Integration

«Wir haben hier alle Krankheitsbilder»

Menschen, die es schwer haben im Leben, finden beim Verein VESO eine Bleibe, Betreuung und Beschäftigung. Ein Besuch vor Ort und drei Geschichten.

Geschäftsleiter Diego Farrér (rechts) und Vorstandspräsident Hans Peter Haeberli in der Werkstatt des Veso an der Pflanzschulstrasse. Hier wird verpackt und montiert, und hier werden Stickereien und Lasergravuren gemacht – Letztere auch schon für die Uefa.

Geschäftsleiter Diego Farrér (rechts) und Vorstandspräsident Hans Peter Haeberli in der Werkstatt des Veso an der Pflanzschulstrasse. Hier wird verpackt und montiert, und hier werden Stickereien und Lasergravuren gemacht – Letztere auch schon für die Uefa. Bild: Enzo Lopardo

«Nehmen Sie davon noch einen mit.» Diego Farrér streckt seinen Arm aus, in der Hand einen Schokoriegel, ein «Kägi fret». Nur dass auf dem Papier ein anderer Markenname aufgedruckt ist: VESO, in freundlichen gelben Lettern. Es ist der Name seines Arbeitgebers, des ehemaligen Vereins für Sozialpsychiatrie Region Winterthur. Farrér, ein smarter Bündner, stiess 2015 zum VESO. Er sah sich alles an und begann die Erneuerung, die auch in diesem Schokoriegel mündete. Die acht Angebote der immerhin grössten sozialpsychiatrischen Institution der Region traten lange alle als eigene Marken auf, als «GlanzPunkt», «WerkPunkt», StartPunkt und «Valentina» (siehe Kasten) – und gingen damit in der öffentlichen Wahrnehmung unter. Farrér reduzierte die acht Marken darum auf eine einzige: VESO. Und die will er bekannter machen und näher zusammenbringen.

Die IV macht Druck

Der VESO betreut heute 250 Menschen, beschäftigt 50 Mitarbeiter und setzt jährlich rund 7 Millionen Franken um. Ein kleiner Teil davon stammt aus Spenden, der grösste Teil – 2,5 Millionen – aus Erträgen aus den eigenen Dienstleistungsangeboten. Für die Arbeitsintegration zahlt die Invalidenversicherung, für das betreute oder begleitete Wohnen teils ebenfalls, teils auch die öffentliche Hand. Vom Kanton erhält der VESO zudem Betriebsbeiträge.

Die IV und die Politik machen heute viel Druck, Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, sagt Farrér. Er finde es aber richtig, dass man es probiere. «Meine Überzeugung ist, jeder Mensch hat Fähigkeiten. Und für einen Teil der Menschen ist ein geschützter Rahmen eben besser, um die Fähigkeiten abzurufen.» Manche finden über die Arbeitsprogramme in den ersten Arbeitsmarkt, andere bleiben im zweiten Arbeitsmarkt, arbeiten aber mit hoher Eigenverantwortung.

Allen Klienten des VESO gemein ist, dass sie es nicht leicht hatten im Leben, dass sie klar kommen müssen mit psychischen oder sozialen Beeinträchtigungen. «Wir haben hier alle Krankheitsbilder, sehen aber den Menschen», sagt Hans Peter Haeberli, Vorstandspräsident des VESO. «Viele kommen direkt von der integrierten Psychiatrie Winterthur zu uns.» Wo es geht, ist das Wiedererlangen der Selbstständigkeit das Ziel. Aber der Verein ist auch für Menschen eingestellt, die nicht mehr zurückfinden können oder wollen. «Einige arbeiten 20 Jahre bei uns in der Werkstatt», sagt Haeberli. Im Wolfensberg wohnt eine Gruppe seit über 20 Jahren zusammen.

Um vor allem älteren Menschen mit psychischen oder sozialen Problemen eine Perspektive zu geben, baut der VESO dieses Jahr auch aus. An der Tösstalstrasse eröffnet im September die neue Wohngemeinschaft Gutschick, mit 15 möblierten Einzelzimmern mit Bad und einer 24-Stunden-Betreuung an 365 Tagen im Jahr.

Fritz M.: Am Ende der Lehre falsch abgebogen

Fritz M. Lebensgeschichte, ist die eines Mannes, der einmal falsch abgebogen ist und seither dafür büsst. Seine Kindheit erlebte er in einer Zürichseegemeinde, machte die kaufmännische Lehre, fand einen Job und erste Verantwortung. Alles deutete auf ein solides Leben, eine stabile Laufbahn hin. Wäre er nicht «mit Drogen in Kontakt gekommen».

Die Drogen, das waren hauptsächlich Heroin und Cannabis, M. verkehrte im «Riviera» am Zürcher Bellevue, dann im AJZ. «Es waren die Achtzigerjahre.» Seine Sucht finanzierte er über die Arbeit. «Ich führte ein Doppelleben», sagt er nüchtern. Doch das konnte nicht gut gehen.

«Ich habe damals ein Doppelleben geführt.»Fritz M.

Die Drogensucht verursachte eine Psychose. Mehrere Klinikaufenthalte reihte M. aneinander, 20 Jahre lang. Der Tiefpunkt kam 2007. Er verletzte unter Alkohol und THC-Einfluss seinen Vater mit einem Messer. «Ich habe eine Massnahme in Rheinau kassiert.» Über das Methadonprogramm wurde er stabiler, noch heute nimmt er eine minimale Dosis.

