Der Gegenentwurf zum harten Franken

Die schwedische Krone ist dem Franken frappierend ähnlich und dennoch chronisch schwach. Warum die Schweden gut damit fahren.

Ein Verfall in Raten: Die Schwedenkrone ist dieses Jahr die mit Abstand schwächste Währung aus der Gruppe der vierzehn meistgehandelten Devisen.

Ein Verfall in Raten: Die Schwedenkrone ist dieses Jahr die mit Abstand schwächste Währung aus der Gruppe der vierzehn meistgehandelten Devisen. Bild: Bob Strong/Reuters

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Stefan Ingves ist nicht zu beneiden. Lange stand der Chef der schwedischen Riksbank wegen der Einführung von Negativzinsen und der Bilanzausweitung in der Kritik, ähnlich wie sein Schweizer Kollege Thomas Jordan. Jetzt aber muss Ingves eine weitere Schelte über sich ergehen lassen. Er habe mit seiner Stimuluspolitik ein «Krone-killendes Monster» geschaffen, lautet das Verdikt der Nordea Bank. Ex-Premier Göran Persson fordert die Einführung des Euros.

Mit der Schwedenkrone geht es bergab. Sie ist dieses Jahr die mit Abstand schwächste Währung aus der Gruppe der vierzehn meistgehandelten Devisen. Zum Dollar hat sie sich 8 Prozent abgewertet und wird noch zu 9.60 schwedischen Kronen pro Dollar gehandelt. So schwach war sie zuvor nur nach dem Platzen der Dotcom-Blase 2001. Gegenüber dem Franken notiert sie auf historischem Tief. Seit 1992 hat der Wert der Krone von 26 auf kaum mehr als 10 Rappen. abgenommen.

Langfristiger Abwärtstrend

Für die aktuelle Kroneschwäche sind die Erklärungen schnell zur Hand: Die im Dezember begonnene Normalisierung der Geldpolitik – die Riksbank erhöhte die Leitzinsen von –0,5 auf –0,25 Prozent – ist wegen der jüngsten wirtschaftlichen Abkühlung ins Stocken geraten. Weitere Zinserhöhungen sind vom Tisch, und die Rückführung des auf 350 Milliarden sKr. (35 Milliarden Franken) angehäuften Anleihenportfolios muss warten.

Ausserdem sei die schwedische Volkswirtschaft eine der offensten der Welt und leide überproportional unter dem Nachlassen des Welthandels und dem Handelsstreit, sagt Alex Rohner, Anleihenstratege der Bank J. Safra Sarasin. Die schwedische Konjunktur schwankt stärker als die schweizerische, zeigen die Daten. In guten Jahren ist ein Wachstum von 4 Prozent und mehr keine Seltenheit, in schlechten Zeiten aber gleitet die schwedische Wirtschaft auch schnell in eine Rezession.

Über die Ursachen der langfristigen Kroneschwäche besteht weniger Klarheit. Selbst Ingves hat dafür keine plausible Erklärung, wie er jüngst an einem Vortrag zugegeben hat. Vor allem der krasse Gegensatz zum harten Franken ist Ökonomen ein Rätsel. Denn fundamental sind sich die beiden Währungen frappierend ähnlich. Beide Länder sind hoch entwickelte, offene Volkswirtschaften mit gesunden Staatsfinanzen und Überschüssen in der Leistungsbilanz.

Beide Zentralbanken betreiben eine extreme Geldpolitik mit Negativzinsen und einer Ausweitung ihrer Bilanz, die Riksbank mit dem Kauf inländischer Anleihen und die SNB über Devisenkäufe. Im Vergleich zur SNB-Bilanz von 820 Milliarden Franken sind die Riksbank-Aktiva mit umgerechnet 93 Milliarden Franken aber ein Klacks. Das Inflationsniveau liegt zwar etwas höher als in der Schweiz, ist aber bei weitem nicht so dramatisch, wie es die Abwertung der Krone vermuten liesse – damit sind die Preise für Importe gestiegen.

Der Hauptunterschied zwischen den beiden Währungen ist ihr Ruf. «Der Franken und die Schweiz gelten als sicherer Hafen», erklärt UBS-Devisenstratege Thomas Flury. Diesen Status habe Schweden trotz seriöser Wirtschaftspolitik nie erreicht. Seit den Abwertungsepisoden in den Achtziger- und Neunzigerjahren haftet der Krone der Ruf einer schwachen Währung an. Um nicht in die Eurozone aufgenommen zu werden, erfüllte Schweden das Maastricht-Kriterium der Wechselkursstabilität absichtlich nicht.

Zu wenig Krone-Anlagen

Vom Mythos des Frankens als sicherer Hafen spricht auch Thomas Stucki, CIO der St. Galler Kantonalbank. Und er verweist auf liquide Anlagen: Es gebe schlicht zu wenig Krone-Assets. Der schwedische Aktienmarkt ist mit einer Kapitalisierung von rund 700 Milliarden Dollar weniger als halb so gross wie der schweizerische.

Aus fundamentaler Sicht lässt sich anmerken, dass die Leistungsbilanzüberschüsse in Schweden zurückgehen und niemals das Volumen haben wie in der Schweiz. «Die Schweiz erzielt mit Konzernen wie Nestlé, Roche und Novartis viel grössere Überschüsse in der Leistungsbilanz als Schweden», sagt Flury.

Trotz der komplett anderen Währungssorgen geht es den Schweden weder viel besser noch deutlich schlechter als uns. Die Arbeitslosigkeit ist zwar höher, aber bei anderen wirtschaftlichen Kennzahlen kann Schweden locker mit der Schweiz mithalten. Der Vergleich legt nahe, dass der Einfluss der Währung überschätzt wird und die strukturellen Rahmenbedingungen wichtiger sind.

Weder führt eine sehr starke Währung in den Ruin, noch ist sie die einzige Quelle langfristiger Prosperität, weil sie zu Innovation anspornt. Auch Schweden liegt bei Patentanmeldungen und Innovationsranglisten weit vorne. Bei der Digitalisierung sind die Skandinavier führend, und mit Stockholm verfügen sie über eine Start-up-Hochburg.

Erstellt: 21.05.2019, 16:20 Uhr

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