Flüchtlingshilfe

«Wir würden gerne etwas zurückgeben»

Zu Besuch bei zwei Familien und einem jungen Afghanen, die Glück hatten und über den Verein Viwo zu einer ­eigenen Wohnung kamen.

Die Familie Bagdhadin aus Syrien konnte von ihrer Holzhütte in der Kirche Rosenberg in eine eigene Wohnung umziehen, auch dank ihrer Begleiterin.

Die Familie Bagdhadin aus Syrien konnte von ihrer Holzhütte in der Kirche Rosenberg in eine eigene Wohnung umziehen, auch dank ihrer Begleiterin. Bild: Madeleine Schoder

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zita Haselbach wartet bereits vor dem Mehrfamilienhaus an der Zwinglistrasse in einem ruhigen Quartier in Mattenbach. Die Präsidentin des Vereins Viwo (siehe Artikel rechts) ist auf Zack. Wohlwollend lebt sie die Tugenden vor, die sie und ihre Helfer auch den Flüchtlingen vermitteln, die in eine eigene Wohnung eingezogen sind. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit gehören ganz einfach dazu. Eine Frau Mitte fünfzig empfängt uns mit gesenktem Blick. Sie und ihr Mann lächeln scheu, als sie in ihre neue 3-Zimmer-Wohnung hereinbitten. Hier leben die Okbazgies aus Eritrea seit knapp einem Jahr mit ihrem Sohn Michael. Dieser kam schon vor neun Jahren in die Schweiz, hat inzwischen einen C-Ausweis und arbeitet als Portier.

Wieder vereint: Die Familie Okbazgie aus Eritrea mit ihrem Begleiter Jakob Elmer (Mitte). Bild: Madleine Schoder

Im karg eingerichteten Wohnzimmer läuft der Fernseher. «Das ist eine Geste der Höflichkeit gegenüber dem Gast. Man will ihm den eigenen Fernseher nicht vorenthalten», erklärt Viwo-Vorstandsmitglied Jakob Elmer (72). Schon stehen auch Kaffee und Gebäck auf dem Tisch. Elmer begleitet die Familie und steht ihr bei alltäglichen Fragen mit Rat und Tat zur Seite: «Zum Beispiel habe ich ihnen nahegelegt, die Zahlung einer hohen Telefonrechnung nicht unnötig hinauszuzögern, um keinen Eintrag im Betreibungsregister zu riskieren.»

«Schön, dass wir als Familie wieder zusammenleben»

Noch leben die Okbazgies eher zurückgezogen, die Eltern sprechen kaum Deutsch. Die enorme Dankbarkeit, die er bei der Wohnungsübergabe gespürt habe, habe ihn sehr berührt, sagt Elmer. «Sie baten mich, sie in die nächstgelegene Kirche zu bringen. Dort fielen sie auf die Knie und beteten, um Danke zu sagen.» Vorher lebten die Eltern im Asylzentrum Hegifeld, das derzeit saniert wird. «Wir sind froh, dass wir als Familie wieder zusammen sind», sagt Michael. Auch seine Freundin denkt daran, bald einzuziehen.

Ortswechsel: In der Wohnung im Langgasse-Quartier stürmen drei Kinder an die Tür. Hier sind seit vier Monaten die Bagdhadis zu Hause. Die fünfköpfige Familie flüchtete aus Syrien und landete 2015 nach vier Zwischenstationen in Winterthur, wo sie sich in der Kirche Rosenberg eine Holzhütte teilten. «Gut war, dass die Kinder mit anderen spielen konnten» erzählt die Mutter, die gerade für die nächste Deutschprüfung lernt. Die fehlende Privatsphäre und der ständige Lärm hätten aber sehr an den Kräften gezehrt. «Hier, in der eigenen Wohnung, kann ich meine Kinder richtig erziehen. Vorher war Chaos.» Vermittelt hat ihnen die Wohnung ihre heutige Nachbarin Sabine Schneider-Zepackic.

