Europa hat grössere Probleme als Huawei

Bei 5G dreht sich alles um den chinesischen Hersteller. Die wahre Gefahr liegt aber woanders.

Die US-Regierung rät davon ab, Huawei-Technologie zu kaufen: Logo des chinesischen Herstellers an einer Messe in Peking. Foto: Keystone

Die US-Regierung rät davon ab, Huawei-Technologie zu kaufen: Logo des chinesischen Herstellers an einer Messe in Peking. Foto: Keystone

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Vor nicht allzu langer Zeit waren die 4G-Mobilfunknetze mit ihrem Versprechen von massiver Datenübertragung und billigen Sprachanrufen der nächste grosse Schritt in der Telekommunikation. Jetzt kommt 5G, das dank seiner höheren Geschwindigkeit (200-mal schneller als 4G), des schnelleren Datentransfers aus drahtlosen Breitbandnetzen und vor allem der Möglichkeit, cyberphysikalische Objekte im Internet der Dinge zu verbinden, potenziell alle möglichen digitalen Innovationen anregen wird.

Darüber hinaus wird erwartet, dass 5G die wesentlich kürzeren Reaktionszeiten ermöglicht, die für autonomes Fahren, fortschrittliche Fabrikautomatisierung, Smart Cities, E-Health und viele andere Anwendungen erforderlich sind.

Aber es gibt noch einen weiteren wesentlichen Unterschied. Während der Kampf um 4G vor allem kommerziell war und sich auf die Schaffung von Arbeitsplätzen und das Erwirtschaften von Gewinn konzentrierte, dreht sich die aktuelle 5G-Debatte um Geopolitik, Technologieführerschaft und nationale Sicherheit. Hier muss Europa einen viel stärkeren gemeinsamen Ansatz für die neue 5G-Technologie entwickeln, um sich für Sicherheitsrisiken weniger anfällig zu machen.

Grosse Sicherheitsrisiken

Die aktuelle 5G-Kontroverse dreht sich hauptsächlich um die Frage, ob amerikanische und europäische Mobilfunkbetreiber Geräte des chinesischen Telekommunikationsriesen Huawei kaufen sollten. Die US-Regierung hatte das Unternehmen zuvor wegen Spionageproblemen aus dem Telekommunikationsmarkt verbannt (obwohl sie bislang noch keinerlei Beweise veröffentlicht hat) und fordert ihre europäischen Verbündeten nachdrücklich auf, dies ebenfalls zu tun.

Sowohl die Position der USA als auch die der EU gegenüber Huawei stehen jedoch im Widerspruch zu ihren kommerziellen Interessen. Mit dem Verbot des chinesischen Unternehmens begünstigt Präsident Donald Trump die europäischen (und die südkoreanischen) Gerätelieferanten, obwohl er über das Handelsdefizit Amerikas gegenüber der EU klagt. (In jüngster Zeit hat Trump angedeutet, seine Haltung gegenüber Huawei könne sich etwas lockern.)

Das Sicherheitsrisiko besteht darin, dass man das gesamte 5G-Netzwerk mit einem digitalen Kill Switch unterbrechen könnte.

Obwohl die EU-Regierungen unterschiedliche Ansichten vertreten, wollen die meisten Huawei nicht ausschliessen. Jede nationale Regierung hält niedrigere Gerätepreise für ihren nationalen Telekommunikationsbetreiber für wichtiger als die Unterstützung führender europäischer Unternehmen in der 5G-Technologie (wie Nokia und Ericsson).

Auf jeden Fall sollten die Sicherheitsbedenken der USA und der EU weit über Huawei und die chinesische Regierung hinausgehen. Die neuen 5G-Netze stellen ein einzigartiges Sicherheitsrisiko dar, da ihre Hauptfunktionen von Software und nicht von Hardware abhängen. Dies macht 5G viel schneller als herkömmliche drahtlose Netzwerke, aber auch anfällig für potenziell schädliche Angriffe.

