Blockchain – kommt da noch was?

Der Hype ist vorbei, Belege für einen skalierbaren Nutzen sind selten. Weshalb Experten dennoch auf die Technologie setzen.

Ein Milliardengrab? Ein Mitarbeiter der Firma Alpine Mining in ihrer Schweizer Krypto-Mine bei Gondo. Foto: Keystone

Ein Milliardengrab? Ein Mitarbeiter der Firma Alpine Mining in ihrer Schweizer Krypto-Mine bei Gondo. Foto: Keystone

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Es ist ein Sinneswandel, der in der Blockchain-Szene Abwehrreaktionen provoziert. Drei Partner der Unternehmensberatung McKinsey & Co. konstatieren: «Trotz Milliarden Dollar an Investitionen und fast so vielen Überschriften bleiben Belege für den praktischen, skalierbaren Nutzen der Blockchain dünn gesät.»

Die Technologie, die mit der Kryptowährung Bitcoin in die Welt kam, sei nicht über die Prototypenphase hinausgekommen. Zwei Jahre scheint sich damit kaum etwas getan zu haben: So hat das Schweizer Beratungsunternehmen Deloitte die Blockchain schon Ende 2016 am Anfang einer «Standardisierungsphase» verortet.

Blockchain kommt nicht aus der Pionier-Phase

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Für viele Anwendungen – etwa im Zahlungsverkehr – sei Blockchain nicht die einfachste Lösung, meinen die McKinsey-Berater. Bisher werde die Technologie nur für Nischen, als Katalysator für die Modernisierung von Unternehmensprozessen und aus Reputationsgründen verwendet.

Noch 2016 seien Finanzdienstleistungen im Fokus gewesen. «Technische Probleme wurden gelöst, und die Regulatoren zeigten sich entgegenkommend», erzählen die Berater. Doch danach seien Fortschritte ausgeblieben. Statt Finanzdienstleistungen, für die die Blockchain ursprünglich entwickelt wurde, seien Lieferketten wohl das aussichtsreichste Anwendungsgebiet. Das bestätigt eine Umfrage bei Unternehmen.

Lieferkette statt Zahlungsverkehr

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In zahlreichen Projekten stockt der Geldfluss. Viele haben sich über die Ausgabe einer eigenen Kryptowährung (Coins) finanziert – die Summen erreichten teilweise mehrere Hundert Millionen Dollar. Das Volumen dieser Initial Coin Offerings (ICO) ist in den vergangenen Monaten völlig ausgetrocknet. Gute Projekte würden aber weiterhin Finanzierungen finden, meint Investor Heinrich Zetlmayer – die Hürden seien aber höher: «Die Projekte werden nun danach bewertet, wie viel Umsatz und Kunden zu erwarten sind.»

ICO sind eingebrochen

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Blockchain-Unternehmer Arno Laeven hält McKinsey vor, die neue Technologie nur als einfaches Werkzeug zu sehen, um bestehende Probleme zu lösen. Es gehe aber darum, eine Lösung für künftige Probleme zu entwickeln, etwa wenn Maschinen unabhängig von Menschen in der Wirtschaft agieren. Blockchain sei nicht einfach ein Werkzeug, sondern ein «Game Changer», schreibt Laeven.

Auch Jochen Möbert, Analyst bei der Deutschen Bank, sieht die Blockchain als ideales Instrument, «wenn es darum geht, Daten zuverlässig dezentral zur Verfügung zu stellen». Das sei besonders durch die Verbreitung von künstlicher Intelligenz enorm wichtig: «So kann man vermeiden, dass alle Fäden in einer Hand liegen.»


«Die Blockchain-Revolution ist nicht abgesagt.»
Jochen Möbert, Analyst bei der Deutschen Bank

Möbert ist aber auch nicht entgangen, dass bei den sogenannten Public Blockchains, das sind Lösungen wie Ethereum, die von der breiten Öffentlichkeit verwendet werden können, die selbst gesteckten Ziele verfehlt wurden. «Viele kluge Leute arbeiten dort mit, aber die Herausforderungen sind einfach sehr gross», sagt Möbert. Die Utopie der Enthusiasten könne weiterhin Realität werden, aber «wir befinden uns in einer Situation wie Anfang der Neunzigerjahre in der Entwicklungsphase des Internets.» Es könne Jahrzehnte dauern, bis sich die Anwendungen durchsetzen. «Die Blockchain-Revolution ist aber nicht abgesagt.» Private Blockchain-Projekte – die nur bestimmte Teilnehmer zulassen – könnten Erfolge vorweisen. «Um viele Projekte wurde es ruhiger, aber Finanzdienstleister arbeiten weiter daran», sagt Möbert. Dazu gehöre auch ein Projekt für den Zahlungsverkehr.

