Winterthur

«Wie hätte es Sulzer gemacht?»

Der nächste Baustein auf dem Sulzerareal ist komplett: Die Architekten der ZHAW können bald in die frisch sanierten Hallen 189/191 einziehen. Diese kommt roh und chic daher – und führten die Bauarbeiter in einen verlassenen Stollen.

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Plötzlich war der Bauleiter über einen Stollen unter die benachbarten Bahngleise gelangt, sieben Meter unter Tage. «Ziemlich abenteuerlich» sei diese Entdeckung gewesen, erzählt Peter Schnider. Die alten Baupläne hatten diesen Gang lediglich angedeutet. Vom Gleiskorridor aus hatte die Firma Sulzer in den Kriegsjahren Torf und heimische Braunkohle von den Güterzügen abgeladen, über den Stollen zum Kohlebunkerturm gekarrt, über einen Lift bis ins oberste Geschoss transportiert und von dort aus zur Energiegewinnung in sechs riesige Trichter abgefüllt.

Es war eine Ersatzlösung. Weil die Deutschen im Krieg keine Braunkohle mehr lieferten, wie sie im Kesselhaus vergast wurde, musste Sulzer improvisieren.Bald ragen die massiven Trichter im Bunkerturm wie gigantische Beton-Zähne über kauenden Architektur-Studenten der ZHAW. Hier, im zweiten Obergeschoss der Halle 189 am westlichen Ende des Lagerplatzes, wurde die neue Mensa platziert, mit rotem Boden und hoher Decke (siehe Bild). Die Arealbesitzerin der Basler Stiftung Abendrot hat in den letzten zwei Jahren das Ensemble der Hallen 189/191 saniert. Gestern wurde es dem ZHAW Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen übergeben, dessen Herzstück die angebaute Halle 180 ist.

Viel Hülle, wenig Fassade

Wie schon bei anderen Projekten auf dem Lagerplatz wurde nach dem Prinzip «Viel Hülle, wenig Fassade» saniert. Energetisch soll es dem Minergiestandard genügen, darf aber wenig kosten. Ähnlich wie im Skillspark oder der Hochschulbibliothek spaziert man auch hier durch ein industrie-chices Gebäude – minimalistisch, nüchtern, roh und mit Narben übersät. Da und dort konnten die Architekten auch Akzente setzen.

Im Erdgeschoss leuchtet im neuen Vorlesungssaal ein himmelblauer Boden, und in den Büros im obersten 4. Stock sind Stützen und Balken in blassblau gehalten. Von dort aus geht der Blick über den ganzen Lagerplatz, hinüber bis zu den zwei Hochhäusern. Auffällig ist die glänzende Alu-Fassade. Auch sie entspricht dem Prinzip: Isoliert, aber günstig. 17,7 Millionen Franken investierte die Stiftung Abendrot insgesamt.

Umgekehrte Vorzeichen

Einige Eingriffe gingen aber auch richtig in die Substanz. So wurden durch die Wände der Betontrichter mehrfach durchbrochen und ein neuer Boden eingezogen. Es ist das neue Materiallager, der Keller ist im 3. Stock. Baustatisch boten sich für Architekten und Bauleiter noch weitere Knacknüsse. Im gleisseitigen Treppenhaus, das stark verbreitert wurde, mussten die nur gut zehn Zentimeter dicken Wände teils massiv verstärkt werden.

«Damals musste man beim Material sparen, dafür waren die Löhne tief. Heute ist es umgekehrt», erklärt der Architekt Alexis Ringli. Sulzer, das sei offensichtlich, habe so betriebswirtschaftlich wie nachhaltig geplant. Die Hallen seien vom Schnitt her so konzipiert gewesen, dass sie später in ein Bürogebäude hätten umfunktioniert werden können (was nie geschah). Funktional, aber bewusst repräsentativ habe Sulzer gebaut. Architektonisch habe man sich beim Umbau daher stets von der Frage leiten lassen: «Wie hätte es Sulzer gemacht?».

In zwei Wochen werden die Hallen eingeweiht. Danach können die Studenten und Forscher in den neuen Werkstätten loslegen – mit Blick auf eine Baustelle. Nebenan wird bereits am Mehrgenerationenhaus gebaut, dem Schlussstein des Areals. (Landbote)

Erstellt: 07.02.2018, 20:14 Uhr

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