Winterthur

Zusammen und doch allein – so empfanden Heimkinder ihr Sein

Das neue Buch «Zusammen alleine» ist ein lesbares und lesenswertes Stück Winterthurer Sozialgeschichte. Es will früheren Heimkindern eine Stimme geben – und das gelingt.

Blick vom Balkon der Heimleiterwohnung im Jugendheim Oberi, Mitte der 1970er-Jahre. Der Heimleiter hatte überall den Überblick.

Blick vom Balkon der Heimleiterwohnung im Jugendheim Oberi, Mitte der 1970er-Jahre. Der Heimleiter hatte überall den Überblick. Bild: Stadtbibliothek Winterthur

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22 Gespräche mit ehemaligen Winterthurer Heimkindern haben die beiden ZHAW-Forschenden Clara Bombach und Samuel Keller geführt, die längsten dauerten vier Stunden.

Und nicht immer sei das Gehörte leicht zu ertragen gewesen, sagen die beiden. Gelegentlich war ihnen zum ­Lachen zumute, manchmal zum Weinen. Und bei einigen Betroffenen, die ihnen ihre Heimgeschichte erzählten, habe der Blick zurück nach Jahrzehnten einen persönlichen Prozess ausgelöst: «Einige hatten ihren Angehörigen nie etwas von der Heimvergangenheit erzählt», sagt Keller.

«Einige der Interviewten hatten ihren Angehörigen nie etwas von der Heimvergangenheit erzählt.»Samuel Keller,
Co-Autor

«Zusammen alleine» heisst der Titel des Buches, das aus dieser ZHAW-Untersuchung hervorging. Der Titel entspreche ziemlich genau dem Empfinden vieler ehemaliger Heimkinder, sagte gestern Thomas Gabriel, der ­Leiter des ZHAW-Instituts für Kindheit, Jugend und Familie im Departement Soziale Arbeit. Der Stadtrat hatte die Studie 2013 in Auftrag gegeben, gestern war die Buchvernissage im Superblock. Es beleuchtet den Alltag in den Jahren 1950 bis 1990 in drei Winterthurer Kinderheimen.

Untersucht wurden das städtische Waisenhaus, das heute das Kinder- und Jugendheim Oberwinterthur ist, die Villa Büel, die bis 1984 als Durchgangsheim für Kleinkinder genutzt wurde, sowie das Töchterheim Sunnehus an der Tösstalstrasse bei der Villa Flora, das 1970 abbrannte und durch den Neubau ersetzt wurde.

Das Mitgefühl des Stadtrats

Die Untersuchung wolle weder Dinge schönreden noch anprangern, sondern sei eine historische Aufarbeitung des Heimalltags, sagte Stadtrat Nicolas Galladé (SP). Es sei viel Leid und Unrecht geschehen, gab Galladé zu und sprach den Betroffenen im Namen des Stadtrats sein Mitgefühl aus.

«Wir können nichts ungeschehen machen», sagte er, doch gebe es die Möglichkeit, dass sich Heimkinder an den Solidaritätsfonds des Bundes wenden. Gesuche sind bis Ende März möglich. Die Stadtarchivarin Marlis Betschart hilft beim Antragstellen.

«‹Zusammen alleine› – der Titel entspricht genau dem Empfinden vieler ehemaliger Heimkinder.»Thomas Gabriel,
Institutsleiter

Nebst 22 Betroffenen wurden vom Autorenteam auch elf ehemalige Angestellte interviewt ­sowie Akten einbezogen. Eine ­Zusammenstellung von 1965 zum Beispiel zeigt die «soziale Gliederung», wie es heisst, der 43 Kinder in Oberi: 1 ist Vollwaise, 6 sind Halbwaisen, 6 ausserehelich geboren, 21 Scheidungskinder, je 4 sind dort wegen Unfähigkeit oder Krankheit der Eltern, eines wegen Erziehungsproblemen.

