Zürich

«Wenn wir fertig sind, ist nicht mehr viel da»

Sie arbeite mit Schaufel, Pickel und Bagger, sagt Stefanie Brunner. Die Archäologin leitet die Grabung Hegmatten.

«Für Archäologen stehen nicht Goldobjekte im Fokus»: Stefanie Brunner, Kantonsarchäologin.

«Für Archäologen stehen nicht Goldobjekte im Fokus»: Stefanie Brunner, Kantonsarchäologin. Bild: Marc Dahinden

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Ein Aussenstehender sieht hier, auf der Grabung Hegmatten, vor allem eine Menge Schlamm. Was sehen Sie?
Stefanie Brunner: Ich sehe Bodenverfärbungen. Dunkle Flecken können Hinweise dar­auf sein, dass hier früher einmal ein Haus oder ein Pfosten im Boden war. Im Frühmittelalter wurde vor allem mit Holz gebaut, deshalb finden wir hier keine Mauerreste.

Wie laufen die Arbeiten auf einer Grabung ab?
Zuerst wird mit dem Bagger grossflächig Erde abgetragen. Mit der Schaufel kämen wir bei einem Gelände von dieser Grösse nicht voran. Man baggert langsam horizontal ab, bis man erste Verfärbungen sieht oder, wenn es zum Beispiel eine römische Siedlung ist, erste Mauern.

Sind Sie mit der Zahnbürste unterwegs, so wie manche sich Archäologen vorstellen?
Nein, und auch nicht mit dem Pinsel. Bei der Feldarbeit braucht man gröbere Instrumente: Pickel, Schaufel und eine Kelle für feinere Arbeiten. Dabei müssen wir aber schon aufpassen, dass wir nicht zu beherzt drauflosarbeiten und Fundstellen ruinieren.

Sie finden zum Beispiel eine Scherbe. Was passiert dann?
Die Scherbe wird einem Befund – einer Grube, einem Haus oder einer Schicht – zugeordnet, danach wird sie gereinigt und dann mit anderen Scherben verglichen. So ist zum Beispiel eine Datierung meist möglich. Danach kommt sie ins Lager. Nur die wenigsten Fundstücke werden im Museum ausgestellt, man findet so viel.

Sie untersuchen aber nicht nur Scherben. Welche Schätze und Spuren im Boden sind für Sie sonst noch interessant?
Es gibt Befunde, also Spuren in der Erde von Behausungen, wie hier die Pfostenlöcher, die auf ebenerdige Wohnhäuser oder Zäune hindeuten können, und Grubenhäuser. Dann gibt es Fundmaterial, das nicht vor Ort dokumentiert werden muss. Dazu gehören neben Keramik zum Beispiel Werkzeuge, wie der Spinnwirtel, der hier gefunden wurde. Weiter Glas, Tierknochen und mit viel Glück pflanzliche Überreste, die etwas über die Ernährung oder das damalige Landschaftsbild aussagen können.

Filmarchäologe Indiana Jones findet immer wieder spektakuläre Schätze. Wie häufig macht man einen solchen Fund?
Was man spektakulär findet, ist natürlich sehr subjektiv. Laien haben häufig das Gefühl, wenn man Goldobjekte findet, sei ein Fund besonders spektakulär. Für den Archäologen steht aber anderes im Fokus. Wichtig ist, was das Fundobjekt aussagen kann. Dann kann je nach Umständen auch eine kleine, unauffällige Scherbe spektakulär sein. Auch die Grabung Hegmatten ist meiner Meinung nach spektakulär, weil es die grösste im Kanton Zürich zum Frühmittelalter ist und diese Epoche noch wenig erforscht ist.

Ihre Arbeit verzögert Bauprojekte und verursacht Kosten. Lohnt es sich, für eine Grabung eine Baustelle lahmzulegen?
Wir bemühen uns natürlich, dass die Bauarbeiten so wenig wie möglich verzögert werden. Lohnen tut es sich aber schon: Wenn wir eine Grabung durchführen, ist das ja immer die letzte Chance, die Funde zu sichern. Und je mehr Fundstellen man vergleichen kann, desto mehr Wissen über die Vergangenheit gewinnt man.

Wenn Sie fertig sind, zerstören Bagger die Grabung unwiderruflich. Schmerzt das nicht?
Das ist halt Alltag, wir sind daran gewöhnt. Und vieles machen wir ja bereits selber kaputt, indem wir Schichten abtragen und Fundmaterial sammeln. Wenn wir fertig sind, ist bereits nicht mehr viel da. Befunde, wie sie bei uns auf der Grabung vorkommen, lassen sich auch nicht konservieren, da es sich ja «nur» um Erdverfärbungen handelt. Schwieriger wirds bei gut erhaltenen Strukturen aus Stein, wo man vielleicht noch diskutiert, ob man sie erhalten soll. Das reut einen manchmal schon. (landbote.ch)

Erstellt: 16.09.2015, 10:48 Uhr

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