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«Wir sind keine Häftlinge – warum bringt man uns dorthin?»

Australien fliegt wegen des Coronavirus rund 250 Bürger aus der abgeriegelten Stadt Wuhan aus und interniert sie auf einer Insel im Indischen Ozean.

Viele Kinder erwartet nun das Leben im Internierungslager: Passagiere in Sidney. Foto: Keystone
Viele Kinder erwartet nun das Leben im Internierungslager: Passagiere in Sidney. Foto: Keystone

Die Maschine der australischen Fluggesellschaft Qantas ist auf der Militärbasis Learmonth an der Nordwestküste Australiens gelandet. Von den rund 250 Passagieren an Bord sind 89 Kinder unter 16 Jahren. Das australische Fernsehen zeigte Bilder von langen Schlangen, die Menschen mussten stundenlang auf den Abflug warten.

Endlich in Australien angekommen, ist ihre Reise aber noch nicht vorbei: Von Learmonth werden sie jetzt mit Militärflugzeugen in die entfernteste Ecke des Landes gebracht, auf die Weihnachtsinsel.

Im Naturparadies steht ein Internierungslager

2700 Kilometer ist das Eiland vom Festland entfernt, nach Indonesien ist es wesentlich näher, nämlich nur gerade 350 Kilometer. Er sehe keine andere Möglichkeit, sagte der australische Innenminister, er könne nicht einfach Hunderte Menschen zur Quarantäne in Spitälern aufnehmen. Andere Länder haben die Ausgeflogenen in Militärspitälern oder extra errichteten Zentren untergebracht.

Die Australier reisen also von Wuhan auf eine verwunschene Insel mitten im Indischen Ozean, die eigentlich auf die lange Liste von Touristenattraktionen gehören sollte: tropischer Regenwald, wilde, palmengesäumte Strände, Korallenriffe und rundherum strahlend blaues Meer. Doch die Weihnachtsinsel ist kein glücklicher Ort. In dem Naturparadies steht ein Internierungslager, umzäunt von einem hohen, elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun. Es gibt Bewegungsmelder, Kameras in jedem Raum.

Bereit für die Aufnahme der Evakuierten: Lagerzelt auf der Weihnachtsinsel. Fotos: Twitter
Bereit für die Aufnahme der Evakuierten: Lagerzelt auf der Weihnachtsinsel. Fotos: Twitter

Tausende Bootsflüchtlinge hatte Australien hier interniert. Die Anlage war lange komplett überbelegt, immer wieder gab es Selbstmorde, Hungerstreiks, Aufstände. Einzelne Häftlinge nähten sich aus Protest gegen ihre Behandlung die Lippen zusammen. Wegen der massiven internationalen Kritik wurde das Lager geschlossen, letztes Jahr aber wieder in Bereitschaft versetzt. Derzeit beherbergt die Anlage nur eine sri-lankische Familie, die hier gestrandet ist. Und eben die eintreffenden Australier aus Wuhan.

«Wir sind keine Häftlinge, warum bringt man uns dorthin?», fragt eine Frau.

Die meisten von ihnen sind zwar froh und dankbar, aus der abgeriegelten Stadt herauszukommen. Die Aussicht, ausgerechnet auf der Weihnachtsinsel in Quarantäne genommen zu werden, verunsichert aber viele. Das australische Fernsehen berichtet vor allem von chinesischstämmigen Australiern, die lieber in der Stadt bleiben, als auf die isolierte Insel gebracht zu werden: «Wir sind keine Häftlinge, warum bringt man uns dorthin?», fragt eine Frau. «Die Weihnachtsinsel ist noch unberechenbarer als Wuhan», sagt ein Mann, der seine Familie in der abgeriegelten Stadt hat.

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Manche werfen der Regierung vor, sie hätte keine so rigide Lösung gewählt, wenn es sich bei den Evakuierten vor allem um weisse Australier handeln würde. Die Regierung weist die Vorwürfe vehement zurück. Man entscheide nach rein medizinischen Gesichtspunkten.

Wenn alles gut läuft, werden die Menschen aus Wuhan nur 14 Tage auf der Insel verbringen müssen. Wird in dieser Zeit jedoch jemand in der Gruppe krank, werden die Tage wieder von vorne gezählt. Und eigentlich ist das Lager nicht ausgerüstet als Quarantänestation. Die medizinische Versorgung im Internierungslager hatte ebenfalls immer wieder negative Schlagzeilen gemacht. Deshalb hat die Regierung nun ein Feldlazarett auf die Insel bringen lassen, in dem die Neuankömmlinge behandelt werden sollen. Die blauen Zelte wurden die letzten Tage aufgebaut, medizinisches Personal eingeflogen.

In diesem Feldlazarett werden die Evakuierten behandelt.
In diesem Feldlazarett werden die Evakuierten behandelt.

Zu den nun rund 250 Menschen sollen die nächsten Tage noch einmal so viele dazukommen. Es werde einen zweiten Repatriierungsflug geben diese Woche, wurde den Menschen erklärt. Sicher ist das aber offenbar nicht mehr. Aussenministerin Marise Payne erklärte heute, sie könne nicht garantieren, dass es diesen Flug überhaupt geben werde.

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