Zum VESO stiess M. 2015, und zwar zum Sunnehus, eine der Wohngruppen. Es gefalle ihm gut dort, sagt er – ein geübter Beobachter seiner selbst. Der Kühlschrank sei nie abgeschlossen. «Und man kann so viel Kaffee haben, wie man will.» Auf den Gemeinschaftsfernsehern sehe er sich gerne «Berlin Tag und Nacht» an. Auch seinen Beruf übt M. dank einem Arbeitsintegrationsprojekt. Er verantwortet heute die Kundenbuchhaltung einiger grösserer Zürcher Organisationen. Eine verantwortungsvolle Aufgabe. Eine Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt, wie er ihn schon mehrfach erlebt hat, schliesst der 56-Jährige aber aus. Das sei nichts mehr. Trotzdem gilt, was er über sich sagt: «Ich bin ein Stehaufmännchen.»

Lynn E.: Vom Absprung in den ersten Arbeitsmarkt

Lynn E. ist eine Ehemalige, eine, die den Absprung in den ersten Arbeitsmarkt geschafft hat. Die 35-Jährige trat vor zehn Jahren in die WErkstatt des VESO ein. Zuvor hatte sie eine Anlehre gemacht. Das, was möglich war.

E. ist in Winterthur aufgewachsen, in stabilen mittelständischen Verhältnissen. In der Schule war sie überfordert. Es folgten viele Wechsel, Privatschulen – ein Hin- und Her, das die Heranwachsende stark verunsicherte und ihr Selbstvertrauen trübte. «Ich habe heute noch Angst vor Neuem», sagt sie und lächelt verlegen.

«Dann habe ich mir gesagt, jetzt musst du vorwärtskommen.»Lynn E.

E. aber wollte mehr vom Leben. In der Werkstatt des VESO arbeitete sie im Versand, verpackte Waren, «sechs oder sieben Stunden, jeweils mit zweimal einer halben Stunde Pause».Nach einer Weile tat sie es für das Versandhaus Angela-Buderer.

Zwei Jahre sei sie da gewesen, erzählt sie, in einem Modell, in dem immer noch die VESO für sie die Verantwortung trug und den Hauptteil ihres Lohns ausrichtete. «Dann habe ich mir gesagt, jetzt musst du vorwärtskommen.» Eggart drängte auf einen ordentlichen Arbeitsvertrag, und bekam ihn schliesslich auch.

Nach ihren Zielen gefragt, sagt sie, sie habe eigentlich gerade keine mehr. In Winterthur hat sie eine eigene Wohnung, im Rosenberg einen Schrebergarten. Sie zieht Kartoffeln, Kürbisse, Gurken. Sie habe alles, was sie gewollt habe, sagt E. Und sie sei auch etwas stolz darauf.

Hanspeter S.: Psychisch krank seit Kindesjahren

Hanspeter S. war 17 Jahre alt, als er zum ersten Mal in die Klinik musste. Psychische Probleme hatte er schon als Kind – Depressionen, Angststörungen, Kontrollzwänge. Seine Eltern, beide psychisch ebenfalls nicht stabil, waren mit ihm überfordert. S. kam ins Heim und wieder nach Hause zurück. Ab 1981 lebte der heute 57-Jährige konstant mit seinen Eltern zusammen, bis zu ihrem Tod 2003 und 2006.

S. baut viele Daten ein, wenn er erzählt. Das Langzeitgedächtnis sei intakt, sagt er. Das Kurzzeitgedächtnis weniger. Zwei, drei Pendenzen könne er sich merken, um am Morgen den Tag zu beginnen. Mehr liege nicht drin. S. hat eine Beiständin. «Sie kümmert sich um alles, das Amtliche und so», sagt er.

«Auf der Station in der Klinik waren wir wie eine grosse Familie.»Hanspeter S.

Gearbeitet hat S. eigentlich nie. Zwei, drei Versuche scheiterten. «Es war immer dasselbe. Einen Moment ging es gut, dann nach zwei, drei Monaten fingen die Probleme an.» Koch, sagt er, wäre er eigentlich gern geworden. Seit 1981 bekommt er eine IV-Rente, seither habe er es eigentlich immer gut gehabt.

Seinen letzten Klinikaufenthalt hatte S. in den Jahren 2005 bis 2006, in der PTS, der Psychotherapiestation der Klinik Schlosstal. «Wir waren wie eine grosse Familie», sagt S. Er hätte Mühe gehabt, sich wieder zu lösen.

Die letzten Jahre wohnte er allein, das sei ihm aber zu viel geworden. Letzten Oktober zog er ins Sunnehus des VESO. Er fühle sich dort wohl, sagt er. Es gefalle ihm, nicht mehr einkaufen zu müssen. Psychisch sei er stabil. «Meine Medikamente sind gut eingestellt», sagt er. Nur dass er plötzlich einer der Ältesten ist, ist ihm nicht ganz geheuer. Darum möchte er, wenn der Neubau im Gutschick fertig ist, gerne in die dortige Wohngemeinschaft einziehen. Sie richtet sich an über 55-Jährige.

Marc Leutenegger (Landbote)

Erstellt: 23.04.2018, 15:50 Uhr

Die Angebote

Die Tätigkeiten des VESO sind vielfältig und reichen bis zur Aufbereitung und zum Verkauf von USM-Haller-Möbeln. In der eigenen Werkstatt im Geiselweidquartier wenden Gravuren und Verpackungsarbeiten angeboten. Die VESO führt eine eigenes Reinigungs- und Hauswartungsunternehmen. In der Arbeitsintegration vermittelt sie Mitarbeiter für 3 bis 6 Monate an Betriebe, bei voller externer Kostenübernahme. In den Tagesstätten Eulach und Gutschick werden Menschen an eine Tagesstruktur gewöhnt, in den Wohngemeinschaften Sunnehus, Im Lind, Gutschick und Wolfensberg leben sie mit Betreuung. Für Mütter in Krisen gibt es ein eigenes Angebot, mit Platz für acht Frauen und ihre Kinder. (mcl)

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