Heimkinder sowie Angestellte von damals steuerten auch Fotografien zur Illustration des Buches bei, die wenn nötig anonymisiert wurden. Das Titelbild des Buches (Frontseite dieser «Landbote»-Ausgabe) zeigt einen ­Buben im Sonntagsgewand. Seine Schwester hatte 1968 eine Kamera geschenkt bekommen, ihr erstes Foto zeigt den Bruder auf dem Platz hinter dem Heim in Oberi.

«Das muesch, säb muesch!»

Die Interviewaussagen im Hauptteil des Buches haben die Autoren thematisch gegliedert. Dabei geht es um die oft prägenden Raumeindrücke der Heimkinder («Die eländ lange Träkt»), um den Heimalltag («Da isch ales dure­organisiert gsi»), um die Herkunft der Kinder («Eusi Mueter isch nöd e Nutte gsi») oder auchum Erziehungsgrundsätze («Du ­muesch, du muesch! Das muesch, säb muesch!»).

Ein Kapitel zeigt den Machtmissbrauch in den Heimen, sowohl die körperliche Gewalt als auch sexuelle Übergriffe. Kapiteltitel: «Di ganz schlimme Sache, die sind im Versteckte passiert.» Alle Aussagen der Interviewten sind bewusst in Mundart wiedergegeben, um den einstigen Heimkindern eine unverfälschte Stimme zu geben. Dabei sind durchaus auch positive Stimmen zu hören, Naturerlebnisse, Spiel und Sport etwa. Doch die negativen Äusserungen überwiegen.

«Zusammen alleine» ist erschienen als sogenanntes Neujahrsblatt der Stadtbibliothek, ko-produziert vom Chronos-Verlag: 220 Seiten, 44 Franken, erhältlich im Buchhandel und bei der Stadtbibliothek.

(Der Landbote)

Erstellt: 05.12.2017, 09:30 Uhr

Betroffene im O-Ton

In Mundart, damit sie echt gehört werden

«Min Vormund isch mich cho hole, s Köfferli packt, und mir sind dänn uf Oberi und chömed det ie, und ich ha s Gfühl gha: Ja, jetz muesch stärbe.»

«Wo mini Mueter uf Bsuech cho isch, da händs ire eifach gseit: Iri Chinde sind scho am Schlafe.»

«Es hät immer gheisse: Waisehüüsler! Und dänn isch d Schlegi losgange, oder. Ich meine, mir sind ja duretrainiert gsi, oder. Wil das isch s Einzige, wo mer hät chöne mache: Sport, oder.»

«Me hät nie e Fründschaft chöne entstah lah, wo mer länger hett chöne zämesii. Es isch au nöd erlaubt gsi. Au under ois nöd.»

«Und dänn häts naürlich massiv Schläg gää, oder, also massiv. Mer hät dänn gar nüme dörfe a d Öffentlichkeit, so blau bin ich gsi. Mit em Teppichchlopfer und mit em Stäcke, also blau!»

«Am Afang ischs ja no so gange, aber sobald dass er aagfange hät schlaa, dänn isch bi mir irgendöppis, es isch scho innerlich vil zerbroche, oder. Agfange häts ebe mit Schlaa, also massiv.»

«Am Schluss isch es vorcho, dass Aagstellti elteri Buebe usegholt händ zu sich is Zimmer.»

«Mer hät immer vo alem müese probiere, au wänn mers no so ghasst hät.»

«Wänns Fänchel gä hät oder so, häschs nöd gern gha und häschs nöd gässe, dänn häsch es zum Zmorge übercho, Wänns zum Zmorge nöd gässe häsch, häsch es zum Zmittag wider übercho.»

«Es isch nie langwilig gsi, gar nie.»

«Di Mittlere händ au ghulfe, di Chliine z erzieh. Und die Grosse händ ghulfe di Mittlere erzieh.»

«Mir händ üs scho chöne uustobe und Chind sii, das scho.»

«Mir sind nu entlaa worde, wil mer i d Lehr sind. Und de Heimleiter hät bim Uselaufe gseit, ich seg der Einzig, wo er wüssi, ich bestah d Lehr und das Zügs nöd.»

«Irgendwie bin ich nöd zrächtcho mit dere Ziit vom Heim use. Und ich ha niemert gha.»

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