Nach mehreren Monaten in der Asylunterkunft der Kirche Rosenberg hat der Verein Viwo der Familie Bagdadi nun eine Wohnung im Langgass-Quartier vermittelt. Bild: Madleine Schoder

Kennen gelernt hat sie die Baghdadis an einem Integrationszmorge. In das Fenster der eigenen Wohnung habe Schneider danach einen Zettel mit dem Aufruf «Syrische Familie sucht eine Wohnung» gehängt. Eine Nachbarin habe ihr dann einen Tipp gegeben, und mithilfe der Viwo wurde später alles abgewickelt. «Sobald wir können, wollen wir auch helfen, irgendwie, und etwas geben», sagt die Mutter. Diesen Wunsch höre sie von Flüchtlingsfamilien häufig, sagt Zita Haselbach. Die Viwo versuche dann, die Leute bei Hilfs- und Renovationsarbeiten einzubinden.

«Hier kann jeder ein- und ausgehen, wie er will»

Grüzenstrasse, gegenüber dem Schwimmbad Geiselweid: Die 85-jährige Regula Fischer winkt aus dem Fenster ihres Hauses. Ihre Spitex-Pflegerin hat sie auf den Verein Viwo aufmerksam gemacht. So kam es, dass der 24-jährige Afghane Atta vor sieben Monaten in die Mansardenwohnung gezogen ist. «Atta ist ein guter Untermieter, aufmerksam, höflich und sehr hilfsbereit», sagt die vife Dame.

Die 85-jährige Regula Fischer hat zu keinem Zeitpunkt bereut, ihre Dachwohnung an einen Asylsuchenden zu vermieten. Bild: Madleine Schoder

Anfangs habe er noch Angst gehabt, dass er die andern Hausbewohner stören könnte. «Ich habe ihm dann gesagt: ‹Atta, mach dir keine Sorgen, du kannst hier ein- und ausgehen, wie du willst.› Seither ist er richtig aufgeblüht», erzählt sie. Nach fünf Jahren im Hegifeld geniesst Atta, dass es still genug ist zum Lernen und dass er sich nach einem strengen Arbeitstag als Logistiker in den eigenen vier Wänden in Ruhe die Beine hochlegen kann. (landbote.ch)

Erstellt: 05.06.2017, 15:30 Uhr

Die Kirchen spannen bei der Flüchtlingshilfe zusammen

Der Verein Viwo kann nach eineinhalb Jahren unter dem Patronat der katholischen Kirche stolz Bilanz ziehen: 39 Wohnungen wurden an Asylsuchende vermittelt. Nun will man auch die Reformierten noch stärker einbinden.

Zwei Wohnungen pro Jahr. Mit diesem bescheidenen Ziel war der Verein gestartet. Inzwischen sind es 39 Wohnungen, die in Winterthur über Viwo an Asylsuchende vermittelt wurden. «Das ist ein riesiger Erfolg und übertrifft alle unsere Erwartungen», sagt Zita Haselbach (68), die Vereinspräsidentin. Zwanzig Jahre lang hat sie die Pfarrei St. Ulrich auf dem Rosenberg geleitet. Nach ihrer Pensionierung war für sie klar, dass sie sich verstärkt für Asylsuchende einsetzen würde.

Noch bevor sich 2015 die Flüchtlingskrise auf der Balkanroute immer mehr zuspitzte, entschied die Seelsorgekommission der Kirchenpflege, bei der sozialdiakonischen Arbeit mit dem Thema Flüchtlinge einen klaren Schwerpunkt zu setzen. «Über die städtische Abteilung Asyl haben wir dann erfahren, dass die Wohnungsvermittlung derzeit das mit Abstand dringendste Problem ist», sagt Haselbach.

