wäre.

Im erwähnten Katalog prangt ein Grusswort von Stadtpräsident Michael Künzle (CVP), die Standortförderung hat sich beteiligt, indem sie von den Organisatoren Ausstellungsfläche mietet, und dort auf Informationstafeln für Winterthur und die Region wirbt.

«Es stellt sich die Frage, wie weit die Standortförderung ihre Aktivitäten in Zukunft mit einer Ausstellung oder einem Konzert in Verbindung bringen will»

Finanziell ist das Engagement gering: Etwa 7500 Franken koste das Projekt die Standortförderung, hiess es Anfang September. Die Kritik von Wenger, die ähnlich auch schon in der Fragestunde des Gemeinderats laut geworden ist, ist aber grundsätzlich: «Es stellt sich generell die Frage, wie weit die Standortförderung ihre Aktivitäten in Zukunft mit einer Ausstellung oder einem Konzert in Verbindung bringen will», sagt Wenger.

Denn bei einem Austausch müsste die Kultur mehr sein als «dekorativer Rahmen» für Werbeanlässe. Als Gegenbeispiel nennt er gemeinsame Workshops von Künstlern.

Keine Kulturförderung

«Unsere Aufgabe ist die Vernetzung und Vermarktung», erklärt dazu Karin Landolt von der Standortförderung. «Für die Kulturförderung gibt es andere Institutionen.» Die Kultur, die Wirtschaft und die Bildung einander näher zu bringen, sei eine der Kernaufgaben der Standortförderung, das sei auch im neuen Konzept des «House of Winterthur» so vorgesehen.

Um eine faire Auswahl der Künstler zu gewährleisten, schlägt Wenger für ähnliche Projekte in der Zukunft ein offizielles Auswahlverfahren vor, um mehr Transparenz zu schaffen. Landolt erklärt, man habe mit der Japan-Ausstellung eine Gelegenheit beim Schopf gepackt. Labüsch hatte dieses Projekt ohnehin geplant.

«Eine offizielle Ausschreibung ist gar nicht in Betracht gezogen worden, weil dies nicht Aufgabe von House of Winterthur ist – auch würde das Budget für ein solches Verfahren fehlen.»

Das Kanaya Art Museum in Futtsu, in dem die jetzige Ausstellung noch bis Januar zu sehen ist, bezeichnet Wenger als «Provinzmuseum», an der Vernissage hätten nicht einmal 30 Personen teilgenommen. Labüsch spricht von über 60 Personen an der Eröffnung. Kanaya sei zwar ein «kleines Städtchen», das allerdings ein beliebter Ausflugsort sei.

Weiter weist Labüsch darauf hin, dass dieselben Werke in zwei Jahren im Ueno Royal Museum gezeigt werden. Das gehöre zur Abmachung mit Künstler Iwanami dazu. Die Werke von Georges Wenger werden dort nicht mehr zu sehen sein. Denn in dieser Aussage stimmen die beiden Künstler überein: Die Zusammenarbeit hat man nach der Japan-Reise eingestellt.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.10.2017, 17:00 Uhr

Kommentar

Günstig ist nicht immer gut


Jakob Bächtold ist stv. Chefredaktor des Landboten.

Zugegeben: Es schien eine günstige Gelegenheit zu sein, um den Namen Winterthur nach Japan zu tragen. Das Projekt war von den Künstlern Labüsch schon weitgehend organisiert, der Aufwand vergleichsweise tief. In einer Stadt, in der jeder Franken zweimal umgedreht wird, ist eine solche Situation verlockend.

Im Rückblick zeigt sich nun aber, dass man auch günstige Angebote genau prüfen sollte, bevor man sich darauf einlässt. Bei der aktuellen Ausstellung handelt es sich offenbar um eine bunt zusammengewürfelte Präsentation in einem Museum in der japanischen Provinz. Auch wenn in zwei Jahren noch eine zweite Ausstellung in einem Museum im Zentrum von Tokio folgt: Dies ist nicht der richtige Rahmen, um offiziell für die Kulturstadt Winterthur zu werben.

Da sich die Standortförderung gegenwärtig als House of Winterthur neu aufstellt, hat das jüngste Japan-Engagement den Charakter eines Präzedenzfalls. Kultur ist eine jener Stärken Winterthurs, die noch besser vermarktet werden sollen. Dass es da noch Potenzial gibt, ist unbestritten. Statt auf private Ausstellungen setzt das House of Winterthur in Zukunft besser auf renommierte Kulturinstitutionen.

Das Musikkollegium spielt Ende November zwei Konzerte in Tokio und Osaka. Das wäre sicher eine bessere Gelegenheit gewesen, um das neue Kulturmarketing à la House of Winterthur in Japan zu lancieren.

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