Winterthur

Zwingli und die Reformation, mit Humor betrachtet

Ab Freitag wird in Wülflingen «Ein schöner Schwindel – ein humorvolles Freilichtmusical» aufgeführt. Die Proben dazu laufen auf Hochtouren und sind äusserst vielversprechend, wie ein Augenschein zeigt.

Bevor das Musical «Ein schöner Schwindel» auf die Freilichtbühne kommt wird innen im Kirchgemeindehaus geprobt.

Bevor das Musical «Ein schöner Schwindel» auf die Freilichtbühne kommt wird innen im Kirchgemeindehaus geprobt. Bild: Heinz Diener

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Nach einer intensiven Probewoche gehen die Laiendarsteller in den Endspurt. Kulissen gibt es im Kirchgemeindehaus Wülflingen zwar nicht, aber Licht, Musik und Kostüme: Mieder, Brust- und Schulterpanzer sind umgeschnürt, Hauben oder Barette aufgesetzt, Hellebarden ergriffen. Dann setzt sich unter Glockenklang und unter liturgischen Gesängen ein Trauerzug in Bewegung: Der Stadtpfarrer wird zu Grabe getragen. Nicht alle sind darüber traurig und bald wird in der Schenke hitzig diskutiert: Wird der obrigkeitshörige Pater Benedikt sein Nachfolger werden oder der kirchenkritische Täufer Felix?

Die lebenspralle Szenerie versetzt einen blitzartig und mit Leichtigkeit um fünfhundert Jahre zurück: Da ist der trinkfreudige Bäcker Johannes, die resolute Wirtin Mechthild, ihr etwas weltfremder Mann Malvin, der stumme Balko und die im wahrsten Sinne des Wortes schlagfertige Ziehtochter Ronja, die in einem zu Herzen gehenden Lied ihre «Heimatlosigkeit» besingt – und damit zu Tränen rührt. Es soll nicht das letzte Mal bleiben, denn neben der dramatischen Handlung spielt die von Jakob Schneider eigens komponierte Musik eine zentrale Rolle. Obwohl sie rockig und eingängig daherkommt (wie es sich für das Genre auch gehört), hat sich der Komponist nicht mit gefälligen Ohrwurm-Melodien begnügt, sondern auch kühnere Harmonien eingestreut. Diese stellen an die Solisten (Coaching: Dorien Wijn), den Chor (Leitung: Hansueli Bamert) und die achtköpfige Live-Band hohe Ansprüche, befriedigen dafür aber auch anspruchsvollere Zuhörende.

Mit Witz vermittelt

Auch das Libretto dieses «humorvollen Freilichtspiels» würzt Geschichtsvermittlung mit schrägen Tönen. Es erzählt zwar von möglichen Schicksalen aus der Reformationszeit, macht sich aber auch über die damalige «Ikone Zwingli» und das heutige, «kommerzialisierte» Reformationsjubiläum lustig. Zwingli selber aber kommt in diesem Musical gar nicht vor: Präsenz verleiht ihm ein Gaukler, der sich (aus der Not und im Suff) als Zwingli ausgibt. Das gelingt sehr einfach: Man braucht sich nur seinen Hut aufzusetzen und schon wird man als Held verehrt.

Mit verschiedenen Anachronismen stellt Autor Seraphin Schlager zudem aktuelle Bezüge zur Reformationszeit her. So wird etwa der Ablasshandel mit dem Handel von CO2 -Zertifikaten verglichen. «Sündigen tun sie immer noch und ein schlechtes Gewissen ist schnell bei der Hand. Mehr braucht der Ablasskrämer nicht», heisst es dazu im Text.

Die Inszenierung weckt mit ihren «tableaux vivants» (lebende Bilder) starke Emotionen: Man amüsiert sich über die Gauklertruppe oder das Beizenvolk, erschrickt über die dunklen Schergen des Landvogts oder ekelt sich vor dessen Intrigen; das geheime Treffen verhüllter Abtrünniger verursacht Gänsehaut und der Liebestod rührt (erneut!) zu Tränen. Doch auch die Seelennöte im Zwiespalt von Glaubens- oder Schuldfragen werden nachvollziehbar gemacht: Die Inszenierung trifft mitten ins Herz – ganz grosses Musiktheater, ganz grosse Gefühle!

Kirche liess freie Hand

Federführend beim Projekt sind Mike Dumitrescu (Projektleitung/Regie) und Seraphin Schlager (Buch/Regie), doch ein wichtiger Partner für die Realisierung ist der Stadtverband der Reformierten Kirche Winterthur, mit dem die beiden schon bei früheren Produktionen zusammengearbeitet hatten. Auf den Themenbereich Zwingli/Reformation sind sie selber gekommen: «Wir klopften mit unserer Idee vor drei Jahren mal beim Stadtverband an», sagt Dumitrescu, «Obwohl damals schon vieles zum Reformations-Jubiläum geplant war, stiessen wir auf offene Ohren.» Auch auf das weiter konkretisierte Konzept reagierte der Verband positiv: «Man liess uns inhaltlich weitgehend freie Hand, vorgegeben waren einzig die Reformationsthematik und der lokale Bezug», so Schlager. Natürlich habe man sich «bei gewissen Ideen noch finden müssen», aber die Zusammenarbeit habe sich sehr angenehm gestaltet und es sei ihnen viel Vertrauen entgegengebracht worden.

Junge Talente

Vor der Première haben sie zwar keinen Bammel, aber Respekt: «Wir sind zwar alte Hasen, doch für uns ist es die erste ganz grosse Kiste, das erste «richtige» Musical und zudem das erste Freilichtspiel», sagt Schlager. Deshalb sei man besonders froh, den Winterthurer Sounddesigner Andreas Brüll im Team zu haben: «Er bringt viel Erfahrung mit, unter anderem von der Walensee-Bühne.»

Dass dieses Musical das Publikum begeistern wird, liegt aber vor allem an den erstaunlichen schauspielerischen, gesanglichen und tänzerischen Leistungen der 18 Laiendarstellerinnen und -darsteller, die den Vergleich mit Profis keineswegs zu scheuen brauchen – und die alle sehr jung sind: Obwohl die Altersspanne der Teilnehmenden von 13 bis 72 Jahre reicht, dürfte das Durchschnittsalter bei Mitte Zwanzig liegen. Das passt, denn hinter dem Projekt steht der Musical- und Theaterverein Winterthur (MTW), der sich zum Ziel gesetzt hat, junge Menschen in ihren musischen Talenten zu fördern.

Aufführungen vom 30. August bis 15.September jeweils Fr bis So, Lindenplatz 12, Vorverkauf: www.einschoenerschwindel.ch/tickets oder bei Winterthur Tourismus

Erstellt: 26.08.2019, 16:26 Uhr

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