Neftenbach

Wüste Szenen und ein Wiegenlied

Am Donnerstag informierten die Gemeinden und die Theaterleute in Neftenbach zum geplanten Gastspiel von Karl’s kühner Gassenschau. Darüber freute sich nicht jeder.

Über weite Strecken herrschte an der Infoveranstaltung zu Karl’s kühner Gassenschau in Neftenbach gute Laune – bis die Stimmung im Saal kippte.

Über weite Strecken herrschte an der Infoveranstaltung zu Karl’s kühner Gassenschau in Neftenbach gute Laune – bis die Stimmung im Saal kippte. Bild: Madeleine Schoder

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Theatergruppe Karl’s kühne Gassenschau sorgt schon zwei Jahre vor der geplanten Premiere in der Deponie Bruni zwischen Pfungen und der Tössallmend in Neftenbach für ein unfreiwilliges Spektakel. Im März schaltete die Interessengemeinschaft gegen Karl’s kühne Gassenschau, kurz IGG KKG, eine Website auf, auf der die anonymen Betreiber gegen die «Schnapsidee» protestieren und vor Lärm, Verkehr und Stress für die geschützten Eisvögel im Gebiet warnen.

In zwei Nächten im Juni wurden die Anwohner dann durch Kratzgeräusche aus dem Schlaf gerissen, die ein Baggerfahrer beim Entsorgen von Autobahnbelag auf der Deponie verursachte. Einige empfanden den nächtlichen Lärm als Vorgeschmack auf den geplanten Grossanlass, was wiederum die Politik auf den Plan rief. Im Juli reiste eine gemeinsame Delegation nach Olten, wo die Theatergruppe zuletzt spielte, um der Sache mit dem Lärm und dem Verkehr selbst auf den Grund zu gehen.

Alles kein Problem

Nach einem ersten Informationsanlass im Frühling in Pfungen fand am Donnerstagabend ein zweiter in der Mehrzweckhalle Auenrain in Neftenbach statt. Gut hundert Personen aus beiden Gemeinden folgten der Einladung. Nach einer musikalischen Begrüssung begann Urs Wuffli, Gemeindepräsident der Gastgebergemeinde, die einzelnen Punkte abzuhandeln: Lärm? «An der lautesten Stelle massen wir gerade mal 45 Dezibel.» Verkehr? «Die Autofahrer haben in Pfungen zu Fuss einen weiteren Weg als die ÖV-Nutzer.» Falschparkierer? «In Olten haben wir nicht einen einzigen gesehen.» Abfall? «Es war so sauber, dass ich mir überlegt habe, die Affenschlucht an die Gassenschau zu vermieten.»

Max Rütimann, Gemeindepräsident von Pfungen, nutzte die Gelegenheit, die anwesenden Neftenbacher zur Dorfet einzuladen, bevor er damit begann, die Vorteile des Grossanlasses für Pfungen herauszustreichen: ein breiteres Kulturangebot, Bekanntheit und «allenfalls einen positiven finanziellen Effekt».

Eine Pointe jagt die nächste

Brigitte Maag und Paul Weilenmann, beide Mitbegründer der Gassenschau, erzählten die Geschichte des einstigen Strassentheaters, das immer grösser wurde: «Wir haben von der Hand in den Mund gelebt. Mit dem Unterschied, dass in der Hand ein Hut mit Geld drin war», sagte Maag. Gefühlt jeder zweite Satz gipfelte in einer Pointe: «Man muss die Leute bewegen. Wenn man das nicht schafft, gibt es keinen Znacht.» Oder eben keine Bewilligung. Seit gestern liegen die Gesuche öffentlich auf, innerhalb der nächsten 20 Tage können die Einwohner von Pfungen den Baurechtsentscheid verlangen. Dieser ist Voraussetzung, um später Rekurs einzulegen.

Zum Programm sagte das Ensemble noch nichts. Dafür aber, dass es acht auf den Bahnhof ausgerichtete Lautsprecher sowie einen Soundcheck geben werde. Die Humorstrategie von Maag und Weilenmann schien aufzugehen; das Publikum hatten sie im Sack. Gemessen an der Stärke des Applauses waren die Befürworter in der Überzahl. An diesem Gesamtbild änderte auch der Mann nichts, der sich als direkter Anwohner aus Pfungen sowie Jurist vorstellte und die anschliessende Diskussion dominierte.

«So, jetzt reichts»

«Was bringt mir die Partnerschaft mit dem Karl?», wollte er von Gemeindepräsident Rütimann wissen. Obwohl er selbst minutenlang geredet hatte, unterbrach er diesen während der Antwort, um konkrete Garantien – etwa in Form von Steuersenkungen – zu fordern. Rütimann gab ihm wiederholt zu verstehen, dass dies nicht möglich sei: «Ich kann nur garantieren, dass die Vorschriften eingehalten werden.» Dies wiederum machte den Juristen wütend: «Ihr garantiert also gar nichts – ausser Lärm, Verkehr, Emissionen und einer geilen Show.»

Als der Mann auch noch einen Spruch über Rütimanns Schnauz machte, ging ein Raunen durchs Publikum. «Frechheit», «respektlos», war zu hören. «Vielleicht wollen auch andere noch etwas fragen», sagte Rütimann genervt. Sein Amtskollege Wuffli war weniger zimperlich: «So, jetzt reichts.» Nach einem zweiten, ebenfalls kritischen Anwohner hatte nur eine Befürworterin noch Lust, sich zu äussern: «Es ist schon komisch: Jeder will die Show sehen, aber nicht in der eigenen Nachbarschaft», sagt sie an ihre Vorredner gewandt.

Bei all dem Trubel vergass Wuffli fast, den musikalischen Ausklang anzukündigen: ein Wiegenlied aus dem aktuellen Stück der Gassenschau. Die sanfte Stimme der Sängerin, begleitet von Keyboard und Geige, verfehlte ihre Wirkung nicht: Beim Apéro wiederholte der erwähnte Jurist seine Argumente im Gespräch mit seinem Gemeindepräsidenten in einem Tonfall, den man fast schon als höflich bezeichnen konnte.

Erstellt: 24.08.2019, 08:42 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!