Heutige IT-Systeme sind hoch komplex: Smartphone-Chips haben mehr als 8 Milliarden Transistoren und Betriebssysteme über mehr als 50 Millionen Codezeilen. Zudem enthalten viele dieser Systeme Komponenten, die von Hard- und Softwareanbietern aus der ganzen Welt geliefert werden. Die eröffnet mehrere mögliche Einstiegspunkte für bösartige Angriffe und Datenlecks, da Hintertüren entstehen, die genutzt werden können, um die Kontrolle über ein Gerät zu erlangen. Wenn Hintertüren nicht erkannt und überwacht werden können, sind auch ganze 5G-Netzwerke potenziell gefährdet.

Die Schwachstelle  ergibt sich aus dem Wunsch der Staaten, das eigene Mobilfunknetz unter nationaler Kontrolle zu halten.

Das grösste nationale Sicherheitsrisiko besteht also darin, dass ein Anbieter für das gesamte 5G-Netzwerk oder für einen Teil desselben den ganzen Datenverkehr aufsaugen oder den Betrieb des ganzen Netzwerks mit einem digitalen Kill Switch unterbrechen könnte. Umfangreiche Sicherheitsüberprüfungen von Huawei-Geräten haben keine solchen Hintertüren aufgedeckt. Das ist nicht verwunderlich: Huawei wäre sofort aus dem Geschäft, wenn sie auch nur einmal bei einem solchen Unterfangen erwischt würde.

Obwohl die EU eigene Lieferanten von 5G-Geräten hat und chinesische Anbieter wie Huawei vom Markt ausschliessen könnte, ist ein solcher Schritt unnötig. In vielen europäischen Ländern stellt Huawei nur einen Teil des Mobilfunknetzes zur Verfügung. Zudem bietet die Zusammenarbeit mit mehreren Anbietern einen gewissen Schutz vor einem Kill-Switch-Risiko für das gesamte System.

Vielfalt schützt auch, denn alle europäischen Staaten führen eigene, oft sehr unterschiedliche Sicherheitskontrolle an Huawei-Geräten durch, wobei viele von ihnen nur über begrenzte Ressourcen und Erfahrungen verfügen. Die Sicherheit der zukünftigen 5G-Netze könnte viel besser gewährleistet werden, wenn eine EU-Agentur eine gemeinsame Überprüfung aller Ausrüster durchführen würde.

Zukünftige Cyberangriffe können durchaus auf mehr als einen Mitgliedstaat abzielen.

Generell ergibt sich die potenzielle 5G-Schwachstelle der EU vor allem aus dem Wunsch der Staaten, das eigene Mobilfunknetz unter nationaler Kontrolle zu halten. So wurde beispielsweise die Zuteilung von 5G-Frequenzen vollständig auf nationaler Ebene nach sehr unterschiedlichen Regeln und Bedingungen durchgeführt. Dies macht natürlich die Entstehung von «Europameistern» in der Telekommunikationsbranche weniger wahrscheinlich.

Darüber hinaus wird die Verteidigung nationaler Netzwerke gegen Cyberangriffe auch national gesteuert. Die EU-Agentur für Cybersicherheit (Enisa) spielt nur eine schwache koordinierende Rolle.

Für digitalen Binnenmarkt

Dennoch sind die Telekommunikationsnetze in Europa über die nationalen Grenzen hinweg stark integriert. Zukünftige Cyberangriffe können durchaus auf mehr als einen Mitgliedstaat abzielen, und ein Stromausfall in einem Land würde andere schwer beeinträchtigen. Die EU braucht daher dringend eine starke, integrierte Cybersicherheitsagentur. Längerfristig sollte der gesamte Rechtsrahmen für Telekommunikationsnetze, einschliesslich Frequenzauktionen, auf EU-Ebene zentralisiert werden. Damit würde endlich ein «digitaler Binnenmarkt» geschaffen.

Es wäre falsch, wenn Europas Regierungen einen chinesischen Anbieter von 5G-Netzausrüstung als die grösste Bedrohung für die Cybersicherheit des Kontinents und seine Fähigkeit zur Entwicklung von Telekommunikations-Champions erachteten. Die wahren Schwachstellen Europas sind der fragmentierte Telekommunikationsmarkt und das Fehlen eines gemeinsamen Cyber-Defense-Systems. Die bevorstehende Einführung von 5G sollte ein Weckruf für die Politik auf dem gesamten Kontinent sein.

Daniel Gros ist Direktor des Centre for European Policy Studies.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 25.07.2019, 17:08 Uhr

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