Winterthur

«Unser Konzept kam zu früh und war zu radikal»

Das Trade Center unten im Hotel Plaza ist zu. Das Konzept, bei Drinks gesellig an der Börse zu spekulieren, fand kein Publikum. Die Firma will weitermachen: mit Automaten in Kneipen.

«Viele Erkenntnisse gewonnen»: Sehattin Kavsuk.

«Viele Erkenntnisse gewonnen»: Sehattin Kavsuk. Bild: Madeleine Schoder

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Seit Anfang Juli sind die Türen des Trade Center im Erdgeschoss des Hotels Plaza an der Technikumstrasse verschlossen. Nur selten hatte sich im letzten Jahr ein Gast hierhin verirrt. Wer trotzdem in die Bar eintrat, sah Stühle um drei dicke Säulen drapiert, die voller Bildschirme und Touchscreens hingen: halb Spielsalon, halb Raumschiffkommandobrücke.

Die Idee, dass normale Menschen ohne Finanzhintergrund sich hier treffen, vom Bauarbeiter bis zur Schuhverkäuferin, um bei einem Getränk Rohstoffe und Devisen zu handeln, ist gescheitert. «Vorerst», präzisiert Sehattin Kavsuk. Etwa eine Million Franken hat seine Trade Center AG für den einjährigen Versuch abschreiben müssen. «Doch wir haben in dieser Zeit wertvolle Erkenntnisse gewonnen.»

Gastronomie vernachlässigt

Er sieht drei Hauptgründe, war­um das Trade Center nie richtig abhob. «Wir waren zu extrem», sagt er. «Wir haben von Anfang an achtzig Prozent der Fläche dem Traden gewidmet und die Gastronomie vernachlässigt. Es wäre klüger gewesen, als normale Bar zu starten mit nur einem Handelstisch und dann zu wachsen.»

Der zweite Bremsklotz waren die trägen Prozesse. Als ein «Landbote»-Journalist vor Jahres­frist einen Selbstversuch machte, musste er insgesamt viermal vorbeigehen, bis alles wunschgemäss funktionierte. «Diese Prozesse haben wir heute viel besser im Griff», sagt Kavsuk. Inzwischen sei es möglich, innerhalb einer halben Stunde ein Depot zu eröffnen, darauf Geld einzuzahlen und loszulegen mit dem Handeln. Und zwar auch, wenn man gerade keinen Wohnsitznachweis in Form einer Telefon- oder Stromrechnung mit dabei hat.

Das dritte Problem sei schliesslich das fehlende Marketing ­gewesen. «Wir haben quasi gar keine Werbung gemacht. Aber unser Konzept ist neu. Man muss es erklären.»

Recherche in Spielhöllen

Trotz des teuren Lehrgelds glaubt Kavsuk weiter an seine Idee. Und offenbar auch seine Geldgeber. Sie wollen nun einen Automaten entwickeln, der in Restaurants und Bars aufgestellt wird. Die Logik ist simpel: Wenn die Gäste nicht ins Trade Center kommen, muss das Trade Center dahin gehen, wo die Gäste sind.

«Wir haben eine Nische ge­funden», sagt Kavsuk. Börsen-Investments fallen nämlich nicht unters Geldspielgesetz. Und das Bedürfnis nach geselligem Zocken ist offensichtlich gross: Laut einer Schätzung des Bundes werden mit illegalen Glücks- und Wettspielen in Kneipen jährlich bis zu 250 Millionen Franken umgesetzt.

Kavsuk sagt, er habe sich in solchen illegalen Lokalitäten umgesehen. «Ich fragte mich: Warum gehen die Leute dahin, wenn sie die gleichen Spiele auch zu Hause spielen könnten? Die Antwort ist der soziale Aspekt.» Kavsuk und seine Geldgeber wollen diesen Kunden deswegen eine legale Alternative für ihr Feierabendspiel anbieten.

Zehn Automaten noch 2018

Noch in diesem Jahr sollen die ersten zehn Automaten aufgestellt werden. Die Wirte und das Servicepersonal sollen damit keine Arbeit haben. Der Tisch wird über einen berührungsempfindlichen Bildschirm gesteuert, registrieren sollen sich die Spieler per Kamera und Mikrofon in einem Callcenter. Der Wirt ist an den Gebühren beteiligt, die bei jedem Kauf oder Verkauf anfallen und die auch Einnahmequelle der Trade Centers darstellen.

Die Geschäfte im Trade Center sind sogenannte CFDs. Das heisst, es kommt ein Multiplikator zum Einsatz, der Hebel. Die meisten Kunden im Testbetrieb wählten einen Hebel von 100 oder 200. Steigt der Kurs um ein Prozent, so verdoppelt bzw. verdreifacht sich der Einsatz. Und abwärts geht es genauso schnell.

Eine Gefahr für Spielsüchtige? «Nein», findet Kavsuk. «Bei kleinen Einsätzen haben wir beobachtet, dass die Personen es tatsächlich als Spiel ansehen. Doch sobald es um grössere Beträge geht, informieren sie sich sehr genau und eignen sich in kürzester Zeit ein grosses Börsenwissen an.» Zudem liesse sich in Automaten sogar noch leichter als im Casino überwachen, wie oft Personen auf ihr Handelskonto beim Börsenmakler einzahlen. «Wenn der Betrag auffällig hoch ist oder wiederholt eingezahlt wird, können wir die Einzahlungen sperren, bis ein telefonischer Kontakt mit einem Mitarbeiter statt­gefunden hat», sagt Kavsuk. (landbote.ch)

Erstellt: 21.07.2018, 10:27 Uhr

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