Winterthur

Zum Stadtalk-Geburtstag die Jacquelin Badran-Show

Eine illustre Runde hat im Jubiläums-Stadtalk am Donnerstag über die Macht von Google und Facebook und über Terrorismus diskutiert – mit einer aufgedrehten SP-Nationalrätin Jacqueline Badran.

Zum Jubiläum durfte alles eine Nummer grösser sein. Der StadTalk wurde am Donnerstag ins Foyer des Volkarthauses verlegt. Und Talkrunden gab es gleich zwei.

Zum Jubiläum durfte alles eine Nummer grösser sein. Der StadTalk wurde am Donnerstag ins Foyer des Volkarthauses verlegt. Und Talkrunden gab es gleich zwei. Bild: Heinz Diener

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Es war eine kuriose Szene und wohl eine Premiere in der zwanzigjährigen Geschichte des Stadttalks: Mitten in der Diskussion entschuldigte sich Jacqueline Badran bei den drei anderen Podiumsteilnehmern und den Moderatoren und verschwand auf dem Klo, um dann mit einer Präsenz und Energie in die Diskussion zurückzukehren, als wäre sie keinen Moment weg gewesen.

Die SP-Nationalrätin und Internet-Unternehmerin kennt nur einen Betriebsmodus: 100 Prozent. Sie prägte die Debatte um Digitalisierung, die Machtkonzentration bei Google, Facebook und Apple und die Entwicklung des Terrorismus. Die beiden Moderatoren Christian Huggenberg und Michael Zollinger hatten den thematischen Bogen für den Jubiläumstalk weit aufgespannt.

Eine waghalsige Übung, die dank Badran und dem Tages-Anzeiger-Journalisten und ausgewiesenen Terrorismusexperten Kurt Pelda gut gelang.

Google: Fluch oder Segen?

Die beiden anderen auf dem Podium hatten es nicht leicht neben Badran und Pelda. Nina Wenger, Jungpolitikerin der Grünen, schlug sich wacker und mutig. Sie war geladen, weil sie 1998 geboren wurde. Sie ist so alt wie der Stadtalk und wie Google, was dem Talk seine Richtung vorgab.

Bei Google arbeitete einst auch Tom Hanan, der vierte Gast im Bunde. Er war der erste Mitarbeiter von Google in der Schweiz. Heute führt er ein eigenes Unternehmen mit 180 Mitarbeitern, das Konzerne in ihren Internetnutzungen begleitet. Hanan hatte auf dem Podium einen schweren Stand, weil sich Badrans Streitlust immer wieder an seinen Aussagen entfachte.

«Ich bin froh, dass mir keine ­Pampers-Werbung gezeigt wird.»SP-Nationalrätin Jacqueline Badran

Zum Beispiel als Hanan den Satz sagte, Google habe die Werbung im Internet relevanter gemacht. Gemeint ist eine Flexibilität beim Werbetarif: Passt die angezeigte Werbung sehr gut zur Suchanfrage, verrechnet Google dem Werbekunden weniger.

Badran sagte ironisch: «Klar ist die Kontextualisierung ein Segen, ich bin froh, dass mir als 56-jähriger Frau keine Pampers-Werbung gezeigt wird.» Wenn Sie aber die Webseite eines Hotels suche, erschienen die Seiten von Hotelvermittlern, «die die kleinen an die Wand drücken».

28 Milliarden Franken verdient Google jährlich mit Werbung, sagte Moderator Huggenberg und fragte, ob die Suchmaschine für Journalisten Fluch oder Segen sei. «Geld zu verdienen, ist an sich nicht anstössig», sagte Pelda. Und Goolge sei für ihn ein wichtiges Rechercheinstrument. Nur sei sein reales Einkommen als Journalist seit Jahren am Sinken.

Die Internet-Konzerne graben den Medien die Werbeeinnahmen ab. «Es ist eine besorgniserregende Entwicklung.» Das sieht Badran nicht anders: «Dem Journalismus fehlt das Geld, das ist ein fundamentales Problem, in einer direkten Demokratie brauchen wir einen guten Journalismus.»

Die Machtverhältnisse in der Meinungsbildung haben sich durch die sozialen Medien ohnehin verschoben. Damit ist die Frage nach Verantwortung und Zensur neu gestellt. Die Diskussion kreise derzeit zu sehr um die aktive Zensur, fand Badran, also die Entfernung von Hetze, Pornografie und Falschinformationen, welche die Politik von den sozialen Medien einfordert. Daneben gebe es die passive Zensur. «Man hat doch keine Ahnung, warum man aus seiner Facebook-Seite was zu sehen bekommt. Drei Weltkonzerne entscheiden heute darüber, was einen erreicht.»

