Das sind die Kandidaten für den SBB-Chefposten

Andreas Meyer tritt als Chef der Bundesbahnen ab. Was sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin mitbringen muss, ist bereits definiert.

Nach ereignisreicher Fahrt zieht er sich aus der Konzernspitze zurück: SBB-Chef Andreas Meyer, hier in einer Porträtaufnahme aus dem Jahr 2011. Foto: Noë Flum (13 Photo)

Nach ereignisreicher Fahrt zieht er sich aus der Konzernspitze zurück: SBB-Chef Andreas Meyer, hier in einer Porträtaufnahme aus dem Jahr 2011. Foto: Noë Flum (13 Photo)

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Mitten in einer Krise machte SBB-Chef Andreas Meyer gestern nach fast 13 Jahren an der Spitze seinen Abgang publik. Freiwillig, wie er sagt. Mit den momentanen Problemen nach dem Unfall habe sein Abgang nichts zu tun. Die vergangenen Monaten waren nicht einfach für die Bundesbahnen, sie kamen nicht mehr aus den Negativschlagzeilen heraus. Der Tiefpunkt war der tödliche Unfall eines Zugbegleiters vor einem Monat.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga bestätigte an einer eigens einberufenen Medienkonferenz, dass der SBB-Chef sie schon im Frühling über seine Rücktrittsabsichten informiert habe. «Ich habe Verständnis dafür, dass er nach 13 Jahren an der Spitze der SBB nun noch etwas anderes tun möchte», sagte sie. Meyer habe grosse Verdienste in Bezug auf die SBB und den öffentlichen Verkehr in der Schweiz, heisst es in einer Erklärung der Verkehrsministerin. Er habe die SBB modernisiert und mehr Geld für den Unterhalt beschafft.

«Ich habe Verständnis dafür, dass Meyer nach 13 Jahren an der Spitze der SBB noch etwas anderes tun möchte.»Simonetta Sommaruga?
Verkehrsministerin

Martin Candinas, Bündner CVP-Nationalrat und Mitglied der Verkehrskommission des Nationalrats, bedauert den Abgang von Meyer. Er habe grosse Projekte angestossen und erfolgreich umgesetzt. «Aber als Manager macht man sich nicht nur Freunde», findet Candinas, «das gehört zur Aufgabe eines Konzernchefs.»

Im Jahr 2020 wird Meyer seinen Posten bei den SBB an einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin übergeben. Wann genau, steht noch nicht fest. Klar ist bereits, dass die Nachfolge einige Baustellen zu betreuen hat. So etwa die Pünktlichkeit, die gerade auf der Ost-West-Achse zu wünschen übrig lässt, aber auch Themen wie Lokführermangel oder Sicherheit im Bahnverkehr.

Wird es eine Frau?

Die Suche nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin für Meyer läuft denn auch schon. Der Verwaltungsrat hat in den vergangenen Monaten bereits ein Profil für die Nachfolge beim Personalberater Guido Schilling erstellen lassen. Präsidentin Monika Ribar umreisst dieses Profil folgendermassen: jemand, der einen solch grossen Konzern mit 33000 Mitarbeitern führen kann, sich der speziellen Rolle der SBB in der Schweiz bewusst ist, sich aber auch mit der Politik arrangieren kann. Erfahrung bei Bahnunternehmen sei hingegen nicht das wichtigste Kriterium. «Wenn aber jemand das Bähnler-Gen in sich trägt, dann noch so gerne», sagt Ribar.

Ein möglicher Nachfolger ist Renato Fasciati, derzeit Direktor der Rhätischen Bahn. Der 44-jährige Engadiner hat nach seiner Ausbildung an der Universität St. Gallen bei den SBB unter anderem als Leiter Unternehmensentwicklung gearbeitet, bevor er Geschäftsführer der Zentralbahn in der Innerschweiz wurde. Dort steigerte er mit neuen Zügen und Bahnhöfen innert fünf Jahren die Nachfrage um 30 Prozent.

Renato Fasciati ist derzeit Direktor der Rhätischen Bahn. Foto: PD

Bei seinem Abgang vor drei Jahren sagte er in einem Interview mit Radio SRF, er habe es nie bereut, nicht ins Banken- oder Versicherungsgeschäft eingestiegen zu sein. «Ich bin mit Haut und Haaren Eisenbahner, und es ist eine Herzensangelegenheit.» Fasciati ist bestens vernetzt in Branchenverbänden des öffentlichen Verkehrs und vertraut mit dessen politischer Seite. Für ihn sprechen zudem acht Jahre Erfahrung an der Spitze eines Bahnunternehmens.