Auf sich allein gestellt sind Asylsuchende auf dem Wohnungsmarkt fast chancenlos. Der Teufelskreis beginnt sich zu drehen: Ohne Wohnung keinen Job, und die Chancen sinken allgemein, sich erfolgreich zu integrieren. Haselbach kennt Personen, die über fünfzehn Jahre lang in der Asylunterkunft Hegifeld hängen geblieben sind. «Nach über 200 erfolglosen Wohnungsbewerbungen haben sie irgendwann aufgegeben.» Der Verein Viwo macht nun dreierlei: Er sucht auf dem Immobilienmarkt günstige Wohnungen, schreibt die Vermieter an, bürgt mittels Solidarhaftung für die Mieter und zahlt bei Bedarf eine Kaution. Der Verein steht unter dem Patronat der katholische Kirche Winterthur.

Weitere Helfer gesucht

Die derzeit 25 freiwilligen Helfer begleiten die Asylsuchenden bei der Suche, beim Bewerbungsprozess und auch während eines halben Jahres nach Bezug der neuen Wohnung. «Dass Mieter wie Vermieter am Anfang eine gemeinsame Ansprechperson haben, um offene Fragen oder Missverständnisse zu klären, hilft enorm», sagt Haselbach. Das Engagement der Helfer mache das Projekt erst nachhaltig. Doch die Betreuung fordert heraus und ist aufwendig. «Die einen Helfer begleiten länger, viele setzen nach ihrem ersten Fall erst einmal kurz aus», sagt sie. Daher sei der Verein laufend auf neue Leute angewiesen.

Über Mundpropaganda, Flyer, Aushänge in den Pfarreien und Artikel in der Kirchenzeitung «Forum» baute sich der Verein über die Monate ein kleines Netzwerk auf, zu dem vereinzelt auch Immo-Agenturen und Wohnbaugenossenschaften gehören.

Die 39 Wohnungen für 95 Personen, die man bisher vermitteln konnte, verteilen sich über die ganze Stadt. Über die Hälfte kam im ersten Halbjahr 2017 dazu. Massgeblichen Anteil an diesem Schub hatte die überkonfessionelle Zusammenarbeit. Die reformierte Kirche Rosenberg, die vor gut einem Jahr mit Holzhäuschen zur Asylunterkunft umfunktioniert wurde, spannte mit der Viwo zusammen und mobilisierte zahlreiche Helfer. «Selbst für Nothilfebezüger mit Status N haben wir so Wohnungen gefunden», sagt Haselbach. Ursprünglich wollte man sich aber auf Flüchtlinge mit Status F (vorläufig Aufgenommene) und B (anerkannt) konzentrieren, mit der Perspektive, längerfristig zu bleiben. Hinzu kommt der finanzielle Aspekt. Bei Status-N-Flüchtlingen, die lediglich Fürsorgegeld beziehen, trägt der Verein einen Teil der Mietkosten. Würde der Entscheid des Kantonsrats rechtskräftig (die Städte Zürich und Winterthur haben bereits das Referendum dagegen ergriffen), Asylsuchenden mit Status F nur noch Fürsorge-statt Sozialhilfe zu gewähren, stiege die finanzielle Last für den Verein erneut. Bisher sind nebst kirchlichen Beiträgen rund 24 000 Franken an privaten Spenden und 28 000 an Darlehen geflossen.

Reformierte mit dabei?

Heute sitzen im Viwo-Vorstand Haselbach als Präsidentin, ein pensionierter Unternehmensberater, der aktuelle Leiter der Kirche St. Ulrich, ein Architekt, eine Sozialarbeiterin und ein Finanzfachmann. Um die Vereinsstrukturen weiter zu professionalisieren, hat die Viwo eine 20-Prozent-Stelle für ein Sekretariat geschaffen. Nun will der Verein auch den reformierten Stadtverband ins Boot holen, der vermutlich noch diesen Monat einen Entscheid fällt und gegen 15 000 Franken einschiessen würde, um die neue Sekretariatsstelle mitzufinanzieren. «Die Chancen stehen gut, dass wir mitziehen», sagt Ueli Siegrist, der im Vorstand des Stadtverbandes sitzt.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Jetzt abonnieren!

Abonnieren und profitieren!

Jetzt abonnieren und profitieren!