Die Zukunft: rechter Terror?

Pelda liefern diese sozialen Medien den Rohstoff seine Recherchen. Tausende von Profilen hat er durchgesehen, um Akteure der Winterthurer An’nur Moschee ausfindig zu machen. Unterdessen ist die Moschee auch wegen seiner Recherchen geschlossen. Im Internet enttarnen sich die Terroristen quasi selbst, war eine Feststellung Peldas. Gleichzeitig wirken die sozialen Medien wie ein Katalysator für sie. Das Internet allein aber richte nichts an.

Es braucht einen charismatischen Prediger am Ursprung. So erklärte Pelda auch die Ballung von Islamisten in Winterthur. «Es hatte hier ein, zwei solche charismatischen Personen.» Pelda stellte die Stadtpolizei als naiv und überfordert dar. «Zum Glück haben wir den Föderalismus, und die Kantonspolizei, die das an die Hand nahm.»

Auch ein Ausblick war Gegenstand der Diskussion. Pelda identifizierte die Gefahren in einem «Backlash», in rechter Gewalt, die – «das klingt jetzt wie eine Verschwörung» – von Russland oder der Türkei in geopolitischen Machtspielen gefördert werden könnte.

Badran verortete die Gründe für die rechtsradikale Gewalt, etwa in Chemnitz, in sozialen Ungerechtigkeiten und rief den Generalstreik vor 100 Jahren in Erinnerung, als Beispiel für einen Aufstand des Prekariats.

Wenger äusserte ihre Hoffnung, dass die Internetgiganten und die Politik einen Konsens fänden und dass die durch Globalisierung und Migration hervorgerufenen Ängste nicht überhandnähmen.

Etwas optimistischer als der Rest der Runde blickte Unternehmer Hanan in die Zukunft: Die Kombination einer immensen Datenmenge mit künstlicher Intelligenz sei, bei allen Gefahren, eine grosse Chance.

Eine Erkenntnis blieb nach dieser Tour d’Ho­ri­zon auf jeden Fall hängen: Der Stadtalk lebt.

(Der Landbote)

Erstellt: 31.08.2018, 16:26 Uhr

20 Jahre Stadttalk

Die Keimzelle war das Albani

Am Donnerstag bot für einmal nicht die Coalmine, sondern das üppige Foyer des Volkarthauses die Kulisse für den StadTalk. Zum 20. Geburtstag durfte alles eine Nummer grösser sein. Auch die Talkrunde. Die beiden Moderatoren Christian Huggenberg und Michael Zollinger hatten zum Geburtstag nicht nur mehrere Talkgäste, sondern auch die vier Gründer der Show eingeladen, darunter Karin Landolt, die den StadTalk die ganzen zwanzig Jahre über ­begleitet hatte und am ­Jubi­läum unter grossem ­Applaus verabschiedet wurde.


Landolt war vor zwanzig Jahren PR-Verantwortliche des Albani und damit beauftragt, ein neues Publikum in den Musikclub zu locken. Mit Guido Blumer, dem damaligen Verleger des «Stadtblatts», entwickelten sie die Idee des StadTalks. Für die Moderation holten sie zwei Journalisten ins Boot: Thomas Möckli und Kathrin Bänziger. Ganz freiwillig beteiligten die sich aber nicht, wie sie in der kurzen Ehemaligenrunde ­sagten. Sie seien überredet, ja sogar gezwungen worden.


Den ersten Abend bestritt Kath­rin Bänziger. Ihr Gast war mit Viktor Giacobbo ein guter Bekannter. «Es war ein Gespräch unter Freunden», erinnerte sich Bänziger. «Eine totale Wohlfühlrunde, dabei hatten wir eigentlich anderes im Sinn.» Persönlich, fair, aber auch kritisch sollte der StadTalk werden.

Dass die Reihe zwei Jahrzehnte überdauern würde, damit hatte keiner der Gründer gerechnet. Hunderte Gäste sassen in dieser Zeit im Albani und später in der Coalmine auf der Bühne. Darunter Prominente wie Claude Nicollier, Eveline Widmer-Schlumpf, Walter Roderer, Ernst Sieber, Simonetta Sommaruga, aber auch weniger bekannte Menschen, die im StadTalk ihre Lebensgeschichten erzählten. Und mit diesem Konzept, leicht aufgefrischt, soll der StadTalk weitergehen.

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