Winterthur

«Wir sind jetzt viel robuster aufgestellt»

Vor zwei Jahren litt die halbe Stapo-Spitze an Burn-out. Die neue Nummer zwei, Marcel Bebié, hat die Neuorganisation geleitet. Er erklärt, wie dies in Zukunft verhindert werden soll.

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Herr Bebié, die Stadtpolizei spricht von der «grössten Strukturreform in der Geschichte der Stadtpolizei». Ist das nicht etwas hoch gegriffen? Es wurden vier neue Stellen geschaffen.
Marcel Bebié: Es geht nicht nur um meine Funktion als stellvertrender Kommandant oder die 2,7 neuen Stellen im Innendienst. Wir haben in den letzten zwei Jahren fast 25 neue Führungspersonen einsetzen können. Das gab es bei der Stadtpolizei noch nie. Das neue Organigramm ist schlanker und robuster.

Vor zwei Jahren fielen diverse Polizeikader wegen Überlastung aus. Wie verhindern Sie, dass das in Zukunft passieren kann?
Wir sind jetzt so aufgestellt, dass jede Führungsperson einen Stellvertreter hat. Das war früher nicht so. Zudem wird die Arbeitslast auf mehr Schultern verteilt.

«Das neue Organigramm ist schlanker und robuster. Zudem wird die Arbeitslast auf mehrere Schultern verteilt.»

Neu geschaffen wurde die Hauptapteilung Operationen, die Sie selbst führen. Was kann man sich darunter vorstellen?
Sie ist gewissermassen das Hirn der Stadtpolizei. Hier sind die zentrale Nachrichtenbeschaffung und Analyse angesiedelt. Ausserdem kann sie rasch reagieren, wenn Probleme und Brennpunkte erkannt werden. Dann wird die Mannschaft in Marsch gesetzt.

So ein Analysezentrum gab es bisher nicht?
Nicht zentral, nein. Die Nachrichtenbeschaffung und Analyse war bei acht verschiedenen Diensten angesiedelt, die jeweils eigene Daten erhoben und Strategien ausarbeiteten. Das Kommando hatte kein Mittel für eine zentrale Steuerung.

Können Sie ein Beispiel geben, wo man diese zentrale Koordination künftig merken wird?
Etwa bei Grossanlässen wie dem Albani-Fest. Von diesem ist fast das ganze Korps betroffen. Die Wirtschaftspolizei erteilt Bewilligungen. Die Uniformpolizei stellt einen Festpolizei-Betrieb rund um die Uhr sicher. Das Lagezentrum ist gefordert, es muss Strategien für Bedrohungen, etwa durch Anschläge entwickeln. Die Kriminalpolizei behält die Taschendiebe im Auge. Die rückwärtigen Dienste stellen sicher, dass Anzeigen rasch bearbeitet werden können. Neu bringen wir all diese Parteien schon im Vorfeld zusammen. Früher gab es viele Einsatzbefehle für solche Grossanlässe, heute nur noch einen einzigen.

Und im Alltag?
Auch da bringt das Synergien. Durch die Velopolizisten oder Quartierpolizisten erkennen wir, wo sich neue Brennpunkte bilden und können rasch reagieren. Ich denke da an typisch urbane Probleme. Wir haben, wie andere Städte auch, einen Trend zur 24-Stunden-Gesellschaft. Da kommt es zu Nutzungskonflikten, Sachbeschädigung und Littering, aber auch zu Körperverletzungen. Wir möchten vermehrt Straftaten verhindern, abstatt hinterher die Scherben zusammenzuwischen.

«Personen, die immer wieder auffallen, sprechen wir bewusst an.»

Wie soll das gehen? Durch mehr Überwachung?
Nein, durch noch mehr Präsenz. Der Bürger soll die Polizei sehen und als Ansprechspartner wahrnehmen. Arbeiten unsere Leute im Büro, sieht sie niemand. Auf der Strasse haben sie allein durch ihr Auftreten eine präventive Wirkung. Jeder sollte «seinen» Quartierpolizisten kennen. Und dieser soll ruhig auch zu Fuss im Quartier unterwegs sein. Ein Gespräch ist der kurze Dienstweg, es geht viel schneller als eine Anzeige. Für den interkulturellen Dialog setzen wir auf «Brückenbauer».

Das allein wird aber nicht reichen, um alle Straftaten zu verhindern.
Wir haben den Bereich Prävention verstärkt und professionalisiert. Wir setzen verstärkt auf sogenannte Gefährderansprachen.

Wegen der Fundamentalismus-Thematik?
Auch, aber das Hauptbeispiel ist wohl häusliche Gewalt. Diese ist viel häufiger. Personen, die immer wieder auffallen, etwa weil sie auf dem Sozialamt Mitarbeiter bedrohen, Drohungen gegen Dritte ausstossen oder ein entsprechende Vorstrafenregister haben, sprechen wir bewusst an. Viele Personen, die Gewalttaten begehen, waren vorher jahrelang als Behördenschreck bekannt. Wir warten nicht, bis etwas Schlimmes passiert, sondern gehen zuhause verbei und suchen das Gespräch. Erstaunlicherweise machen diese Leute mit. Es ist ein sehr erfolgreiches Projekt.

Wie haben Sie innerhalb der Stapo eigentlich die Polizistinnen und Polizisten überzeugt, bei der Reform mitzuziehen?
Es ist kein Geheimnis, die meisten Polizistinnen und Polizisten stehen Veränderungen eher skeptisch gegenüber. Wir neigen dazu zu sagen: Das ging doch bisher auch immer so. Auch wenn es nicht mehr gut geht oder nie gut ging. Da helfen nur Fakten und sogenannte «Quick Wins», Massnahmen, die rasche Verbesserungen bringen.

Zum Beispiel?
Wir haben das Lagezentrum und die Einsatzzentrale innerhalb der Abteilung Operationen zusammengelegt. Diese Bereiche waren bisher räumlich getrennt. Das leuchtete den meisten ein. Auch die Bike-Polizei und die Quartierpolizei arbeiten wieder Seite an Seite. Sie gehörten historisch zur gleichen Abteilung und wurden durch eine Reorganisation auseinandergerissen. Weil sich zeigte, dass da viele Synergien verloren gingen, haben wir sie wieder zusammegeführt.

Wie erleben Sie die Stimmung im Korps heute?
Grossmehrheitlich positiv. Aber natürlich schafft jede Strukturreform auch Unsicherheit, das ist normal. Dafür sind wir da. Was Überlastungs-Situationen betrifft: Man soll niemals nie sagen, aber ein Szenario wie vor zwei Jahren dürfte sich nicht mehr ereignen. Wir sind jetzt sehr robust aufgestellt.

(Der Landbote)

Erstellt: 25.07.2018, 17:36 Uhr

«Roadmap 20»

Mehr Polizisten auch im Büro

Nachdem sich 2016 an der Spitze der Stadtpolizei die krankheitsbedingten Ausfälle häuften, setzte sich Sicherheitsvorsteherin Barbara Günthard-Maier (FDP) für Aufstockungen beim Kader ein.

«Historisch wurde vor allem bei den Polizisten an der Front aufgestockt», argumentierte sie. Auch die in einer Volksabstimmung bewilligte Aufstockung des Korps um 10,5 Stellen bis 2020 betraf allesamt «Front-Polizisten».

Der Gemeinderat bewilligte mit dem Budget 2017 die Stelle des stellvertretenden Kommandanten und mit dem Budget 2018 insgesamt 2,7 Stellen für Informatik, Rechtsdienst und Personalentwicklung.

Marcel Bebié

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