Winterthur

«Wir überschätzen Intelligenz»

Die bekannte Autorin und Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm war am Donnerstag Gast im StadTalk.

Die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm plädierte im Stadtalk für mehr Gelassenheit in der Erziehung.

Die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm plädierte im Stadtalk für mehr Gelassenheit in der Erziehung. Bild: Enzo Lopardo

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Warum die 68-jährige Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg in den Medien so präsent sei, wollte Moderatorin Deborah Stoffel wissen. Ob das allein an den 23 bislang publizierten Büchern liege. «Ich kann schwierige Sachverhalte einfach runterbrechen», erklärt sich Margrit Stamm ihre Popularität. Zudem stellt sie ihre Erkenntnisse aus Studien, ihre Referate und vieles mehr auf ihrer Website der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung. Es geht ihr um die Sache.

Begabung und Förderung sind ihre Forschungsschwerpunkte. Sie gebe keine Erziehungsratschläge, betont sie. Sie sei Wissenschaftlerin, führe Studien durch und leite daraus Erkenntnisse ab.

Als Beispiel nennt sie eine Bestandesaufnahme bei 400 Kindern in der Schweiz, bei denen die Lese- und Rechenfähigkeiten vor Eintritt in die erste Klasse untersucht wurden. Das Resultat habe eine Bandbreite von Unkenntnis bis zum Teil grossen Vorkenntnissen gezeigt. Dies habe die kantonalen Erziehungsdepartemente zu differenzierterem Unterricht mit Förderlehrkräften nicht nur für lernschwache, sondern auch für unterforderte Schülerinnen und Schüler veranlasst.

Förder- und Therapiewahn

Die ehemalige Primarlehrerin, die erst im Alter von 35 Jahren mit Studieren begann, freut sich zwar über die kantonalen Bemühungen, den Schülern einen – mittlerweile aus Spargründen meist schon wieder abgeschafften – individualisierten Unterricht angedeihen zu lassen, und sie honoriert die staatlichen Bemühungen der Frühförderung für Lernschwache oder Kinder aus bildungsfernem Elternhaus.

«Die überfachlichen Kompetenzen wie Frustrationstoleranz, Durchsetzungsfähigkeit, Fähigkeit zur Selbstwirksamkeit oder auch Arbeitshaltung sind wichtige Punkte, die heute in der Erziehung häufig vernachlässigt werden.»Margrit Stamm, Erziehungswissenschaftlerin

Aber sie kritisiert den zum Teil daraus entstandenen Förder- wie auch Therapiewahn und bedauert, dass aus diesen Förderbemühungen eine «Defizitperspektive» entstanden sei. «Wir überschätzen Intelligenz», sagt sie. Gute Noten seien nur die eine Seite der Medaille. «Die überfachlichen Kompetenzen wie Frustrationstoleranz, Durchsetzungsfähigkeit, Fähigkeit zur Selbstwirksamkeit oder auch Arbeitshaltung sind wichtige Punkte, die heute in der Erziehung häufig vernachlässigt werden.»

Mehr Gelassenheit

Stamm plädiert für mehr Gelassenheit in der Erziehung. Sie ruft Eltern dazu auf, egal aus welcher Bildungsschicht man stamme und in welcher Nachbarschaft und welchem Freundeskreis man sich bewege, seinem Kind Selbstverantwortung zuzutrauen und es darin zu unterstützen, ohne es zu überfordern.

Stamm selber kommt aus einer «intakten, aber rigiden» Arbeiterfamilie. «Rechtschaffenheit zählte, die Neugier auf Wissen nicht.» Sie habe lange Selbstzweifel gehegt. Früh habe sie zum Glück ihren Mann kennen gelernt, der ihr «die Welt gezeigt hat», in der sie sich habe entwickeln können. Dass sie nach acht Jahren Hausfrau und Mutter von zwei Kindern studiert und ihr Mann, der eine eigene Arztpraxis aufgebaut hatte, sein Arbeitspensum reduziert habe, konnten ihre Eltern nicht nachvollziehen und sie hätten auch später nie verstanden, was sie eigentlich an dieser Universität arbeite.

Mit wissenschaftlichen Studien hat Stamm später belegt, dass es für Kinder aus bildungsfernen Schichten wichtig ist, dass jemand, sei es ein Verwandter, die Partnerin oder eine Lehrperson, an sie glaubt, sie unterstützt, damit sie ihr Potenzial ausschöpfen können, wenn sie das denn wollen. Dass es aber auf der anderen Seite auch wichtig ist, Kinder aus Akademikerfamilien nicht zu überfordern und sie bei einem nicht akademischen Berufswunsch genauso zu unterstützen.

Erstellt: 28.06.2019, 16:43 Uhr

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