Eine weitere Abschwächung, kaum eine Rezession

Die jüngsten Daten der Bundesökonomen zeugen von einer Eintrübung der Wirtschaftsdynamik in der Schweiz. Für die Zukunft bleiben sie verhalten optimistisch.

Dass die Schweiz Sitz vieler Sportverbände ist – im Bild das IOK in Lausanne –, schlägt sich auf die Wirtschaftszahlen nieder. Foto: Keystone

Dass die Schweiz Sitz vieler Sportverbände ist – im Bild das IOK in Lausanne –, schlägt sich auf die Wirtschaftszahlen nieder. Foto: Keystone

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Droht der Schweiz eine Rezession? Diese Frage beschäftigt auf dem Hintergrund weltweit eingetrübter Prognosen immer stärker. Beantwortet wurde die Frage heute von den Ökonomen des Bundes (Seco) nicht. Dennoch macht Eric Scheidegger, Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik, schon deutlich: «Eine schwere Rezession erwarten wir nicht für die Schweiz, die erwartete deutliche Abschwächung zeigt sich jetzt aber immer klarer in den Daten.»

Tatsächlich hat das BIP in der Schweiz im zweiten Quartal nur noch um 0,3 Prozent zugenommen – nach bereits schwachen 0,4 Prozent im ersten Quartal. Mit der Hochkonjunktur war es bereits in der zweiten Hälfte des letzten Jahres vorbei. Laut Seco erfüllte die Schweiz damals sogar die technischen Bedingungen für eine Rezession, denn in den beiden letzten Quartalen von 2018 sank das Schweizer BIP. Erst die Revision der Daten diesen Sommer brachte dies ans Licht.

Schuld war allerdings bloss der Umstand, dass die Einnahmen von Sportereignissen – wie im ersten Halbjahr 2018 die Olympischen Winterspiele und die Fussballweltmeisterschaft – in der Schweiz verbucht werden, weil sowohl das Internationale Olympische Komitee wie auch die internationalen Fussballverbände Fifa und Uefa ihren Sitz in der Schweiz haben. Rechnet man deren Einfluss heraus, wäre die Schweizer Wirtschaft nur im dritten Quartal 2018 leicht geschrumpft und hätte im vierten mit 0,2 Prozent noch leicht zugelegt.

Folge der weltweiten Entwicklung

Die Abschwächung der Schweizer Wirtschaft steht im Kontext einer ähnlichen Entwicklung weltweit. Am stärksten betroffen ist die Industrie. Vorlaufindikatoren wie die sogenannten Einkaufsmanagerindizes (PMI), die auf Umfragen bei Einkäufern grosser Unternehmen beruhen, zeigen hier ein düsteres Bild: In der gesamten Eurozone und jetzt auch in den USA deuten sie auf eine weitere Verschlechterung des Geschäftsumfelds hin.

Deutlich schlimmer als erwartet ist die Entwicklung in Deutschland, in das immerhin 20 Prozent aller Schweizer Exporte gehen. Verschiedene Ökonomen rechnen dort mit einer Rezession. Der PMI zur Industrie des Landes und die Bestellungseingänge befinden sich praktisch im freien Fall, wie heute ebenfalls publizierte Zahlen zeigen.

Laut Eric Scheidegger vom Seco hielten sich die Auswirkungen der globalen Entwicklung auf die Schweiz bisher allerdings in Grenzen. Der Aussenhandel bleibt noch immer stabil – ohne Berücksichtigung des für die inländische Konjunktur wenig bedeutsamen Transithandels legten die Güterexporte aus der Schweiz im zweiten Quartal sogar leicht um 0,3 Prozent zu.

Täuschende Entwicklung der Industriebranche

Mit Blick auf die internationale Entwicklung überrascht auf den ersten Blick die starke Entwicklung der hiesigen Industrie. Die Branche konnte um 1,3 Prozent zulegen und wuchs damit fast so stark wie im Vorquartal (1,4 Prozent). Das liegt aber vor allem am Abschneiden des Bereichs Pharma und Chemie, der ebenfalls zur Industrie gezählt wird. Mit einem Anteil von 45 Prozent an den Schweizer Exporten dominiert dieser Sektor den Aussenhandel. Weil dessen Erzeugnisse – etwa Medikamente – in jeder Konjunkturlage benötigt werden, ist er auch weniger durch eine generelle Konjunktureintrübung in den Absatzländern oder durch einen verteuerten Franken betroffen.

Das gilt aber nicht für die übrige Industrie, vor allem aus dem Maschinen-, Elektronik- und Metallbereich. Laut Eric Scheidegger macht sich die internationale Abschwächung in den Auftragsbüchern und den Umsätzen der Unternehmen aus diesen Bereichen bereits deutlich sichtbar.

Einer der Gründe für den weltweiten Abschwung ist der Handelskrieg zwischen den USA und China. Dieser und der nach wie vor ungewisse Ausgang des Brexit belasten die Weltwirtschaft weiter, wobei es angesichts vieler möglicher Szenarien unmöglich ist, daraus eine Prognose abzuleiten.

Als weiterer Unsicherheitsfaktor kommt die Geldpolitik hinzu – etwa, wenn sie zu Verwerfungen an den Kapitalmärkten führt. Die Folge dieser Unsicherheiten zeigte sich bisher vor allem in einer ausgeprägten Reduktion der Investitionen der Unternehmen weltweit. Auch in der Schweiz sind im letzten Quartal die Ausrüstungsinvestitionen deutlich um 1 Prozent zurückgegangen. Eine noch stärkere Aufwertung des Frankens ist ein weiteres Risiko, das sich aus diesen Unsicherheiten ergibt.

Erstellt: 05.09.2019, 17:09 Uhr

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