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«Wir haben Erfolg, weil wir beweglich sind»

Julia und Markus Meny gehören mit ihrer Vinothek zu der raren Spezies der zufriedenen Detaillisten. Was machen sie richtig?

Julia und Markus Meny sind das Gesicht der Vinothek Gran Reserva.

Julia und Markus Meny sind das Gesicht der Vinothek Gran Reserva. Bild: Madeleine Schoder

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Das Gran Reserva ist in den letzten zwölf Jahren zu einer festen Institution in der Stadt geworden. Gemütlich ist es hier im Laden an der Tösstalstrasse Ecke Neustadtgasse, am Rand der Altstadt. Man fühlt sich an eine spanische Bodega erinnert. Dunkelrote Wände, viel Holz und die runden Bogenfenster verstärken den Eindruck. Unzählige Weinflaschen werden in Gestellen auf Tresenhöhe nach Themengebieten präsentiert. Alles ist ausführlich beschriftet, und es hat immer ein paar Weine, die degustiert werden können. Dazwischen stapeln sich Kisten mit Wein, alles wirkt üppig, aber durchdacht und gut sortiert. Auf Tafeln sind in schöner Schrift die Aktionen angeschrieben.

Am grossen Tisch

Am grossen Tisch mitten im Raum kann man sich niederlassen und weiter degustieren. «Donnerstagabend ist dieser Tisch immer voll», sagt Markus Meny. Seine Frau nickt zustimmend: «Wir mögen es, wenn fremde Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Wenn alle an einem Tisch sitzen, ist das gar nicht anders möglich.» Wenn jemand hungrig ist, kann er eine Portion Pata Negra, den aromatischen spanischen Schinken, bestellen. Oder die Panetteria, das benachbarte Restaurant, bringt etwas über die Gasse. Wenn es draussen schön ist, scharen sich die Gäste um den grossen Tisch in der Gartenbeiz.

«Vielleicht kommt unser Erfolg daher, dass wir immer aktiv und beweglich sind.»Markus Meny

Das Geschäft floriert. «Besser könnte es gar nicht laufen», sagt Julia Meny. Die Weinhandlung Gran Reserva hat 21 Prozent mehr Umsatz als im Vorjahr gemacht; woran das liegt, wissen Julia und Markus Meny auch nicht so genau. Beide wirken sehr aufgeschlossen und freundlich, kommunikative Menschen, in deren Gegenwart man sich wohlfühlt. «Vielleicht kommt unser Erfolg daher, dass wir immer aktiv und beweglich sind», sagt Markus Meny. Man müsse viel im Gespräch sein, mit den Produzenten, Kunden und der Gastronomie. «Wein lebt von Geschichten, das ist nichts Konstantes, das Produkt ist ja jedes Jahr wieder anders.» Ein anderer Grund für den Umsatzzuwachs könne sein, dass Wein bei den Jungen im Kommen ist, genau wie Kochen und gemeinsam Essen.

Dass der Laden an eine Bodega erinnert, ist nicht abwegig, denn ursprünglich wollten Julia und Markus Meny hier eine Tapas-Bar mit integrierter Vinothek und Aussensitzplätzen aufmachen. Die Idee war schon in den Startlöchern stecken geblieben, Nachbarn hatten gegen die Genehmigung der Stadt Einsprache erhoben, weil sie zu viel Lärm befürchteten, und das Ganze bis vor Bundesgericht gezogen. «Mit den Nachbarn haben wir inzwischen ein tolles Verhältnis», schwärmt Meny. Die Klage war nichts Persönliches, es ging ums Prinzip. Seither müssen alle Beizen in Winterthur für Aussensitzplätze eine Baubewilligung beantragen.

«Jetzt wurde es halt eine Vinothek statt einer Tapas-Bar», sagt Julia Meny. Die gelernte Bankkauffrau hatte ihre Stelle im Sicherheitsdienst eines Grossverteilers aufgegeben, um sich ganz auf das gemeinsame Projekt zu konzentrieren. Ehemann Markus behielt seine Stelle als Weineinkäufer. «Ein sicheres Einkommen brauchten wir ja.»

Onlinepioniere

Erst als das Geschäft nach drei Jahren anfing rundzulaufen, kündigte er seine Stelle; seither kümmert er sich voll um die Vinothek und den Onlineshop. «Wir waren einer der allerersten Internet-Weinshops in der Schweiz», so Meny. Der lief von Anfang an gut. «Man muss dort hingehen, wo die Kunden sind, und die sind halt auch im Internet.» Der Umsatz des Onlineshops sei stark steigend, mehr als doppelt so hoch wie der des Ladens. Die Kundschaft komme aus der ganzen Schweiz. «Manchmal steht ein Basler oder ein Zuger Onlinekunde, der zufällig in Winterthur ist, bei uns im Laden und will uns in der Realität anschauen.»

Das Ehepaar gibt dem anonymen Onlinegeschäft im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht, überall stösst man auf Fotos der beiden. «So weiss man, dass ein Laden mit Menschen dahintersteht.» Der Erfolg zeige, dass man auch gegen die Grossen eine Chance habe. Julia Meny unterschreibt alle Rechnungen und Briefe mit der Hand und bemüht sich um einen persönlichen Kontakt zur Kundschaft. Das Paar ist auch sonst umtriebig. Immer wieder veranstaltet es Events zum Thema Wein und Kulinarik oder Wein und Kultur. Gerade hat eine Krimilesung in der Vinothek stattgefunden, ein Wine & Dine in der Alphütte des Kantonsspitals, und am 6. April steht im Restaurant Kafi Burehus eine kulinarische Reise durch die Schweiz auf dem Programm.

Mehr als nur Rioja

Aber natürlich muss auch das Sortiment stimmen. «Wir haben uns am Anfang auf spanischen Wein fokussiert. Damals war der noch wenig bekannt, jetzt wissen die Leute, dass es mehr als Rioja gibt», sagt Julia Meny. Der Schwerpunkt liege immer noch klar auf spanischem und italienischem Wein, aber in den letzten Jahren seien auch Weingüter aus der Region dazugekommen. Eine gute Selektion des Sortiments sei wichtig, um sich von der Konkurrenz der Grossverteiler abzuheben. «Man muss ein gutes Netzwerk haben und spüren, wo der Trend hingeht. Aber auch zuhören, was die Kunden wollen», sagt Markus Meny.

Die Kundschaft hält grosse Stücke auf die Meinung des Ehepaars. Immer öfter kommen zum Wochenende die Leute mit ihren Menüplänen in die Vinothek und lassen sich die passenden Weine empfehlen. «Mir knurrt manchmal richtig der Magen, wenn ich die tollen Gerichte höre», sagt Markus Meny. Insgesamt werden im Geschäft rund 350 Weine plus 150 Spirituosen angeboten, im Internet sind es noch etwas mehr.

Die Vinothek beliefert auch Restaurants und stellt in Absprache mit den Gastronomen die Weinkarte und saisonale Angebote zusammen. Darum kümmert sich seit zwei Jahren hauptsächlich der Verkaufsleiter und Stellvertreter Heiko Dold.

Erstellt: 02.04.2019, 17:04 Uhr

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