Kirchenglocken

«Wir sehen das als eine Anpassung an die heutigen Lebensgewohnheiten»

Weil sich Anwohner beschwerten, einigte sich die Stadtkirche mit ihnen, den Viertelstundenschlag in der Nacht auszusetzen. Kirchgemeindepräsident Andreas Schraft sagt, er wolle keinen Streit, sondern eine gute Nachbarschaft.

Die reformierte Kirche passt sich an und ermöglicht Anwohnern einen ruhigeren Schlaf.

Die reformierte Kirche passt sich an und ermöglicht Anwohnern einen ruhigeren Schlaf. Bild: Urs Jaudas

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Seit Beginn der Sommerferien bleibt der Viertelstundenschlag der Stadtkirche in der Nacht aus. Wie ist es dazu gekommen?
Andreas Schraft: Der Auslöser waren zwei Anwohner. Sie hatten die Stadt im letzten Jahr aufgefordert, sie solle dafür sorgen, dass die Stadtkirche die Nachtruhe einhalte. Im letzten Herbst wurden wir in der Sache kontaktiert, die dann in diesem Jahr Fahrt aufgenommen hat.

Gab es Lärmmessungen?
Nein, wir haben mit den Anwohnern und der Stadt das Gespräch gesucht und auf dieser Grundlage eine Lösung gefunden.

Der Viertelstundenschlag wurde von 22 bis 7 Uhr ausgesetzt, zur vollen Stunde schlagen die Glocken aber wie bisher. Ist das nicht inkonsequent?
Wir wissen, dass es Leute gibt, die den Zeitschlag schätzen und ihn vermissen würden, insofern handelt es sich um einen Kompromiss. Wir wollten beide Interessengruppen berücksichtigen, jene, die sich gestört fühlen, und die anderen, für die der Glockenschlag eine lieb gewonnene Gewohnheit ist.

«Wir wissen, dass es Leute gibt, die den Zeitschlag schätzen und ihn vermissen würden, insofern handelt es sich um einen Kompromiss.»

In einem anderen Punkt sind Sie den Anwohnern entgegengekommen: Das Betzeitläuten wurde von 6 auf 7 Uhr verschoben. Das wird vielen ein frühes Aufwachen ersparen.
Das stimmt. Das Betzeitläuten ist kein liturgisches Läuten. Es gibt keinen Gottesdienst, der dann stattfindet. Wir sehen die Verschiebung als eine Anpassung an die heutigen Lebensgewohnheiten. Es sind heute wenige Leute, für die der Tag schon um 6 Uhr anfängt. Die Stadt ist um diese Uhrzeit auch sonst noch sehr ruhig. Um 7 Uhr sieht das schon anders aus, und darum wird das Läuten dann auch nicht als Störung wahrgenommen.

Geht der Kirche also die Volksgesundheit vor, wenn kein wichtiges Zeremoniell auf dem Spiel steht?
Ich würde es eher so sagen: Dort, wo das Läuten keinen liturgischen Hintergrund hat, kann man miteinander diskutieren und Lösungen suchen, die den Ansprüchen der Kirche und den Ansprüchen an die akustische Umwelt gerecht werden. Wir sehen uns auch als Nachbarn, die an einem friedlichen Zusammenleben interessiert sind.

Diskussionen um das Glockengeläut gibt es in Winterthur schon lange. Die katholische Kirche hat einen mehrjährigen Streit mit Anwohnern geführt und lässt seit 2014 alle ihre Glocken in der Nacht ruhen. Haben Sie davon profitiert, dass der Mist quasi schon geführt war?
Da bin ich mir nicht sicher. Katholische und reformierte Kirche funktionieren total unterschiedlich. In der reformierten Kirche entscheidet jede der sieben Kirchgemeinden autonom. Mattenbach und Veltheim zum Beispiel haben schon vor uns Änderungen getroffen. Uns war es einfach wichtig, keinen Streit zu suchen und eine konstruktive Lösung zu finden.

«Ein Streit vor Gericht ist schlechter Stil unter Nachbarn.»

Andreas Schraft,
Kirchgemeindepräsident

Die Querelen zwischen Anwohnern und der katholischen Kirche in Mattenbach und Töss haben deutlich gezeigt, dass eine Konfrontation nichts bringt.
Das stimmt, und das haben wir auch gelernt. Aber nicht allein aus dem Konflikt der Winterthurer Katholiken. Dieselbe Geschichte spielte sich auch in anderen Gemeinden ab. Ein Fall in Wädenswil beschäftigte das Bundesgericht. Das ist das Geld und den Aufwand nicht wert. Und es ist auch schlechter Stil. Ich meine nicht einmal im Hinblick auf die Kirche. Es ist schlechter Stil unter Nachbarn.

Vor vier Jahren gab es in Winterthur einen Runden Tisch, um eine stadtweite Lösung zur Glockenfrage auszuarbeiten. Die reformierten Kirchgemeinden haben sich aus dem Prozess aber früh verabschiedet, mit dem Hinweis, es gebe keine Klagen. Im Rückblick war das ein Fehler.
Man kann das so sehen. Aber man kann es auch so sehen, dass wir in den sieben reformierten Kirchgemeinden autonome Kirchenpflegen haben, die eigenständig handeln.

Es mutet eigenartig an, auf Autonomie zu pochen, wenn die Kirche gleichzeitig auf eine grosse Zentralisierung zuläuft.
Das war damals noch eine andere Zeit. Aber ja, in den paar Jahren seither ist viel passiert. Es findet ein Lernprozess statt. Ich persönlich glaube, dass die Kirchen in Winterthur in den nächsten Jahren zusammenwachsen müssen.

Haben Sie sich in der Glockenfrage denn mit den anderen Kirchgemeinden abgesprochen?
Nein, wir haben genauso wie vor vier Jahren autonom entschieden.

«Ich glaube, dass die Kirchen in Winterthur in den nächsten Jahren zusammenwachsen müssen.»

Ohne die heutige Kleinteiligkeit der Gemeinden wäre man in der Glockenfrage bestimmt schneller vorangekommen.
Es wäre einfacher gewesen und man hätte sicher schneller Lösungen gefunden, wenn auch nicht unbedingt einheitliche, es gibt ja doch je nach Kirche noch unterschiedliche Ausgangslagen.

In Töss wird die reformierte Kirche die Glocken in der Nacht von 22 bis 6 Uhr ganz abstellen. Gegen den Widerstand der Anwohner wird aber am Frühgeläut um 6 Uhr festgehalten. Hand aufs Herz: Ist das klug?
Ich kann der Kirchgemeinde Töss nicht reinreden. Vielleicht sind sie aufgrund einer ähnlichen Diskussion zu einem anderen Resultat gekommen als wir. Aber es stimmt, wenn man disparat handelt in Bezug auf die Glocken, gibt das kein gutes Bild der reformierten Kirche ab.

Dieses Kleinklein strapaziert auch die Ressourcen der Kirchgemeinden. Ist ein gemeinsames Handeln überfällig?
Die heutigen, dezentralen Strukturen haben auch ihren Nutzen: Die Kirchenpflegen ist stark in den Quartieren verankert und nah bei den Menschen. Trotzdem denke ich, wenn wir nicht zusammenspannen und jeder alles im kleinen erledigt, vergeben wir uns eine grosse Chance, nämlich zu zeigen, was die Kirche alles macht, was ihr gesellschaftlicher Beitrag ist.

(Der Landbote)

Erstellt: 03.08.2017, 16:58 Uhr

Kirchengemeindepräsident Andreas Schraft hält nichts von jahrelangen Streitereien und zeigte sich kompromissbereit.

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