Winterthur

Wo Arbeitersiedlungen die Stadt gestalten

Das Geiselweid ist ein altes Arbeiterquartier mit kleinen Häusern. Trotz Zentrumsnähe hat es seinen Charakter bewahrt. Das berichtet eine Neuerscheinung über die Stadtgeschichte.

Das Geiselweid 1945, aus der Luft fotografiert, in Blickrichtung Norden.

Das Geiselweid 1945, aus der Luft fotografiert, in Blickrichtung Norden. Bild: Winbib

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Am Rand der Stadt und doch mitten in der Stadt», so lautet der Titel einer Broschüre, die sich mit dem Geiselweidquartier befasst. Es ist der vierte Band der Reihe «Winterthurer Bau-Geschichten», herausgegeben vom Heimatschutz Winterthur.Der beschriebene Stadtteil besteht zum grössten Teil aus Arbeitersiedlungen. Sie boten Wohnraum für die Werktätigen in den zahlreichen Fabriken im Quartier. Dies heben die Autoren Miguel Garcia und Reto Westermann als das Besondere im Geviert St.-Galler-Strasse, Tösstalstrasse, Oberer Deutweg und Adlergarten heraus.

Fabriken als Schrittmacher

Die Broschüre umfasst gleich viele Bildseiten wie Textseiten. Sie zeigt die Entwicklung im Geiselweid anschaulich. So stechen auf einer 100-jährigen Luftaufnahme drei grosse Industriebetriebe heraus. Dazwischen liegen ein paar Strassengevierte mit Wohnhäusern. Die Fabriken waren der Motor der Bebauung im Geisel­weid. Die Industrialisierung schuf Arbeitsstellen, lockte Menschen in die Stadt und zog damit eine grosse Wohnungsnot nach sich.

Um Wohnraum für Arbeiter zu schaffen, wurde in den 1870er- Jahren die Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser (GEbW) gegründet, im Volksmund schlicht die «billige Gesellschaft» genannt. Die Träger waren Industrielle ebenso wie wohlhabende Bürger. Diese sahen sich als Philanthropen, das heisst als Menschenfreunde. Sie wollten den einfachen Arbeitern und Arbeiterinnen helfen und ihnen Zugang zu einem eigenen, kleinen Häuschen verschaffen.

Politische Architektur

«Das war eine bewusste politische Strategie», sagt Garcia. Man habe die Arbeiter zu Eigentümern machen und damit verbürgerlichen wollen: «Das Bürgertum sah darin auch einen Schutz vor einer Revolution.» Die Gärten banden die Bewohner zudem an den eigenen Grund und Boden. Die Gartenarbeit beanspruchte viele Abende. Die Broschüre zitiert dazu den «Landboten» vom 20. April 1902: Ein solcher Garten sei «eine wahre Wohltat», die «den Familienvater das Wirtshaus gerne missen lässt». Nur waren eben die Wirtshäuser entscheidend für die politische Meinungsbildung in der Arbeitschaft. Sie stärkten auch den Zusammenhalt.

Der Plan, Einfamilienhäuser zu bauen, scheiterte aber zunächst an den Finanzen. Die Bodenpreise stiegen in Winterthur von etwa 1880 bis 1900 um das Zehnfache an. Darum musste die GEbW sich mit Mietshäusern begnügen. In dieser Zeit baute der Architekt Ernst Jung sämtliche Wohnhäuser der Gesellschaft und überhaupt zahlreiche bekannte Gebäude in Winterthur. Jung ent­wickelte für seine Arbeiterhäuser normierte Typen. «In Töss stehen noch heute dieselben Häuser wie im Geiselweid», sagt Garcia.

Arbeiten bis zum Umfallen

Die Idee des kleinen Einfamilienhauses für Arbeiterfamilien blieb jedoch wach. Nach der Eingemeindung der Vororte um 1922 legte sich der Stadtrat auf dieBebauungsform der Gartenstadt fest. In der Folge entstanden im Geiselweid neue Reihenhaussiedlungen. Auf ursprünglich städtischem Land errichteten die beiden Architekten Adolf Kellermüller und Franz Scheibler die Siedlung Eigenheim. Sie umfasst 90 Einfamilien- und 28 Zweifamilienhäuser. Ein normales Reiheneinfamilienhaus hat eine Grundfläche von nur 36 Quadratmetern, dazu ein Obergeschoss und ein Dachgeschoss.

Doch so bescheiden die Reihenhäuschen auch waren, in den 1920er-Jahren konnten sich Arbeiterfamilien ein solches Eigenheim nicht ohne weiteres leisten. Deshalb gab es die Möglichkeit, beim Bau des Hauses selbst Hand anzulegen und so die Kosten zu drücken. Wer am Ende ein Reihenhaus besass, hatte sich dafür dann aber bis auf die Knochen abgerackert: Als Eigenleistung wurden 860 Arbeitsstunden vorausgesetzt, dies bei einer Wochenarbeitszeit von 48 Stunden.

Die langen Reihen von kleinen Häusern und die Gartenareale dazwischen bewirkten eine weitläufige Stadtgliederung. Eine Radfahrt durch die Siedlung ergibt ein einzigartiges Raumerlebnis. Die Broschüre von Garcia und Westermann zeigt auch auf, wie es der kämpferischen Quartierbevölkerung in den 1980ern gelang, das Geiselweid vor einer Neuüberbauung weitgehend zu verschonen.

Die Broschüre «Am Rand und doch mitten in der Stadt» ist in der Buchhandlung Obergasse erhältlich. Sie kostet 15 Franken.

Erstellt: 18.01.2019, 09:46 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles