Detailhandel

«Wir gingen bewusst nach Winterthur»

Georg Kröll, Chef von Lidl Schweiz, ist Herr über 114 Filialen und jährlich kommen acht bis zehn dazu. Jetzt will Lidl auch im Internet wachsen. Warum die «Menu Box» in Winterthur entwickelt wird, erklärt Kröll im Interview.

«Start-up-Mentalität»: CEO Georg Kröll in Lidls «Menu Box»-Büro im 14. Stock des Roten Turms.

«Start-up-Mentalität»: CEO Georg Kröll in Lidls «Menu Box»-Büro im 14. Stock des Roten Turms. Bild: Madeleine Schoder

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Warum hat Lidl Schweiz ein Büro in Winterthur eröffnet?
Georg Kröll: Das war eine ungewöhnliche Entscheidung. Wir haben unsere Zentrale in Weinfelden und haben das Ziel, unsere Leute an einem Ort zu haben. Wir haben uns aber ganz bewusst für Winterthur entschieden, weil wir uns sagten: Wir möchten eine Start-up-Mentalität erzeugen, um ein ganz neues Produkt zu entwickeln. Hier in Winterthur haben wir eine coole Location und die Hochschule vor der Haustür. Wir haben hier einen anderen Typus Menschen und es fällt uns leichter, entsprechende Mitarbeiter zu begeistern, hierher zu kommen. Zürich wäre auch eine Option gewesen, aber Winterthur war einfach cool.

Wir sind hier im 14. Stock des Roten Turms. Haben Sie noch andere Standorte in Winterthur geprüft?
Es waren mehrere Orte im Gespräch. Für mich war das nicht so entscheidend. Entscheidend war der Standort Winterthur.

Arbeiten alle elf Mitarbeiter hier am Produkt Menu Box, oder wird Winterthur künftig eine Art Innovationslabor für weitere Produkte?
Die Mitarbeiter arbeiten zu hundert Prozent für das Produkt Menu Box. Das Produkt wird uns noch für eine ganze Zeit auslasten.

«Es gibt viele Unternehmen, die im Online-Geschäft kein Geld verdienen. Für uns ist das 
keine Option.»

Georg Kröll, 
CEO Lidl Schweiz

Noch nicht vollständig ausgelastet ist Ihr Standort, der Rote Turm. Haben Sie besonders attraktive Konditionen gekriegt?
Sicherlich spielen die Konditionen am Ende eine Rolle, wir sind ein wirtschaftlich denkendes Unternehmen. Wenn der Turm nicht ausgelastet ist, stört uns das nicht. Dann kommt der Lift schneller. (lacht) Wichtig war die Nähe zur Hochschule und zum Bahnhof.

Was Sie hier oben hingegen nicht haben ist Sichtbarkeit: Kaum jemand merkt, dass hier Lidl sitzt.
Das ist uns ganz recht. Wir möchten uns hier nicht präsentieren, sondern unseren Job machen.

Vor 14 Monaten wurde die Entscheidung getroffen, jetzt geht das Produkt an den Markt. Was war die härteste Knacknuss bei der Entwicklung? Die Verpackung?
Die Frische ist beim Onlinegeschäft tatsächlich eine sehr hohe Herausforderung. Bei Fragen der Kühlkette sind die Anforderungen klar: Entweder sie kann eingehalten werden oder nicht. Eine grosse Herausforderung ist aber auch die Integration in unsere bestehenden Prozesse oder die ganze Informatik im Hintergrund. Ich muss ehrlich sagen, wir waren zum Teil selbst überrascht, wie komplex es war, ein kleines Start-up in unser grosses bestehendes Unternehmen zu integrieren. Am Ende des Tages ist unser Anspruch ja, dass es optimal funktioniert und vieles automatisiert werden kann. Es gibt viele Unternehmen, die im Online-Geschäft kein Geld verdienen. Für uns ist das keine Option.

Auf welche Kundenschaft zielt Ihr Produkt ab?
Wir haben den Anspruch eine sehr breite Bevölkerung anzusprechen. Bestehende Lidl-Kunden und neue. Man könnte erwarten, dass das Produkt vor allem kinderlose Doppelverdiener anspricht, aber die Erfahrungen von «Kochzauber» (eine Berliner Firma, die Lidl aufkaufte), zeigen, dass es auch von jungen Familien genutzt wird. Wenn man nicht einkaufen muss, ist das eine unheimliche Zeitersparnis.

Lidl Schweiz investiert viel, um sein Image aufzupolieren, weg vom Discounter, hin zu mehr Qualität und Premium.
Dem Label «Discount» hängt von früher her ein Beigeschmack von Verzicht an. Ein Discount war früher ein Ort, wo Waren auf Paletten präsentiert wurden. In der Schweiz war das aber nie so. Wir sind 2009 bereits auf hohem Niveau gestartet.

Aber man besserte nach – weil man merkte, der Schweizer Mittelstand will mehr Auswahl und Frische.
Falsch eingeschätzt haben wir den Markt nicht. Aber wir folgen der gesellschaftlichen Entwicklung. Lidl ist ein schnelles Unternehmen, das nicht Jahre wartet, um neue Trends umzusetzen.

Ist die Menu Box ein Einstieg in einen allgemeinen Online-Markt – kann man bald auch Wein und Dosenravioli bestellen?
Nein, wir haben uns in der Schweiz ganz explizit für die Menu Box entschieden.

Die Schweiz ist ein Testmarkt für dieses Produkt?
Gewissermassen. Wir versuchen nun mit Zahlen und Fakten zu beweisen, dass es ein erfolgreiches Konzept ist. Klappt es, kann man davon ausgehen, dass ein erfolgreiches Konzept auch in anderen Ländern übernommen wird.

Winterthur war auch bei den Filialneugestaltungen zuerst dran. Ist die Stadt Ihr liebstes Experimentierfeld oder liegt sie einfach schön nahe?
Die Zugverbindung aus Weinfelden ist jedenfalls gut. (lacht) Dass wir den ersten «Future Store» in Töss bauten hatte verschiedene Gründe, auch dass dort ein geeigneter Baustandort vorhanden war. Aber darüber hinaus ist Winterthur auch einfach eine wichtige Stadt. Wenn etwas hier klappt, kann man auch eher davon ausgehen, dass es für ein grösseres Umfeld repräsentativ ist.

Lidl hat in der Schweiz 114 Filialen in einem Markt, der gesättigt ist. Ist das Ende der Expansion erreicht?
Nein, auf keinen Fall. Wir sind in vielen Gegenden noch wenig vertreten und die Menu Box ersetzt nicht unser Angebot vor Ort. Wir haben vor, jedes Jahr um acht bis zehn Filialen zu wachsen.

(Der Landbote)

Erstellt: 30.08.2017, 18:07 Uhr

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