Beutler über Künzle

«Wir haben uns absolut wieder gefunden»

Waren es atmosphärische Störungen mit dem Stadtpräsidenten, die Yvonne Beutler (SP) zum Rücktritt bewegt haben? Die Finanzvorsteherin bestreitet dies vehement. Das Verhältnis sei nach einer schwierigen Phase wieder gut.

Finanzvorsteherin Yvonne Beutler bei der Kommunikation ihres Rücktritts am Mittwoch. Foto: Madeleine Schoder

Finanzvorsteherin Yvonne Beutler bei der Kommunikation ihres Rücktritts am Mittwoch. Foto: Madeleine Schoder

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Dass es zwischen Ihnen und dem Stadtpräsidenten Spannungen gab, ist belegt. Trotzdem bestreiten Sie einen Zusammenhang zu Ihrem Rücktritt. Warum?
Man muss unterscheiden zwischen der Zeit um die Wahlen im letzten Jahr und heute. Dass, nachdem wir Konkurrenten ums Stadtpräsidium waren, nicht sofort Normalität einkehren würde, war klar. Aber im letzten halben Jahr hatten wir eine sehr gute, konstruktive Zusammenarbeit. Wir haben uns absolut wieder gefunden.

Als Beobachter konnte man zu auch einem anderen Eindruck kommen.Das kann ich nicht nachvollziehen. Zum Beispiel habe ich nach der Rückweisung der Pensionskassenvorlage im Gemeinderat Mike Künzle eine Karte gebastelt, und ihm damit und mit Schokolade für seinen Einsatz gedankt. Dass er die Karte bis heute aufbewahrt hat, zeigt, dass die angeblichen Spannungen eine wilde Spekulation sind.

« Es brauchte Zeit, aber Mike Künzle und ich, wir haben das gut miteinander gemeistert.»

Warum sind Sie denn dann nur flankiert von ihrer Partei vor die Medien getreten?
Was ist daran ungewöhnlich? Ich kann mich weissgott an keinen Rücktritt erinnern in Winterthur, an dem ein Stadtpräsident dabei war, ausser er ist selbst zurückgetreten. Maria Sorgo wiederum war als Vertreterin des Parteipräsidiums dabei, es war mir wichtig zu zeigen, dass es keine Entzweiung mit der Partei gibt.

Ihr Rücktritt ist bisher beispiellos, nicht nur in Winterthur. ­– Aber bleiben wir bei den Beobachtungen. Dass sie die Augen verdrehen oder einen Kommentar machen, wenn der Stadtpräsident öffentlich spricht, haben verschiedene Medienvertreter schon beobachtet.
Wie gesagt, so ein Wahlkampf geht nicht spurlos an einem vorbei, und es ist nicht einfach über Nacht wieder alles wie davor. Es brauchte Zeit, und Mike Künzle und ich, wir haben das gut miteinander gemeistert.

An der Landsgemeinde in Wülflingen diese Woche haben Sie Ihre Antwort unterbrochen, weil der Stadtpräsident, der neben Ihren sass, an Ihrem Tisch-Schildchen herumbastelte. Das war eher schroff.
Das ist absurd und der beste Beweis, dass hier verzweifelt versucht wird, irgendetwas zu konstruieren. Ich habe nach seinem wiederholten Versuchen spasseshalber gesagt: «Du, gaats?» Und ergänzt, ob er mich von einer Identitätskrise bewahren wolle. Das war kein Angriff, sondern eine Neckerei, auf die Mike mit einem Lächeln reagiert hat.

Sie haben sich nach einer Analyse des «Landboten» in dieser Woche, die Ihr Verhältnis zum Stadtpräsidenten ausleuchtet, sofort bei der Redaktion gemeldet? Michael Künzle hat das nicht getan.Ich habe den Artikel bereits am Vorabend online gelesen. Es hat mich fassungslos gemacht, was hier zusammengedichtet wurde. Ich habe daraufhin Mike kontaktiert. Auch er hat nur den Kopf geschüttelt. Am Freitagmorgen haben wir uns darüber unterhalten, und er hat mir extra die erwähnte Karte hingelegt, damit ich diese zeigen kann.

Das Beweisstück: Nach der Niederlage in der Pensionskassenvorlage hat Beutler Künzle eine persönliche Karte geschrieben.

