Winterthur

«Wollen Winterthurs Job-Motor werden»

Was als ZHAW-Startup begann, soll in den nächsten Jahren zu einem Unternehmen mit 200 Angestellten heranwachsen: Die Firma Winterthur Instruments will mit ihrem handlichen Lackmessgerät die Weltmärkte erobern.

Nils Reinke hat mit seinem Coatmaster Flex grosse Pläne. Das Gerät misst Lackdichten in Sekundenbruchteilen und auf den Mikrometer genau.

Nils Reinke hat mit seinem Coatmaster Flex grosse Pläne. Das Gerät misst Lackdichten in Sekundenbruchteilen und auf den Mikrometer genau. Bild: Madeleine Schoder

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Wann hat eine Luxus-Limousine eine Panne und bleibt stehen? Womöglich dann, wenn die Beschichtung einer Komponente im Innenleben des Autos ein paar Mikrometer vom Standard abweicht. Ein namhafter Hersteller musste deswegen kürzlich gegen 500 Wagen zurückrufen.

«Coat (engl. Schicht) does matter», in der industriellen Produktion definitiv. Denn nicht nur Autoteile und -karosserien werden beschichtet, sondern beinahe alles, was rosten kann, Motoren, Haushaltsgeräte, Möbel, Dosen und allerlei Verpackungen.

Auf die Qualität kommt es an

Jährlich werden weltweit mehrere Milliarden Tonnen an Beschichtungsmaterial versprüht. Für ein Unternehmen kann Lack, zu dick aufgetragen, zum Kostenfaktor werden. «Aber es geht vor allem um die Qualität eines Produktes. Die Beschichtung kann sich entscheidend darauf auswirken», erklärt Nils Reinke, der CEO der Winterthur Instruments AG.

Ist Leimschicht zu dünn aufgetragen, klebt sie zu wenig, ist sie zu dick, kann sie rissig werden, wie etwa bei den erwähnten Luxus-Karossen. Dort lösten sich deswegen Komponenten im Antriebsstrang, die Autos blieben stehen.

Mit ihrem Modell Coatmaster Flex, will Winterthur Instruments den globalen Markt erobern. Das Gerät, das aussieht wie ein handlicher Scheinwerfer mit Griff, misst die Dicke einer frisch aufgesprühten Schicht, noch bevor sie trocknet.

Das spart Zeit und Geld, und die Produktion stockt nicht, da der Hersteller seine Beschichtungsanlage viel schneller justieren kann. Der Faktor Zeit, aber auch die Präzision der gelieferten Daten macht den Coatmaster gemäss Reinke derzeit konkurrenzlos.

Mit Blitz zu Messdaten

Klick. Klick. In einem der Testlabore am Standort in Oberwinterthur blitzt es im Takt. Das Patent auf die mehrfach ausgezeichnete Technologie besitzt die Firma schon seit 2011. Ihr einzigartiger Ansatz: Sie misst thermodynamisch.

Das Verfahren funktioniert, vereinfacht gesagt, so: Die frisch aufgetragene Schicht wird abgeblitzt und dadurch äusserlich erwärmt. Die Wärmewelle fliesst in Richtung der (kälteren) Fläche, auf der die Flüssigkeit aufgetragen wurde. Der Coatmaster misst nun die Zeit, welche die Welle braucht, um die Schicht zu durchdringen. Daraus lässt sich deren Dicke berechnen.

«Eine unserer Stärken ist, dass wir mit dem thermodynamischen Ansatz besonders genaue und stabile Messdaten liefern», sagt der promovierte Physiker Reinke. Denn: Wärme fliesst senkrecht und damit gleichmässig. Die Daten werden online in die Cloud eines Serverzentrums gespiesen, dort verarbeitet und wieder zurückgeschickt.

«Wir hatten extrem viele Interessenten aus der Branche.»Nils Reinke, CEO der Winterthur Instruments AG

Als ZHAW-Startup ist Winterthur Instruments im Technopark gestartet und gewachsen. Den Prototyp hatten die damals zwei Ingenieure vor zehn Jahren innert weniger Wochen gebastelt. Diesen marktreif zu machen, dauerte Jahre.

Rund drei Millionen Franken an Förder- und Preisgeldern flossen in die Entwicklung, aber vor allem viel privates Kapital. Die Investoren glaubten an den Ansatz. «Wir hatten extrem viele Interessenten aus der Branche, die uns versicherten: ‹Genau das brauchen wir!›» Reinkes Kundenkartei zählt 15 000 Einträge, das Marktpotenzial ist riesig.

Bremsen, um durchzustarten

In einem Punkt hatten die Gründer die Branche allerdings falsch eingeschätzt. «Wir waren bereits einen Schritt zu weit», sagt Reinke.

Winterthur Instruments hatte ein vollautomatisiertes System entwickelt. Messgeräte, montiert an Roboterarmen, sollten das Lackieren von Hand einst vollständig ablösen. Viele Kunden reagierten skeptisch. «Sie wollten ein Gerät, mit dem sich hochpräzis von Hand messen lässt», sagt Reinke.

Also packte Winterthur Instruments ihre Technologie in das heute kleinste Produkt in der Palette, den Coatmaster Flex. Mit dem Handmessgerät will man in den nächsten fünf Jahren wachsen, und zwar rasant, von heute 50 auf 200 Mitarbeiter, wovon etwa die Hälfte in Winterthur arbeiten sollen.

In Oberi werden die Geräte schon heute zusammengebaut, mit Einzelteilen aus der ganzen Welt.

«Fühlen uns wohl hier»

Dem Standort halte man die Treue, sofern die Rahmenbedingungen weiter stimmten: Ein guter Pool an jungen Fachkräften und wohlwollende Behörden sprächen dafür, vor allem auch am Hauptsitz zu wachsen. «Wir fühlen uns wohl hier», sagt Reinke.

2011 ist Winterthur Instruments vom Technopark in ein Bürogebäude der Industriezone in Oberi gezogen, zwischen Technorama und Volg-Verteilzentrum. Als Reinke das Fenster öffnet, dringt der Lärm eines Lasters ins Zimmer, der gerade eine Ladung Kies entlädt. Die Hastag, ein Betonproduzent, hat seinen Sitz an derselben Adresse.

Dick auftragen an Fachmesse

Mit etwa 400 verkauften Geräten hat Winterthur Instruments bereits einen gewissen Umsatz erzielt. Der grosse Sprung nach vorne soll nun mit dem Coatmaster Flex gelingen.

Für die Marketing-Offensive und den Aufbau eines Logistik-Zentrums in Deutschland rechnet Reinke für die nächsten Jahre mit Investitionen zwischen fünf und acht Millionen Franken, etwa doppelt soviel, wie bisher in die Entwicklung floss.

Jetzt heisst es, Präsenz markieren, dick auftragen und Kunden akquirieren. An der nächsten Beschichtungsmesse im nächsten Frühling in Nürnberg trumpft Winterthur Instruments mit dem grössten Stand auf.

«Winterthur» fällt weg

Die Marke «Winterthur» fällt der Expansion aus marketingtechnischen Gründen aber zu Opfer. Winterthur Instruments soll in die Coatmaster AG umzufirmiert werden. Das Bekenntnis zum Standort bekräftigt Reinke aber nochmals, ruhig und bestimmt: «Wir wollen Winterthurs Job-Motor Nummer 1 werden.»

Für sein 50-Prozent-Pensum, mit dem Reinke bis Ende Jahr noch an der ZHAW lehrt, hat er dann definitiv keine Zeit mehr.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.08.2018, 17:32 Uhr

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