Nicht nur Technik fordert

Neben der technischen Entwicklung sieht Möbert die Herausforderung für Gesellschaft und Arbeitswelt als Hindernisse. «Was ich bei den Vordenkern vermisse, ist eine Idee, wie der Übergang von unserem hierarchischen Wirtschaftssystem zu einem Peer-to-Peer-System auf Basis von Blockchains gelingen soll.» Es fehlten Antworten, wie man die bestehenden Systeme ablösen kann, ohne grossen Widerstand zu provozieren. «Was passiert etwa mit Pensionsansprüchen, wenn wir Kryptowährungen verwenden?»

Die Blockchain-Entwicklung hat es in der öffentlichen Wahrnehmung schwer: Sie ist komplex und wenig griffig. Auch wenn es zum Siegeszug kommt, wird er wohl still und leise vonstatten gehen.



«Blockchain ist kein Nischenphänomen»

Heinrich Zetlmayer, Gründer von Blockchain Valley Ventures, beobachtet eine Professionalisierung der Szene.

Herr Zetlmayer, McKinsey-Berater kritisieren, dass viele Blockchain-Projekte nicht über die Pionierphase hinauskommen. Stimmt das?
Zweifel am Sinn von Blockchain werden immer wieder geäussert, auch wenn McKinsey natürlich ein besonderes Gewicht hat. Und es ist richtig, dass Anwendungen, die Geld verdienen, noch spärlich gesät sind. Aber es wäre ein Fehler zu glauben, dass kommerziell erfolgreiche Anwendungen noch lange auf sich warten lassen. Ein Beispiel sind Asset Tokens, bei denen Vermögenswerte über die Blockchain gehandelt werden können. Es gibt mehrere Handelsplätze, die vom Regulator zugelassen werden.

Aber macht sich nicht eine gewisse Enttäuschung in der Szene breit?
Wenn jemand erwartet hat, dass man innerhalb von einigen Monaten ein Milliardengeschäft aufbauen kann, dann war das sicher überzogen. Ein Vergleich mit der Geschichte zeigt, dass solche Entwicklungen etwas Zeit brauchen. Amazon wurde schon 1994 gegründet. Es dauerte viele Jahre, bis das Unternehmen so gross werden konnte. Die Verbreitung von Blockchain-Anwendungen wird vielleicht schneller vonstattengehen als beim Internet, aber nicht innerhalb von Monaten. Es wäre ein Fehler gewesen, die Entwicklung von Internet-Geschäftsmodellen 1996 wegen des mangelnden kommerziellen Erfolgs abzubrechen.

Es heisst, dass die Blockchain nur in wenigen Fällen die passende Lösung ist.
Es ist falsch, wenn die Anwendungen als Nischenphänomen abgetan werden. Aber vieles wird im Hintergrund ablaufen. Anwender bekommen dann gar nicht mit, dass sie mit einer Blockchain interagieren.

In den vergangenen Jahren ist durch Initial Coin Offerings viel Geld in Projekte geflossen. Diese Quelle ist nun ausgetrocknet. Verlangsamt das nicht die Entwicklung?
Das Volumen der ICO ist tatsächlich ab dem dritten Quartal 2018 eingebrochen. Im Boom waren auch viele unsinnige Projekte darunter. Danach kam es zu einer Konsolidierung und Professionalisierung. Investoren sind weiter an Projekten interessiert, die die Blockchain nutzen. Sie werden nun nach dem klassischen Ansatz bewertet – nach Umsatzerwartung und Kundenbasis. Das sind oft Unternehmen, die schon ein bestehendes Geschäftsmodell haben und es mit der Blockchain verbessern wollen.

Erstellt: 24.01.2019, 13:59 Uhr

So funktioniert die Blockchain

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Mit der Kryptowährung Bitcoin kam 2009 auch die Blockchain in die Welt. Sie ist ein Register, das alle Transaktionen auf Knotenpunkten im Netzwerk abspeichert.

Die Innovation ist dabei, dass die Kette von Einträgen nicht im Nachhinein manipuliert werden kann. Es braucht keine zentrale Instanz, etwa eine Bank für die Kontoführung, um die Richtigkeit der Aufzeichnungen zu gewährleisten. Die Vision der Blockchain-Enthusiasten ist, dass viele solcher Mittelsmänner wegfallen. Weiter geht die Idee, Smart Contracts – automatisch überprüfbare Verträge mit eingebauter Logik – auf der Blockchain abzuspeichern. Im Extremszenario würden sich dezentrale Organisationen durchsetzen, die allein über eine Blockchain-Logik funktionieren.

Kritiker bemängeln, dass in vielen Fällen die zentrale Instanz nicht durch eine Blockchain ersetzt werden muss, da es kein Vertrauensproblem im bestehenden Geschäftsablauf gibt. Kann einem Akteur mit der Pflege der Daten vertraut werden, reicht eine normale Datenbank, die schneller und günstiger ist als die dezentral und redundant aufgebaute Blockchain.

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