Lassen wir dieses Thema einmal mal aussen vor. 2018 wollten Sie noch Stadtpräsidentin werden, ein Jahr später sind Sie plötzlich amtsmüde. Das wirft die Frage auf, was in der Zwischenzeit passiert ist.
Ich habe nie gesagt, ich sei amtsmüde. Es ist so: Ich hatte im letzten Herbst entschieden, dass das meine letzte Legislatur sein würde, weil ich beruflich noch einmal etwas anderes tun wollte. So hatte ich das auch der SP kommuniziert. Nun wurde eine neue Stelle an mich herangetragen.

Diese Stelle im Consulting-Sektor aber hätte es auch in drei Jahren noch gegeben.
Wie kommen Sie darauf.

«Es ist schon krass, was wir uns als Stadträte alles gefallen lassen müssen.»

Ich habe mit dem CEO Ihres neuen Arbeitgebers gesprochen. Sie arbeiten dort auf eigene Rechnung, müssen selbst die Akquise machen und das Unternehmen will in der Nordostschweiz ausbauen. Es kann von Ihnen nur profitieren.
Das ist eine wilde Behauptung. Es gibt verschiedene Unternehmensgrössen in dieser Branche. Mittelgross zu sein, ist für diese Firmen ein Konzept, da kann man nicht zu beliebiger Zeit kommen und sagen, hier bin ich, stellt mich ein. Ich habe es nicht gesteuert, dass es dieses Angebot gibt. Ich habe mich nur entschlossen, es anzunehmen, und das ist legitim.

Sie haben offen ein Angebot bekommen? Sind Sie nicht eher aufeinander zugegangen?
Wir haben im Rahmen gemeinsamer Tätigkeiten ganz allgemein über meine Zukunftsgedanken gesprochen. Später ist der CEO auf mich zugekommen und hat gefragt, ob wir einmal essen gehen. Worum es ging, habe ich damals nicht gewusst.

Sie haben in Ihrer Rücktrittsrede gesagt, das politische Klima sei heute vergifteter. Inwiefern?
Ich meinte nicht das Klima im Stadtrat. Wir haben heute eine Politik der Stichentscheide, das finde ich nicht gut für eine Demokratie, weil es die Hälfte ständig zu Verlierern macht und verhindert, dass über die Lager hinweg Kompromisse gesucht werden.

«Es ist nicht im Interesse der Stadt, dass Leute 25 Jahre im Amt sind.»

Wir hatten mehr Stichentscheide, stimmt. Aber die Ausgangslage ist seit einem Jahrzehnt dieselbe, in vielen Fragen entscheidet die GLP über Mehrheiten.
Es gibt aber einen anderen Umgangston. Es ist schon krass, was wir uns als Stadträte alles gefallen lassen müssen. Ich habe erst diese Woche dem Stadtpräsidenten gesagt, dass es mich trifft, wie er auf Facebook von manchen Leuten angegangen wird.

Einige Beobachter ziehen eine Parallele zwischen Ihnen und Chantal Galladé, die kurz nach ihrer Wahl zur Schulpräsidentin die Partei gewechselt hat.
Was hat das bitteschön miteinander zu tun?

Sie beide stellen die Karriere-Planung über die Treuepflichten des Amtes.
Ich bin seit meinem 18. Altersjahr für die SP tätig, mit extrem viel Freiwilligenarbeit, und letztes Jahr bin ich für die Präsidiumswahl hingestanden. Wenn man mir eines nicht vorwerfen kann, dann dass ich nicht loyal bin. Auch Ernst Wohlwend und Verena Gick sind übrigens während der Legislatur zurückgetreten.

Altershalber.
Muss ich mich nun auch noch dafür rechtfertigen, dass ich keine 60 bin! Die Verhältnisse haben sich geändert. Früher war ein Stadtratsmandat der Höhepunkt einer Laufbahn, man hat das gemacht, bis man pensioniert war. Als ich in den Stadtrat kam, war das Durchschnittsalter knapp über 40. Es ist aber nicht im Interesse der Stadt, dass Leute 25 Jahre im Amt sind. Man muss sich darauf einstellen, dass es häufiger solche Rücktritte wie meinen geben wird.

Erstellt: 05.04.2019, 17:58 Uhr

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