Ebenfalls aus der Unternehmensentwicklung der SBB stammt Cornelia Mellenberger. Sie leitete diese Abteilung bis Ende 2018. Seither ist sie Leiterin Fernverkehr und Mitglied der Geschäftsleitung Personenverkehr der SBB, des grössten Geschäftsbereichs der SBB. Die 40-Jährige kam 2009 vom Beratungsunternehmen PriceWaterhouseCoopers zu den Bundesbahnen und bringt breite Erfahrung aus dem In- und Ausland mit. Sie durfte sich auch schon in den Medien zu Wort melden, ein Zeichen für ihre starke Stellung innerhalb der SBB und das Vertrauen von Noch-Bahnchef Andreas Meyer.

Im Gespräch für die Nachfolge: Cornelia Mellenberger, Leiterin der Abteilung Unternehmensentwicklung der SBB. Foto: SBB

Ein Name, der immer wieder für die Nachfolge fällt, ist jener von Jeannine Pilloud, allerdings vor allem weil Beobachter davon ausgehen, dass sie es sich vorstellen könnte. Pilloud leitete von 2011 bis 2017 den Bereich Personenverkehr, verliess ihren Chefposten jedoch im Streit mit Andreas Meyer. Danach vertrat sie die SBB in Branchenverbänden. Dieses Frühjahr wollte sie Präsidentin des Migros-Genossenschafts-Bundes werden, scheiterte aber an der Delegiertenversammlung. Seit kurzem ist die 55-Jährige Verwaltungsratspräsidentin und Chefin des Technologiekonzerns Ascom.

Weiterer möglicher Nachfolger Meyers ist etwa Bernard Guillelmon, seit elf Jahren Vorsitzender der Geschäftsleitung der BLS. Der Ingenieur mit Jahrgang 1966 hatte zuvor leitende Positionen bei den SBB inne und sitzt heute in mehreren Verwaltungsräten im In- und Ausland, unter anderem jenem der Immobilienfirma Mobimo und des französischen Güterkonzerns Ermewa, welcher der französischen Staatsbahn SNCF gehört.

Aus der gegenwärtigen Konzernleitung werden einem zweiten Romand Chancen auf die Nachfolge von Andreas Meyer nachgesagt. Der 52-jährige Jacques Boschung ist seit diesem Jahr Leiter Infrastruktur bei den SBB. Er kam vom Technologiekonzern Dell zum Unternehmen. Dort war der aus Freiburg stammende Physiker verantwortlich für globale Allianzen und Telecomfirmen in Europa, Arabien und Afrika.

«Er soll die Probleme lösen»

Klare Vorstellungen, was ein Nachfolger mitbringen muss, hat auch Claude Janiak, Baselbieter Ständerat und Präsident der Verkehrskommission. Er war seit dem Sommer über den Abgang Meyers informiert. «Der Rücktritt hat persönliche Gründe», sagt er auf Anfrage. Der Zeitpunkt der Bekanntmachung habe vermutlich damit zu tun, dass Meyer genügend Zeit wolle, um noch mehrere Projekte abzuschliessen. Die Nachfolge müsse sich mit Mobilitätsthemen auskennen, das gehöre zur «Grundausstattung». Die Person müsse jedoch nicht zwingend aus einem Bahnunternehmen stammen.

Für die Gewerkschaft SEV ist klar, was der künftige Chef leisten muss: «Die SBB müssen wieder ein Symbol für schweizerische Identität werden», unterstreicht Präsident Giorgio Tuti. Ihr «angeschlagenes Image» werde nur mit einem guten Kerngeschäft wiederhergestellt.

Noch verstreicht aber Zeit, bis Andreas Meyer tatsächlich das Zepter weitergibt. Diese muss er nutzen, um einen möglichst guten Betrieb zu übergeben. «Die SBB haben Probleme mit der Sicherheit und der Pünktlichkeit», sagt der Aargauer FDP-Verkehrspolitiker Thierry Burkart. Ihr Image in der Bevölkerung habe gelitten. «Ich erwarte von Meyer, dass er in seiner verbleibenden Zeit als Chef diese Probleme löst.» Er dürfe keinesfalls Entscheide vor sich herschieben, weil er nicht mehr lange im Amt sei. «Sonst bekommen die SBB noch ein zusätzliches Problem.»

Der Berner SVP-Nationalrat Adrian Amstutz ist sicher, dass die Probleme bei den SBB noch zunehmen werden. 1 Million mehr Menschen in 13 Jahren vertrage die kleine Schweiz nicht, weder auf der Strasse noch auf der Schiene, sagt er auf Anfrage. «Man erwartet jetzt Wunder von den SBB, die sie nicht liefern können», findet Amstutz.

Erstellt: 04.09.2019, 22:47 Uhr

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